Betrug statt Romantik : Singlebörse Facebook: Das fiese Geschäft mit der Liebe

Aus Sehnsucht nach einer neuen Liebe ist Susanne Z. Internet-Betrügern aufgesessen, die sich ihr als englische Witwer mit Tochter vorstellten und bei Facebook gestohlene   Fotos als Beweis schickten. Foto: jankuhn
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Aus Sehnsucht nach einer neuen Liebe ist Susanne Z. Internet-Betrügern aufgesessen, die sich ihr als englische Witwer mit Tochter vorstellten und bei Facebook gestohlene Fotos als Beweis schickten. Foto: jankuhn

Die Witwe Susanne Z. suchte über Facebook nach einer neuen Liebe. Viele Männer wollten nur schnellen Sex. Doch einige vermeintliche Liebhaber hatten ein anderes Ziel: ihr Geld.

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25. März 2013, 04:15 Uhr

Bargteheide | Plötzlich war es wieder da, dieses Gefühl. Glück. "Wenn man liebt, empfindet man Farben intensiver. Liebe macht schön. Man fühlt sich gesund, spürt diese ganzen Schmetterlinge im Bauch." Susanne Z. (Namen von der Redaktion geändert) scheut sich, das Wort "Ich" zu benutzen, wenn sie von sich spricht. Erst recht, seit es um ihre Empfindungen geht, die ein anonymer Mensch mit Füßen getreten hat. Ein Internet-Nutzer, der Susannes Gefühlswelt aus den Angeln gehoben und die Hamburgerin zudem um 5000 Euro beraubt hat. Weil Susannes Familie nichts davon erfahren soll, haben wir sie unkenntlich fotografiert und ihren Namen geändert.

Susanne Z. nimmt einen Schluck Cappuccino, bevor sie erzählt, wie sie einer Reihe von Liebesbetrügern auf den Leim ging. Fast dreißig Jahre war die 54-jährige Apothekenhelferin verheiratet, als ihr Mann, ein Ingenieur, an Krebs starb. "Wir hatten die Ehre, drei wundervolle Söhne gemeinsam großzuziehen, waren glücklich. Ich dachte, das geht jetzt immer so weiter", erinnert sich Susanne, inzwischen dreifache Großmutter. Doch ihr Mann erkrankt an Krebs, vor sechs Jahren ist er gestorben. "Großartig getrauert habe ich nicht", sagt sie. "Es ging nicht. Ich hatte gar keine Zeit dazu. Die Familie musste schließlich weiter funktionieren."

Bei der Partnersuche ein "Spinner-Magnet"

Susanne, eine kleine, vollschlanke Frau, liebt Märchen. Ihre Sehnsucht nach Romantik packt sie, seit sie denken kann, in selbstverfasste Gedichte mit blumigen Begriffen. Auch für die Beschreibung ihrer Ehe benutzt sie ein Bild. "Mein Mann und ich waren wie zwei nebeneinander stehende Bäume, die sich im Lauf der Jahre miteinander verwurzeln, gemeinsam Blüten und Früchte bilden", sagt sie. "Nun hat man einen der Bäume unsanft entrissen. Wo er stand, klafft ein tiefes Loch."

Fünf Jahre nach Martins Tod beschließt Susanne, den Graben neben ihrem Baum zu füllen. "Ich will zwar kein zweites Mal heiraten. Aber ich wünsche mir einen neuen Partner. Ich möchte jemand Liebes an meiner Seite haben. Zu zweit ist das Leben schöner." Also trifft sie wieder Verabredungen mit Männern, funktioniert bei ihnen aber häufig lediglich als "Spinner-Magnet", wie es einer ihrer Söhne formuliert hat.

Die meisten wollen schnellen Sex

Eine Bekannte rät ihr, online nach einem Lebensgefährten zu suchen. Keine schlechte Idee, denkt Susanne. Sie meldet sich bei verschiedenen Partnerschaftsbörsen im Internet an, bastelt sich ein attraktives Profil bei Facebook - und wartet. Nun kann jeder rund um den Globus erfahren, dass Susanne Z. eine Witwe in den besten Jahren ist, 1,52 Meter misst und eine neue Liebe sucht. Schon am nächsten Morgen dann die Überraschung: Dreißig Männer brennen scheinbar darauf, die blonde Hamburgerin kennenzulernen. Die meisten wollen schnellen Sex, daraus machen sie kein Hehl. Doch es gibt auch andere, die Susanne mit gefühlvollen Texten und attraktiven Fotos umgarnen.

