Sturmtief „Zeljko“ : Sommersturm in SH: Starkregen, Unfälle und abgesagte Open-Air-Veranstaltungen

In Flensburg kam am Samstag ordentlich was runter – wie hier in der Neustadt am Grönlandgang.
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In Flensburg kam ordentlich was runter – wie hier in der Neustadt am Grönlandgang.

Bei Unfällen am Samstag gibt es Schwerverletzte. Am Abend sollte es stürmisch werden. Einige Wochenend-Events im Norden wurden wegen des Unwetters abgesagt.

shz.de von
26. Juli 2015, 09:57 Uhr

Schleswig/Westerland | Schleswig-Holstein und Hamburg haben sich sich für den Sturm gewappnet: Nach ersten Gewittern und Starkregen in der Nacht zu Samstag wurde am Abend mit Sturmböen gerechnet. Tief „Zeljko“, das am Freitag als gewöhnliches Tiefdruckgebiet vor der Bretagne lag, werde sich zum Sturmtief entwickeln, sagte Meteorologe Christian Herold vom Deutschen Wetterdienst (DWD). „Zeljko“ sollte von der Nordsee über Dänemark bis nach Schweden ziehen.

Die Meteorologen erwarteten in Schleswig-Holstein Sturmböen um 80 Kilometer pro Stunde, vereinzelt auch schwere Sturmböen von über 90 Kilometern pro Stunde. Auf den Inseln und direkt an der Nordseeküste sollte es ab Samstagabend noch heftiger werden: Der DWD warnte vor orkanartigen Böen mit bis zu 110 Kilometer pro Stunde an den Küsten der Kreise Nordfriesland und Dithmarschen sowie auf Helgoland – und rät: „Sichern Sie Gegenstände im Freien, schließen Sie alle Fenster und Türen!“

„Wir bereiten uns darauf vor wie auf einen Herbststurm“, sagte ein Sprecher der Leitstelle in Harrislee (Kreis Schleswig-Flensburg) am Samstag. Man habe bereits freiwillige Helfer zur Unterstützung in der Nacht zu Sonntag alarmiert.

Möglich ist laut Meteorologen auch die Bildung von sogenannten Stacheljets. Dabei wird in einem eng begrenzten Gebiet Luft aus großer Höhe in der Form eines Stachels nach unten gesaugt. In diesem Fall können Böen um 105 Kilometer pro Stunde auftreten. „Solche Wetterlagen sind häufig im Herbst und im Winter anzutreffen, im Hochsommer sind sie eine absolute Rarität. Und genau das macht sie so gefährlich, denn die Bäume sind voll belaubt und bieten dem Wind eine große Angriffsfläche“, erklärt der Meteorologe Friedrich Föst auf der Internetseite der MeteoGroup.

Nach einem Starkregenschauer wurden in Flensburg am Samstagnachmittag Straßen überspült – wie hier im Stadtteil Weiche.
Benjamin Nolte
Nach einem Starkregenschauer wurden in Flensburg am Samstagnachmittag Straßen überspült – wie hier im Stadtteil Weiche.
 

Das Unwetter führte bereits am frühen Samstagmorgen zu zwei Unfällen auf der Autobahn 1: Bei Heiligenhafen (Kreis Ostholstein) wurden sechs Menschen verletzt, zwei davon schwer. Ein junger Mann war mit seinem Wagen auf der regennassen Fahrbahn ins Schleudern geraten, wie ein Sprecher der Autobahnpolizei am Samstagmorgen sagte. Demnach stieß der Wagen gegen die rechte Leitplanke und schleuderte zurück auf die Fahrbahn. Daraufhin prallte ein folgendes Auto frontal in die Seitentür des Wagens. Bei dem Aufprall wurden der Fahrer des ersten Autos und eine Frau, die in dem zweiten Unfallwagen saß, schwer verletzt. Die anderen vier Insassen, darunter ein Kind, erlitten leichte Verletzungen. Die A1 wurde rund zwei Stunden in Richtung Süden voll gesperrt.

