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Marieke Heimburger aus Tondern übersetzt Werke des dänischen Kultautors / Studium vor Ort für das "Alphabethaus"

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03. März 2012, 03:31 Uhr

Tondern | Wie kommt es dazu, dass Menschen einander in Extremsituationen im Stich lassen? Wohin mit Scham, wohin mit Lebenswillen im Spiegel der Selbstverachtung? Zigtausende Menschen lesen dieser Tage den neuen Jussi Adler-Olsen und begeben sich mit den Protagonisten auf die Suche nach personifizierten Antworten. Zwei britische Piloten im Schwarzwald 1944. Eine Freundschaft im Feindesland, die in der Hölle eines Breisgauer Lazaretts endet, wo psychisch Kranke als Versuchskaninchen für Psychopharmaka dienen.

Marieke Heimburger aus Tondern kennt die dramatische Suche des einen Piloten, der seinen Freund 30 Jahre zuvor im Stich gelassen hat, ganz genau. Sie ist die Übersetzerin des Buches, hat das Werk gemeinsam mit ihrem Kollegen Hannes Thiess aus dem Dänischen ins Deutsche übersetzt. Mit einer Startauflage von 210 000 Büchern erschien Anfang Februar der Thriller "Das Alphabethaus", der erste Thriller von Schriftsteller Jussi Adler-Olsen außerhalb seiner Krimireihe um Ermittler Carl Mørck. In einem jeden der hunderttausenden von Büchern steht vorn ihr Name: Marieke Heimburger. "Es ist wirklich ein großartiger Auftrag, ein Buch von Jussi Adler-Olsen zu übersetzen und für den dtv-Verlag zu arbeiten", sagt Marieke Heimburger. Vor ihr liegen die beiden Bücher. "Alfabethuset" erschien 1997, die deutsche Erstausgabe folgte erst jetzt, 15 Jahre später. Nachdem sich sämtliche Carl-Mørck-Krimis millionenfach verkauften, wurde angesichts der großen Fan-Gemeinde des dänischen Autors nun auch sein Erstlingswerk auf Deutsch veröffentlicht.

Wie eine Wahl-Tonderanerin an den Auftrag kam? Vor zwei Jahren traf Marieke Heimburger bei einer Fortbildung jenen Kollegen, der die Mørck-Reihe ins Deutsche übersetzt. Spontan übersetzte sie im Rahmen einer Übung eine Passage aus Adler-Olsens Buch - und blieb dem Kollegen im Gedächtnis. Als nun Jussi Adler-Olsens erster Thriller übersetzt werden sollte und der deutsche Übersetzer einen Partner dafür suchte, schlug er dem Verlag Marieke Heimburger vor. Die in Düsseldorf studierte Literaturübersetzerin hatte sich bis dato mit unterhaltsamer Frauenliteratur einen Namen gemacht, Bücher, die sie für Verlage wie Rowohlt/Wunderlich, Goldmann oder Piper aus dem Englischen ins Deutsche übersetzte.

Und nun also dtv. Als Erstes kaufte sie sich das Original auf Dänisch. "Durch Teil 1, der 1944 spielt, musste ich mich am Anfang doch einigermaßen durcharbeiten. Der Text ist ganz anders als die Bücher, die ich bisher übersetzt habe. Da beide Piloten sich stumm stellen, kommt eher wenig wörtliche Rede darin vor", erinnert sich die Übersetzerin ans Lesen des dänischen Urtextes. "Doch spätestens im zweiten Teil, der in meinem Geburtsjahr 1972 spielt, war ich gefesselt, und von da an war es für mich ein ,Page Turner’!"

Die Arbeit an der Übersetzung beschreibt Marieke Heimburger als "sehr, sehr intensiv". Sie reiste nach Freiburg, um ein Gefühl für die Kulisse des Romans zu erhalten, stieß auf alte Zeitzeugen und die Wehrmachtsauskunftsstelle in Berlin. "Es war wirklich spannend: "Ich übersetzte ein Buch ins Deutsche, das in Deutschland spielt. Es ist doch eher selten, dass ein ausländischer Autor seine Geschichte komplett in Deutschland stattfinden lässt. Ein Buch, in dem ich mich als Leser nicht unbedingt mit den Deutschen identifizieren will, die in diesem Lazarett grausame Dinge anstellen. Ein sehr interessantes Werk, und interessant sind auch die Reaktionen der Deutschen. Manche scheinen es nicht zu mögen, wenn sich ein ausländischer Autor mit der Schuld-Frage aus der Nazizeit beschäftigt."

Auf der Frankfurter Buchmesse traf sie Jussi Adler-Olsen im Herbst 2011 dann auch persönlich. Eher zufällig, auf einem Messeempfang von dtv. "Ich stand auf einmal neben ihm und habe mich dann einfach vorgestellt. Einen Tag später sind wir uns im Vorfeld eines Interviews mit der FAZ nochmal begegnet und haben über die Übersetzung geredet. Beispielsweise über die Recherche in Freiburg. Ich finde, er ist ein sehr feiner Mensch, der sehr sympathisch, bescheiden und feinfühlig ist", so die Wahl-Tonderanerin über den Autor aus Allerød.

Ihre Arbeit für den Adler geht weiter: Für den im September erscheinenden Mørck-Krimi "Verachtung" schrieb sie ein Nachwort und auch bei Thriller-Übersetzung Nummer 2 ist sie eine von zwei Übersetzern. Dass ein Buch in ihrer Übersetzung auf Platz 1 steht, "ist ein tolles Gefühl und irgendwie auch eine starke Bestätigung unserer Arbeit, aber vor allem natürlich hat Jussi Adler-Olsen durch seine vorherigen Bücher eine treue Leserschaft." Das erste Alphabethaus-Buch mit ihrem Namen darin hat sie übrigens verschenkt. "Es kam kurz vor Weihnachten 2011. Ich war so stolz und glücklich und habe es gleich an meine Eltern als Weihnachtsgeschenk verschickt", erinnert sich Marieke Heimburger lachend.

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