Schädlingsbekämpfung : So viele Ratten gab es noch nie

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Ungebetene Überraschung (Archivfoto).

Milde Winter und ein Überangebot an Nahrung lassen die Population der Nager steigen. Schuld hat vor allem der Mensch.

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07. Januar 2018, 10:04 Uhr

Die Schlagzeilen schrecken die Bevölkerung immer wieder auf. „Hilfe, bei uns wohnen Ratten im Klo!“, heißt es etwa. Oder „Kampf gegen Ratten im Stadtzentrum“, „Ratten in der Uni-Klinik!“ oder „Ratten auf Spielplatz“. Die „Bild“-Zeitung schlug schon „Rattenalarm in Deutschlands Großstädten“. Tatsächlich gibt es derlei Berichte aus den allermeisten Regionen der Republik, häufig garniert mit Schreckensgeschichten aufgeschreckter Bürger.

Also Rattenalarm in Deutschland? Den Eindruck kann man durchaus gewinnen. Mancherorts nimmt die Population offenbar deutlich zu. Die Zahl der Einsätze gegen die Krankheitsüberträger ist in den vergangenen Jahren drastisch gestiegen. Vor allem Berlin macht von sich reden. Hier verzeichneten die Behörden 2016 rund 9100 Einzelmaßnahmen gegen Ratten. 2011 waren es etwa 7100. Auffallend sind die vielen Schließungen von Kinderspielplätzen und Grünanlagen zwecks Tötung der Schädlinge. Das macht nicht nur bei Eltern mulmige Gefühle. Experten betonen allerdings: „Rattenkot im Sandkasten ist viel schlimmer.“

Wie viele der Viecher, die Dutzende brandgefährliche Krankheiten übertragen, in einer Stadt leben, weiß niemand. Fachleute rechnen pro Einwohner mit einem oder zwei Exemplaren, manche gehen von mehr aus. In Berlin wohnen offiziell nahezu 3,7 Millionen Menschen, hinzu kommen Heerscharen von Touristen, die oft mindestens zwei Tage in der Metropole bleiben. Also müssten es 3,7 oder 7,4 Millionen dieser Tiere sein – wenn nicht noch mehr.

Experten verwenden noch nicht einmal den Begriff „Plage“. Sie bezeichnen die Lage – bisher jedenfalls – als beherrschbar, betonen aber auch, dass der Aufwand von Jahr zu Jahr wächst, die Rattenpopulation zu kontrollieren. Der Biologe Jona Freise, der den Fachbereich Schädlingsbekämpfung beim Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in Oldenburg leitet, hält es für entscheidend, die Vermehrung der Tiere unter Kontrolle zu halten. Das sei der Fall. „Die Bekämpfung wird allerdings schwieriger, aufwändiger und teurer. Wenn sie vernünftig funktioniert, gibt es kein Problem.“

Auch in Schleswig-Holstein, das mit seinen vielen Gewässern und seiner Landwirtschaft den Nagern beste Lebensgrundlagen bietet, bestätigen Experten diese Aussagen. Die milden Winter sowie ein Überangebot an Nahrung lassen das Aufkommen der Tiere steigen. Sie müssen sich – längst nicht nur in Großstädten – viel weniger anstrengen als früher, um an Futter zu kommen. Freise verweist auf den leichtsinnigen Umgang mit Resten von Essen aus Imbissen und Schnellrestaurants. Noch immer ist es gang und gäbe, unverbrauchte Lebensmittel das Klo herunterzuspülen. „All das stellt eine weitere, immer verfügbare Nahrungsquelle für Ratten dar“, sagt der Biologe.

Nach Einschätzung von Olaf Siebern, der seine Schädlingsbekämpfungsfirma in Bad Malente 1994 gründete und überall in Schleswig-Holstein unterwegs ist, hat die Population der Tiere von Jahr zu Jahr zugenommen – Trendumkehr nicht in Sicht. „Wir dokumentieren unsere Maßnahmen, wie schnell Köder angenommen werden, wie oft neuer Rattenbefall gemeldet wird und die Kundenresonanz ist. Früher kam nur der Kammerjäger. Heute sind Schädlingsbekämpfer in großem Maßstab unterwegs.“ Die zunehmende Zahl der Einsätze gegen Ratten merkt Siebern wie etliche Kollegen überall in Deutschland an vollen Auftragsbüchern. „Ich habe immer mehr Kunden“, erklärt er.