Auf Höhe der Abfahrt Bad Oldesloe wurden ebenfalls Autofahrer verletzt. Der Unfallhergang war fast identisch: Ein Audi war auf der regennassen Fahrbahn ins Schleudern geraten, zwei weitere Fahrzeuge knallten in die Unfallstelle hinein. Nach Angaben der Autobahnpolizei war der Audi-Fahrer Richtung Hamburg unterwegs, als er während des heftigen Gewitters von der linken auf die mittlere Fahrspur schleuderte, sich drehte und entgegensetzt der Fahrtrichtung stehen blieb. Ein Opel Vectra und ein weiteres Fahrzeug knallten in die Unfallstelle hinein. Der Fahrer des Opel wurde in seinem Wagen eingeklemmt. Feuerwehrleute der Freiwilligen Feuerwehr Reinfeld holten ihn aus dem demolierten Fahrzeug heraus. Nach einer Erstversorgung durch den Rettungsdienst wurden zwei Unfallbeteiligte mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht. Während der Rettungs- und Bergungsarbeiten war die Autobahn Richtung Süden voll gesperrt. Die Polizei leitete den Verkehr von der Abfahrt auf die Auffahrt um.

Nach starkem Regen stießen außerdem in Barkelsby (Kreis Rendsburg-Eckernförde) am Samstag zwei Autos frontal zusammen. Vier Menschen seien dabei verletzt worden, zwei davon schwer, berichtete die Polizei. Ein aus Richtung Eckernförde kommendes Fahrzeug war den Angaben zufolge hinter einer Kurve auf der regennassen Fahrbahn ins Schleudern geraten und frontal gegen ein entgegenkommendes Auto geprallt. In beiden Wagen saßen jeweils zwei Menschen. Rettungswagen brachten die Verunglückten in umliegende Krankenhäuser. An den Fahrzeugen entstand Totalschaden. Die Polizei sperrte die L26 eineinhalb Stunden komplett.

Vor den angekündigten Unwettern machten Einsatzkräfte in Hamburg die Zelte für rund 2000 Flüchtlinge sturmfest. Zwischenzeitlich war eine Evakuierung der Zelte an sechs Standorten in Erwägung gezogen worden. „Wir haben die Wetterprognosen fortlaufend verfolgt und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass dies nicht erforderlich ist“, berichtete Björn Domroese von der Innenbehörde am Samstag nach einer Beratung von Polizei und Katastrophenschutz. „Wir behalten die Wetterlage aber natürlich weiter im Auge.“ Derweil sicherte das Technische Hilfswerk Hamburg (THW) am Freitagabend und Samstagvormittag die Zelte bereits ab. Je nach Boden habe man sie entweder mit Eisenstangen im Boden verankern können oder lediglich Sandsäcke zum Schutz vor dem Wasser herangezogen, sagte ein THW-Sprecher. Der Sturmschutz sei allerdings notdürftig - „eine hundertprozentige Gewähr ist das nicht“.

Ausrücken musste die Feuerwehr bereits am frühen Samstagmorgen: Das Gewitter sorgte für einen Einsatz in Hamburg-Francop, wo ein Reetdachhaus in Brand geraten war - vermutlich hatte ein Blitz eingeschlagen. Die Feuerwehr rückte zunächst mit einem Zug aus, um insgesamt drei Menschen aus dem brennenden Haus zu retten, wie ein Polizeisprecher am Samstagmorgen sagte. Welche Art der Verletzung die Betroffenen erlitten, konnte ein Feuerwehrsprecher zunächst nicht sagen. Man gehe von Rauchgasvergiftungen aus. Später wurde ein weiterer Feuerwehrzug angefordert - mit insgesamt 50 Rettungskräften wurde der Brand am Samstagmorgen gelöscht, so der Feuerwehrsprecher. Die Aufräumarbeiten dauerten bis in die Mittagsstunden an.

Das Reetdachhaus in Hamburg-Francop brannte bis auf seine Grundmauern nieder.
rtn
Das Reetdachhaus in Hamburg-Francop brannte bis auf seine Grundmauern nieder.
 

Ausrichter von Open-Air-Veranstaltungen haben das Wetter besonders im Blick. Denn in Schleswig-Holstein werden an diesem Wochenende eine ganze Reihe Volksfeste gefeiert, die durch Regen, Matsch und umgeworfene Zelte zu versinken drohen. Die Veranstalter müssen sich nun als Risikomanager profilieren. Das „MeErlebnis“, das in diesem Jahr in Glücksburg zum ersten Mal stattfinden sollten, wurde aufgrund der Prognosen bereits um drei Wochen nach hinten verlegt. Auch die Wikingertage in Schleswig müssen vor dem Wetter kapitulieren. Am Samstag machen sie eine Pause, heißt es auf der Homepage der Veranstalter.

