Alarm-App „Nina“ : Sirene in der Hosentasche: Ab März gibt es landesweit eine Warn-App

Wenn Gefahr im Verzug ist, können die offiziellen Stellen mit Hilfe der App die Schleswig-Holsteiner darauf hinweisen – ob groß- oder kleinräumig.

Wenn Gefahr im Verzug ist, können die offiziellen Stellen mit Hilfe der App die Schleswig-Holsteiner darauf hinweisen – ob groß- oder kleinräumig.

In sieben Kreisen funktioniert die neue Technik fürs Smartphone schon – die übrigen bereiten den Einsatz vor.

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02. Februar 2018, 20:20 Uhr

Einst waren es Sirenen, jetzt übernimmt das Smartphone Warnungen der Bevölkerung bei Gefahr: Ende März soll die Alarm-App „Nina“ landesweit einsatzfähig sein. Dann will das Kieler Innenministerium die Freigabe auch für die letzten noch fehlenden Kreise und Städte erteilen – Neumünster und Lübeck, Ostholstein, Stormarn, Segeberg und das Herzogtum Lauenburg. Das Personal der dortigen Leitstellen wird bis dahin noch im Umgang mit dem neuen digitalen Instrumentarium geschult.

Die Leitstellen Nord (Flensburg, Schleswig-Flensburg, Nordfriesland), West (Steinburg, Pinneberg, Dithmarschen) und Mitte (Rendsburg-Eckernförde, Kiel, Plön) wenden „Nina“ und die dazugehörige Software bereits an. Der spektakulärste Fall, bei dem die App Bürger informiert hat, waren die freilaufenden Wildschweine in der Innenstadt von Heide im Oktober.

Wann gibt es Warnungen?

Egal ob ein solches atypisches Ereignis oder Wald- und Großbrände, chemische Unfälle, Orkane, Sturmfluten oder Störfall im Kernkraftwerk: Wenn Gefahr im Verzug ist, können die offiziellen Stellen die Schleswig-Holsteiner darauf hinweisen – ob groß- oder kleinräumig. Einzige Voraussetzung, um davon zu profitieren, ist, dass man die kostenlose App auf sein Smartphone heruntergeladen hat. Dort kann jeder individuell einstellen, für welche Orte er Warnungen erhalten möchte. Es lässt sich auch eine Variante wählen, bei der die App von sich aus erkennt, wo sich der Nutzer befindet. Dann entscheidet die Software automatisch, welche Warnungen relevant sind.

Hintergrund: Wer warnt in Deutschland vor Katastrophen?

In Deutschland ist das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) dafür zuständig, die Bürger im Notfall schnell zu warnen. Über ein modernes System können nach offiziellen Angaben amtliche Warnmeldungen in Katastrophenfällen (beispielsweise Hochwasser, Unwetter, Sturmflut) oder bei Zivilschutzangelegenheiten (beispielsweise Luftkriegsgefahren, großräumige radiologische Gefahren) in Sekundenschnelle an verschiedenste Kanäle übertragen werden. Warnmeldungen werden nach BBK-Angaben durch den Bund oder die Innenministerien der Bundesländer verschickt, im Verteidigungsfall ist der Bund zuständig.

Die Warnungen gehen vor allem an Rundfunk- und Fernsehanstalten, Paging-Dienste, Rauchmelder mit Funkempfängern, Internetprovider, die Deutsche Bahn und die Warn-App des Bundes (Nina), die Smartphone-Nutzer über Push-Benachrichtigungen wecken kann.

Die Verantwortlichen von Bund und Ländern geben ihre Warndurchsagen über eine grafische Oberfläche im seit 2013 existenten Modularen Warnsystem (MoWaS) ein, diese werden dann per Satellit an einen zentralen Warnserver übertragen. Dadurch erreichen Warnungen gezielt die betroffene Region und den relevanten Empfängerkreis, wie das Bundesamt auf seiner Homepage schreibt.

 

„In unserem digitalen Zeitalter, in dem sehr viele Schleswig-Holsteiner ein Smartphone besitzen, ist es unabdingbar, dass wir auch auf diesem Weg die Menschen warnen können“, sagt Innenminister Hans-Joachim Grote. „Ich bin froh, dass unsere Behörden so vorbildlich gearbeitet haben und bundesweit führend beim Einsatz der neuen Warnsysteme sind.“

Wofür steht „Nina“?

