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Programmkinos : So geht es den kleinen Kinos in Schleswig-Holstein

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Teure digitale Technik und Preisdruck von Walt Disney: Die kleinen Kinos haben wenig zu lachen - aber treue Fans.

Nach der Digitalisierung ist vor der Digitalisierung. Das bekommen vor allem die kleinen Kinos im Land derzeit zu spüren. „Fünf-Jahres-Problematik“ nennt Eduard Barnsteiner das, was auf die Betreiber zurollt: die nächste Welle der Digitalisierung. Nachdem 2013 für Schleswig-Holstein die flächendeckende Umstellung der alten Projektoren auf digitale Technik vermeldet werden konnte, ist nun keinesfalls Durchatmen angesagt. „Server und Software müssen nachgerüstet werden, denn die Technik entwickelt sich weiter“, erklärt Barnsteiner, der als Filmverleiher in Ascheffel (Kreis Rendsburg-Eckernförde) arbeitet. Das kostet erneut richtig viel Geld.

„Wenn früher mal die Filmrolle hakte, konnte man das noch selbst oder mit einem Kinotechniker schnell und relativ günstig beheben. Heute kann da leicht mal eine fünfstellige Investition nötig werden“, sagt Michael Wittkowski, der gemeinsam mit Carmen Schrief das „Capitol“ in Kappeln betreibt. Ein Traditionshaus in der kleinen Schlei-Stadt. 100:000 Euro hat die komplette Digitalanlage für den Kinosaal gekostet. Seit der Umrüstung bekommen Filmfans mit der 4K-Technologie gestochen scharfe Bilder geliefert – bessere Qualität, als sie manch ein Multiplex-Kinoriese bieten kann. Und das ist nicht nur in Kappeln so. „In kleinen Kinos finden Sie häufig die bessere Bildqualität“, erklärt Wittkowski. „Viele Betreiber haben sich gesagt: Wenn wir schon investieren, dann lieber einmal richtig.“

Statt eines ratternden Projektors steht im Vorführraum nun nur noch ein schwarzer Kasten, der über einen Computer gesteuert wird. Theoretisch könnten die beiden den Film von zu Hause aus starten. In England, so berichten sie, gibt es schon die ersten Kinos ohne Personal. Doch das wäre dann nicht mehr ihre Kino-Welt.

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Vom großen Kinosterben, das es in einigen Regionen Deutschlands durchaus gibt, kann man in Schleswig-Holstein nicht sprechen. Nachdem um die Jahrtausendwende die Multiplex-Kinos viele kleine Häuser in die Knie zwangen, hat sich die Lage mittlerweile stabilisiert. „Dennoch sind sie immer auf Kante genäht“, sagt der Leiter der Kieler Filmwerkstatt Arne Sommer. „Die Leute kommen zurecht, können aber keine großen Sprünge machen.“ Viel Idealismus gehöre dazu.

In vielen Orten hat sich das kleine, besondere Kino als Institution festgesetzt. Kappeln, Rendsburg, Ratzeburg, Husum, Bargteheide und Meldorf sind nur einige Beispiele, die für ihr Programm regelmäßig mit dem Kinopreis ausgezeichnet werden. Mit diesem fördert das Land die Kinos indirekt mit jährlich 27  500 Euro. Doch gute Filme sind nicht mehr alles. „Die meisten Kinos haben erkannt, dass mittlerweile das Drumherum zählt“, meint Arne Sommer. Das Zusatzgeschäft, etwa durch besondere Verköstigung, Motto-Abende wie Ladies Nights oder Rahmenprogramm zum Film werde immer wichtiger.

2015 scheint für die Filmspielhäuser in Schleswig-Holstein ein gutes Jahr zu sein. Bis zum Sommer verbuchten sie ein Viertel mehr Besucher gegenüber dem 1. Halbjahr 2014. Das passt in den Trend der letzten Jahre: Die großen Multiplex-Paläste büßen kräftig Besucher ein, die Kinozwerge profitieren. „Capitol“-Betreiberin Schrief meint: „Der Multiplex-Hype ist vorbei, die Leute besinnen sich aufs Lokale zurück – das Kino um die Ecke.“

Einen Dämpfer erhielten die kleinen Häuser allerdings im Frühjahr, als der Filmverleih-Riese Walt Disney in den Preiskrieg zog. Statt wie bislang 47,7 Prozent vom Preis jeder verkauften Karte an den Verleih abzuführen, sollten dies fortan 53 Prozent sein. Die Betreiber hatten die Pistole auf der Brust. Die norddeutschen Kinos traten als Interessengemeinschaft den Kampf an und strichen Disney-Filme aus dem Programm. Dieser Boykott hält laut Sprecher Karl-Heinz Meier immer noch in 70 bis 80 Orten an. Als Einkaufsgenossenschaft haben sie ein Angebot vorgelegt. Doch Disney scheint es auszusitzen. Vermutlich weiß man dort, dass man mit dem neuen Star Wars-Film, der im Dezember anläuft, einen großen Trumpf im Ärmel hat.

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erstellt am 18.Okt.2015 | 17:22 Uhr

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