Das Friedrichstädter Stadtfest - auch als „Lampiontage“ bekannt - endete am Samstag schon um 18 Uhr, wie die Ordnungsamtsleiterin mitteilte. Damit fand auch der traditionelle Lampionkorso auf den Grachten der Stadt (war vorgesehen für 21.30 Uhr) nicht statt. Gleichzeitig entfiel auch das große Feuerwerk im Anschluss. Beides soll am Sonntag aber nachgeholt werden – Lampionkorso ab 17 Uhr, Feuerwerk um 22 Uhr.

Abgesagte Veranstaltungen:

Wikingertage in Schleswig (nur Samstag abgesagt)
Ostseebadfestival in Flensburg
MeErlebnis in Glücksburg
P.O.E. (Party ohne Ende) in Wanderup (verschoben auf 8. August)
Piratentag in Gelting Mole
Holi-Festival in Horn
Friedrichstädter Stadtfest (teilweise auf Sonntag verschoben)
4. kleiner Mittelaltermarkt in Norgaardholz

Auf Sylt, wo sich gerade die Welt-Surf-Elite zum Surf Cup versammelt, ist man zwiegespalten über die Wetterlage. Einerseits muss die Sicherheit der Zuschauer und Sportler gewährleistet werden, andererseits haben die windverrückten Surfer sich die zu erwartenden hohen Wellen jahrelang herbeigeseht. shz.de hat in diesem Zuge die Veranstaltungstipps von Donnerstag aktualisiert, soweit es Stand jetzt möglich ist.

1. MeErlebnis in Glücksburg (ABGESAGT/VERLEGT)

Im Kurpark, am Strand und an der Promenade in Sandwig in Glücksburg sollte von Samstag bis Sonntag das erste „MeErlebnis“ mit vielen Wasseraktivitäten für die Besucher stattfinden. Augrund der schlechten Wetterprognose wurde die Veranstaltung bereits am Donnerstag auf einen Ausweichtermin verlegt. Das große Wassersport-Strandfest wird jetzt am 15. und 16. August stattfinden. http://www.meerlebnis-gluecksburg.de/

Dewanger
In Glücksburg findet an diesem Wochenende aufgrund des Wetters kein MeErlebnis statt.
Volvo Surf Cup auf Sylt

Am Mittwoch startete der Volvo Surf Cup in Westerland auf Sylt und bislang spielte der Wind perfekt mit. Zahlreiche Profisurfer aus aller Welt kämpfen um den Titel „Slalom Weltmeister“, darunter auch der Flensburger Gunnar Asmussen, Titelträger 2013. Auf der Brandenburger Promenade können sich Besucher währenddessen den Bauch vollschlagen. Abends ab 18 Uhr gibt es musikalische Unterhaltung. Noch bis Sonntag kann man das Wasserspektakel verfolgen.

Aus Sicht des Veranstalters, sagt Matthias Regber, sei man nun stark mit den Sicherungsmaßnahmen beschäftigt. So müssten die Zeltstände und die anderen Gegenstände an der Promenade besser gesichert werden, damit sie nicht wegfliegen. Kopfzerbrechen bereitet das mögliche Gewitter am Samstag. Regber sagte, man rechne derzeit damit, dass die Sturmspitze glücklicherweise über Nacht komme, so dass keine Wettbewerbe verlegt werden müssten. Aus sportlicher Sicht erwarte er die „unglaublichsten Windbedingungen seit Jahren mit drei bis vier Meter hohen Wellen.“ Der Wettbewerb der Wave-Rider wurde gerade wegen des günstigen starken Windes sogar extra auf den Samstag verlegt. Bei dieser Disziplin sind fünf Windstärken das Minimum.

Stevie Bootz
Beim Surfcup zeigen die Sportler auf dem Wasser ihr Talent.
Brarup-Markt

15 Minuten von Kappeln entfernt, im Herzen der Landschaft Angeln, liegt das kleine Örtchen Süderbrarup. Hier soll bereits zur Zeit der alten Germanen ein großes jährliches Sommerfest stattgefunden haben. So auch diesmal. Dem Sturm sieht man in Süderbrarup gelassen entgegen. Besondere Vorkehrungen wegen des Sturms werden nicht getroffen. Vom 24. Juli bis zum 28. Juli wird hier der größte ländliche Jahrmarkt in Schleswig-Holstein gefeiert: Der Brarup-Markt. In verschiedenen Fahrgeschäften können sich die Besucher austoben und von einem 50 Meter hohen Riesenrad die Aussicht genießen – bei Sturm werden die Schausteller wohl ihre Gerätschaften schließen und sichern. Davon wird allerdings nicht ausgegangen.