Jan Wittkamp, der als Schädlingsbekämpfer im Kreis Steinburg und angrenzenden Gebieten sowie in Hamburg tätig ist, berichtet: „Ich mache den Job seit zwei Jahrzehnten. So viele Ratten wie in diesem Winter gab es noch nie.“ Weil die Temperaturen nicht einmal nachts unter null Grad sackten, vermehrten sich die Tiere auch in der dunklen Jahreszeit „im Überfluss“. Wegen des vielen Regens verließen die Nager das Land und suchten sich überdachte Quartiere wie Schuppen und Lagerhallen. „Überall sieht man tot gefahrene Ratten.“

Als weitere Ursache bezeichnet Wittkamp „viel zu wenige“ behördlich angeordnete Gegenmaßnahmen. Früher hätten Städte und Gemeinden Rattenbekämpfungswochen ausgerufen. „So was gibt es nicht mehr“, sagt der Schädlingsbekämpfer und vermutet dahinter Geldmangel oder überzogene Sparsamkeit. Allerdings zögerten auch Gewerbetreibende, Grundstücks- und Hausbesitzer, ehe sie den Kammerjäger riefen. „Solange die Ratte nicht im Wohnzimmer rumrennt, interessiert es nicht“, meint er.

Den Trend zu einem Verzicht auf stadtweite Bekämpfungsmaßnahmen stellt auch sein Kollege Siebern fest. „Die sind in der Tat weniger geworden.“ Ungeachtet dessen erlebe er Behörden als kooperativ und flexibel. „Es ist wichtig, dass sich Städte und Gemeinden Rat bei Experten einholen. Man muss wissen, was an welchen Stellen getan und wie kontrolliert werden muss.“

Viele Schädlingsbekämpfer klagen über die vor fünf Jahren verschärften EU-Vorschriften zum Schutz anderer Tiere und Menschen. Kammerjägern ist es verboten, selbst Köder herzustellen. Dies mache den Job umso schwieriger. Siebern kann die Kritik durchaus nachvollziehen, hält die Vorgaben aber dennoch für sinnvoll. Er erinnert an gestorbene Raubvögel, die mit Gift verseuchte Ratten oder Mäuse gefressen hatten. „Wenn die Köder nicht sachgemäß auslagen, hat ein altes Mütterchen in der Nachbarschaft schon mal ihren Hund verloren.“ Solche Fälle seien zurückgegangen. „Wenn man weiß, wie man damit umgeht, behindert die EU-Verordnung unsere Arbeit nicht.“ Zudem setze er verstärkt hochmoderne Schlagfallensysteme ein.

Auch das bisher vor allem aus Großstädten bekannte Phänomen, dass Ratten zunehmend die Scheu vor Menschen verlieren und sich häufiger tagsüber zeigen, hat der renommierte Fachmann beobachtet. „Das kommt vor“, berichtet Siebern. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Schuld daran sind Zweibeiner, die den Tieren einen reich gedeckten Tisch bereiten. In Berlin wurden Ratten gesichtet, die sich am helllichten Tag ausgestreutes Vogelfutter mit Tauben teilten.

Der bundesweite Bauboom sorgt ebenfalls für zunehmende Sichtbarkeit der Nager. Der Abriss alter Gebäude oder das Schließen von Baulücken treibt die Schädlinge in die unmittelbare Nachbarschaft. Kellinghusen hat es gerade erlebt. Nachdem 2016 ein baufälliges Haus abgerissen worden war, suchten sich Hunderte oder gar Tausende Ratten neue Unterkünfte. Da weite Teile der Stadt betroffen waren und punktuelle Gegenmaßnahmen nicht genügend halfen, entschloss sich die Kommune zu einer dreimonatigen Bekämpfung der Nager, an der sich Privatleute beteiligen mussten. „Die haben wenigstens mal reagiert“, sagt Schädlingsbekämpfer Wittkamp. Dies wünsche er sich auch von anderen Städten und Gemeinden. „Ich beschwere mich nicht über die Entwicklung, ich lebe ja davon“, sagt. „Aber wenn nichts geschieht, wird es extrem.“
 

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