Einer von ihnen heißt Paul Smith. "Er gab an, ein Kirchenmann aus England zu sein, der sich Hals über Kopf in mein Bild verliebt hat", berichtet Susanne. "Sein Foto, es zeigte einen sympathisch wirkenden Mann mit blauer Mütze, gefiel mir ebenfalls recht gut." Paul verlangt schnell Susannes private E-Mail-Adresse, schickt ihr einen herzergreifenden Brief auf Deutsch - von einem Computer-Programm fehlerhaft aus dem Englischen übersetzt.

Lange Chats - immer gleiche Satzbausteine

Auch er sei Witwer, habe eine behinderte kleine Tochter, schreibt er. Schon in jungen Jahren hatte er angeblich beide Eltern verloren und wünsche sich nichts sehnlicher, als mit Susanne glücklich zu werden.

Dass es Paul mit dieser abenteuerlichen Lebensgeschichte überhaupt nicht geben, das Foto mit größter Wahrscheinlichkeit aus dem Internet gestohlen sein könnte, an diese Gedanken verschwendet Susanne keine Sekunde. Sie antwortet dem Unbekannten, der der Hamburgerin von nun an zweimal täglich in langen Chats den Hof macht. Er schildert ihr ausgiebig, dass er ohne die vertrauensvolle Beziehung zu Susanne nicht mehr leben könne, er bald nach Hamburg kommen werde, um "meine kleine Frau" endlich sehen zu können. Auch dass Paul niemals Fragen stellt und immer die gleichen Satzbausteine benutzt, fällt der Hamburgerin nicht auf. Noch heute glaubt sie, die zärtlichen Worte galten tatsächlich ihr.

Nach Paul meldete sich Anthony

"Ich habe mich so wohlgefühlt mit ihm. Es war wie eine Sucht, ich war gierig nach diesen Chats", sagt Susanne. "Ich fühlte mich geborgen wie in einer Seifenblase." Nach ein paar Wochen schrieb Paul, er müsse beruflich nach Nigeria. Leider habe man ihm sein Portemonnaie mit allen Kreditkarten gestohlen und er könne nun den Flug nach Afrika nicht bezahlen. Ob Susanne für kurze Zeit mit 1000 Euro aushelfen könne?

"Daraufhin habe ich den Kontakt zu Paul abgebrochen", berichtet Susanne. "Denn ein anderer interessanter Mann hatte sich in mein Bild verguckt." Als Name gab er Anthony Chavis an, auch er wollte ein verwitweter Engländer mit kleiner Tochter sein und geschäftliche Beziehungen nach Afrika pflegen. "Anthony" benutzt die gleiche Masche wie "Paul": Umgarnt Susanne morgens und abends mit süßen Chats und Mails, schwärmt von einem gemeinsamen Leben zu zweit. Eines Abends meldet sich der Künftige sogar per Videochat. Dass der Mann auf dem Bildschirm dem Fotos nur in etwa ähnelt, verdrängt Susanne.

"Ich reagierte wie unter Hypnose"

Anthony will in Nigeria mit Kupferkabeln handeln, die gerade verzollt werden müssen. Die Anforderung der Behörde ist angeblich deutlich höher als veranschlagt, nun fehlen leider umgerechnet 5000 Euro, die sein Budget nicht hergeben. Ob Susanne das Geld vielleicht vorstrecken würde? Bald sehe man sich schließlich in Hamburg, dann könne er den Betrag natürlich sofort zurückzahlen. Wie zur Bekräftigung hält Anthony ein Papier vor die Webcam, das wie ein Flugticket aussieht.

"Vielleicht war es der Reiz des Abenteuers, mit einem englischsprachigen Mann zu flirten", mutmaßt Susanne. "Jedenfalls habe ich über Western Union bezahlt." Damit gibt sich der verliebte "Witwer" allerdings nicht zufrieden: Anthony brauchte plötzlich weitere 4500 Euro. "Er hat mich emotional und mental völlig unter Druck gesetzt, und ich reagierte wie unter Hypnose. Er forderte mich auf, meine Familie oder Kollegen um das Geld zu bitten, falls ich es aus eigener Kraft nicht aufbringen können sollte." Wieder schickt Susanne die gewünschte Geldsumme, die diesmal allerdings nicht abgeholt, sondern zurückgeschickt wird.