Die Highlights im Überblick:

Freitag, 24.7

14 Uhr Platzkonzert
15 Uhr Markteröffnung
23 Uhr Großes Feuerwerk

Samstag, 25.7

14 Uhr Marktbeginn

Sonntag, 26.7

10.30 Uhr Zeltgottesdienst
14 Uhr Marktbeginn

Montag, 27.7

9 Uhr Marktbeginn und Pferdemarkt

Dienstag, 28.7

8 Uhr Flohmarkt für Kinder am Auto-Scooter
14 Uhr Marktbeginn


Der Brarup Markt ist der größte ländliche Jahrmarkt in Schleswig-Holstein.
Kuhn
Der Brarup Markt ist der größte ländliche Jahrmarkt in Schleswig-Holstein.
Ostseebadfestival Flensburg (ABGESAGT)

„Leider müssen wir auch vor dem Unwetter kapitulieren“, schreiben die Organisatoren vom Musikerstammtisch Flensburg am Samstagvormittag bei Facebook. Das Festival sollte Samstag und Sonntag stattfinden. Mehrere Bands sollten dem Publikum einheizen, am Sonntag war ein Musikerflohmarkt geplant.

Hier wird es am Wochenende musikalisch.
Hencke
Hier wird es am Wochenende musikalisch.
Headbangers Open Air bei Elmshorn

Von Donnerstag bis Samstag findet das Headbangers Open Air statt, das sich selbst als „die größte Gartenparty der Welt“ bezeichet. Jedes Jahr lädt der Veranstalter Horden von Metalfans auf seinen privaten Hof in Brande-Hörnerkirchen bei Elmshorn ein. Noch können Fans zuschlagen, Tickets gibt es unter http://www.headbangers-open-air.de/de/index1.php


Metalfans kommen beim Headbanger Open Air auf ihre Kosten. Foto: BAZ
BAZ
Metalfans kommen beim Headbanger Open Air auf ihre Kosten.
Wikingertage in Schleswig (SAMSTAG GESCHLOSSEN)

Die Wikingertage in Schleswig zählen zu den größten Wikingerveranstaltungen Europas. Freitag begann die Veranstaltung, am Samstag macht sie wetterbedingt eine Pause. Das teilen die Veranstalter auf ihrer Homepage mit. Am Sonntag soll es aber weitergehen. Dann können Besucher wieder Wikingerschaukämpfe erleben, die Kampfarena im Wikingerdorf bestaunen und an verschiedenen Aktionen teilnehmen (Bogentunier, Axt- und Speerwurf). Die Kleinen können sich im Kinderwikingerdorf austoben. Informationen zu den Eintrittspreisen finden Sie unter http://www.wikingertage.de/index.php/hinweise/eintritt-anfahrt.html

Wo?

Wiesenstraße
24837 Schleswig



Die Kostüme sind auf die Zeit abgestimmt.
Scholz
Die Kostüme sind auf die Zeit abgestimmt.

Wegen des Sturmtiefs gab der DWD am Samstag auch Warnungen für Nordrhein-Westfalen, Hessen und Niedersachsen heraus.

Auch der dänische Wetterdienst „DMI“ gab schon am Freitagmorgen eine Regenwarnung für Samstag aus. Im südlichen Landesteil und auf Fünen war Starkregen angekündigt. Es sei mit Überschwemmungen zu rechnen und es könne ein ein schlimmer Tag für Camper und Zelt-Urlauber werden, sagte Klaus Larsen von DMI. Bis zu 50 Millimeter Niederschlag wurden für eine Zeitspanne von sechs Stunden prognostiziert.

Obwohl „Zeljko“ deutlich schwächer ausfallen sollte als große Herbst- und Winterstürme, ist er gefährlich. „Spaziergänge und Zeltlager in Wäldern sollten in den betreffenden Gebieten am Samstag unbedingt vermieden werden“, riet Christian Herold vom DWD. Selbst Autofahrten durch Laubwälder und Alleen könnten gefährlich werden.

Mit „Zeljko“ endet in Deutschland die Hitzeperiode. Ab Sonntag wird es deutlich kühler. Im Süden wird es aber noch einmal sommerlich bei 25 Grad. „Im Norden mutet das Wetter bei Temperaturen um 20 Grad, böigem Wind und häufigen Schauern schon etwas herbstlich an“, sagte Herold.

Sollten Ihnen weitere abgesagte Veranstaltungen bekannt werden, bitten wir zwecks Ergänzung um eine Mail an onlineredaktion@shz.de.ü

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