Der CDU-Politiker rechnet damit, dass etwa die Hälfte der Schleswig-Holsteiner innerhalb eines überschaubaren Zeitraums die „Nina“-App installiert. Das Kürzel steht für „Notfall-Informations- und Nachrichten-App“. Die Anwendung hat das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe entwickelt. Für die Computer-Technik, die die Leitstellen zum Bespielen der App brauchen, zahlt das Land jährlich 126.000 Euro – ein Bruchteil dessen, was die in Zeiten des Kalten Krieges und inzwischen abgebauten Sirenen gekostet haben.

So funktioniert das System:

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BKK

Land, Kreise und Städte haben anlässlich der Abstimmungen für den Einsatz von „Nina“ auch geprüft, ob die Ressourcen des Katastrophenschutzes dem aktuellen Bedarf entsprechen. Ein endgültiges Bild will man sich im Grote-Ressort dazu noch nicht machen. Allerdings zeichnet sich bereits vage Nachbesserungsbedarf ab: Das Innenministerium betont „die Notwendigkeit bereits geplanter Investitionen zur Erneuerung des Fahrzeugbestands.“

Noch die Küsten-Koalition hatte ein Millionen-Programm beschlossen, mit dem schrittweise bis 2027 unter anderem 52 veraltete Lösch- und 15 Katastrophenschutzfahrzeuge ersetzt werden sollen.

Was unterscheidet Warn-Apps voneinander?

Insgesamt gibt es mittlerweile bundesweit vier große Warn-Apps. Worin unterscheiden sie sich?

Katwarn: Die App Katwarn wurde vom Fraunhofer-Institut Fokus im Auftrag öffentlicher Versicherer entwickelt. Wie Nina hat sie regional unterschiedliche Funktionen. Ebenso wie Nina gibt Katwarn bundesweit Warnungen des Deutschen Wetterdienstes heraus. Bei landesweiten Gefahren bekommen Nutzer von Katwarn in Hamburg, Berlin, Rheinland-Pfalz und dem Saarland Bescheid. Für einige Landkreise und kreisfreie Städte gibt es regionale Meldungen. Sie sind auf der Webseite von Katwarn einsehbar.

Ein Nachteil ist, dass Nutzer neben dem eigenen Standort höchstens sieben Postleitzahlen angeben können, für die sie gewarnt werden möchten. Das schränkt die Reichweite gerade in großen Städten mit vielen Postleitzahlen stark ein. Dafür bietet Katwarn in Kooperation mit den jeweiligen Veranstaltern Themen-Abos an: So sind Besucher von Festivals oder Messen auf dem aktuellen Stand über die Veranstaltung.

Biwapp (steht für Bürger-Info- und Warn-App): Hier wird nicht nur vor großen Katastrophen gewarnt, sondern auch vor Schulausfällen, bei Fahndungen oder Verkehrsunfällen. Das allerdings nur, wenn die zuständigen Schulen, Ämter oder Polizeibehörden die App mit den nötigen Informationen speisen. Praktisch: Die einzelnen Kategorien können an- und ausgeschaltet werden. Wer keine Kinder hat, dem ist es vermutlich egal, ob die Schule ausfällt. Außerdem können Nutzer über die App einen Notruf an Polizei und Feuerwehr absetzen. Dabei zeigt die App die aktuelle Adresse und Position an.

DWD Warnwetter: Wer lediglich über das Wetter informiert werden möchte, trifft mit Warnwetter, der App des Deutschen Wetterdienstes, die richtige Wahl. Diese App warnt zum Beispiel bei Glatteis oder Sturm und informiert ausführlich über das aktuelle Wetter in Deutschland.

Alle vier Apps gibt es kostenlos für Android und iOS. Einen Fehler sollten Nutzer aber nicht machen: Sich allein auf die App verlassen. "Generell sind Meldungen per App nur ein Puzzlestück bei Warnungen", sagt Silvia Darmstädter vom Deutschen Feuerwehrverband. Sie seien niemals das alleinige Warnmittel, sondern nur eine sinnvolle Ergänzung zu Sirenen, Fernsehen und Radio.

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