Plötzliche Finanzprobleme in Afrika

Erst nach fünf weiteren Kontakten zu angeblich verwitweten Engländern und Iren, aber auch zu einem in Afghanistan stationierten US-Soldaten namens James Donald Pershing platzt die Seifenblase, in der sich Susanne Z. so bequem eingerichtet hatte.

Alle Männer, mit denen sie gleichzeitig flirtet, scheinen auf Geschäftsreisen in Afrika plötzlich finanzielle Probleme zu bekommen. Nun wird Susanne misstrauisch.

"Romance Scammer" am Werk

Nach einem Gespräch mit einer großen Detektei erfährt sie, dass sie all die vermeintlich glücklichen Monate Romance Scammern ("Liebesbetrüger") aufgesessen ist - einer unermesslich großen Bande von afrikanischen Kriminellen. "Von Internet-Cafés in Nigeria und Ghana aus machen diese Männer englischsprachigen Frauen in Deutschland so lange den Hof, bis sie wie in Hypnose ihren Geldforderungen nachkommen", erklärt Jochen Meismann (50) von der Detektei A Plus. "Die Fotos von attraktiven weißen Männern laden sie sich entweder aus dem Internet herunter oder benutzen Bilder aus gestohlenen Handys." Die Schönlinge posieren zum Beispiel mit Tiger-Babys oder Delfinen, oder sie räkeln sich oben ohne an eleganten Pools, um ihren "geschäftlichen Erfolg" zu demonstrieren. Sogar Bilder von kleinen Mädchen sind dabei, die die Kriminellen als eigene Töchter ausgeben.

In seiner Hauptgeschäftsstelle in Dorsten nimmt der Detektiv täglich mehrere Anfragen betrogener Frauen entgegen. "Ich habe kürzlich mit einer verzweifelten älteren Dame gesprochen, die sich 25.000 Euro im Verwandtenkreis zusammengeliehen hat, um mit ihrem Internet-Verehrer ein vermeintliches Waisenhaus in Afrika zu unterstützen", sagt Jochen Meismann. "Jetzt hat sie 35.000 Euro Schulden und denkt an Selbstmord."

Opfer schweigen aus Scham

Was den Geschäftsführer der Detektei besonders schockiert: Auf ihrer verzweifelten Suche nach Liebe und zärtlichen Worten verlieren viele Frauen offensichtlich ihren Sinn für Realität. "Immer wieder höre ich bei diesen Frauen die Formulierung: Ich habe seit drei Monaten eine Beziehung zu einem Mann aus dem Internet. Dass sie diesem Mann noch nie begegnet sind, ist ihnen häufig gar nicht bewusst", erklärt Jochen Meismann.

Wie viele Frauen in Deutschland den Romance Scammern, die meist mehrere Frauen gleichzeitig mit süßen Worten becircen, täglich zum Opfer fallen, ist unbekannt. Das Bundeskriminalamt hat keine Zahlen, und die Opfer schweigen aus Scham.

Viele fühlen sich "seelisch vergewaltigt"

Auch Susanne Z. ist diese Episode ihres Lebens peinlich, zumal sie sich noch nie in ihrem Leben für Afrika, geschweige denn für afrikanische Männer interessiert hat. Doch sie kann inzwischen über sich selber lachen. "Ich sehe die ganzen Chats jetzt als teuren Poesie- und Englischkurs", schmunzelt sie. "Und außerdem gibt es mir ein gutes Gefühl, diese Flirts selbst beendet zu haben." Sie hat von anderen Frauen gehört, die sich nach dem "Erwachen" nicht nur um ihre Gefühle betrogen, sondern auch seelisch vergewaltigt fühlen.

"Das empfinde ich zum Glück nicht so", sagt sie. Lieber hat sie auf diese Weise viel Geld verloren als im Spielkasino wie andere, tröstet sie sich. Nun hofft Susanne, im wirklichen Leben einem "anständigen und normalen Mann mit Ecken und Kanten" zu begegnen. Eines ist ihr jedenfalls klar geworden: "Nach dem Tod meines Mannes hatte ich immer Angst, allein zu sein", sagt sie. "Vielleicht brauchte ich einfach diese Erfahrungen um zu merken, dass Alleinsein auch angenehm sein kann."

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