Winfried-Stöcker-Rede : „Shut up, Stöcker!“: Lübeck reagiert mit Gegenwind

<p>Im vergangenen Jahr marschierten über 1500 Menschen durch Lübecks Innenstadt, um ein Zeichen gegen Sexismus und für die Selbstbestimmung von Mädchen und Frauen zu setzen.</p>
Foto:
1 von 1

Im vergangenen Jahr marschierten über 1500 Menschen durch Lübecks Innenstadt, um ein Zeichen gegen Sexismus und für die Selbstbestimmung von Mädchen und Frauen zu setzen.

Nach der abfälligen Rede von Winfried Stöcker zur Sexismusdebatte wird in Lübeck Protest laut.

von
12. Januar 2018, 17:33 Uhr

Lübeck | Nach der Veröffentlichung der Weihnachtsrede des Lübecker Unternehmers Winfried Stöcker, in der er sich abfällig über Opfer sexueller Belästigung geäußert hat, ruft das Lübecker „Womens March“-Bündnis zu einer Kundgebung unter dem Motto „Shut up, Stöcker!“ auf. Die Kundgebung wird Samstag um 15 Uhr am Lübecker Schrangen, zwischen den Karstadthäusern, stattfinden. Mit der Aktion möchte das Bündnis ein eindeutiges Zeichen gegen Sexismus und Rassismus setzen.

Winfried Stöckers Weihnachtsrede (Wortlaut)

„Ich appelliere an die Eigenverantwortung der Betroffenen, die ja auch mit sechzehn Jahren oft schon zur Parlamentswahl gehen dürfen. Die Mädchen könnten zurückhaltender gekleidet und weniger provozierend zum Casting gehen, dass die armen Regisseure auf dem Pfad der Tugend bleiben. Aber wenn sich jemand wegen eines beruflichen Vorteils vor einem Filmproduzenten auszieht, ist das seine Sache, er ist erwachsen und es bedarf keiner aufdringlichen Tugendwächter und keines besonderen Schutzes durch ein Gesetz.

Es ist anzunehmen, dass vorwiegend diejenigen unserer Gesellschaft so erbost und hysterisch aufschreien, die von der Natur optisch weniger vorteilhaft ausgestattet worden sind. Oder es sind manche der Hübschen, denen die Moral oder die Religion verwehren, das in die Tat umzusetzen, was sie eigentlich selbst am liebsten tun würden. Sie fallen neiderfüllt in das Gezeter ein, ein Kesseltreiben folgt auf das nächste, und die Hashtag-Me-Too-Kampagne kommt ihnen wie gerufen.

Auch vielen Journalisten ist diese Thematik willkommen, hierauf gründet ihr Geschäftsmodell, etwa bei den anspruchslosen Zeitungen in Schleswig-Holstein und Sachsen. Lang und breit bedienen sie den Voyeurismus ihrer beschränkten Leserschaft. Die Personen ohne ausgefülltes Liebesleben können sich ereifern, sie kommen auf diesem Wege wenigstens in ihren armseligen Träumen zum Zuge. Die Blättchen werden spannend aufgemacht, dass sie gerne von Idioten gelesen werden.

Ich kenne bei uns einen Kollegen in führender Stellung, der hat sich in früheren Zeiten an eine junge Krankenhaus-Praktikantin herangemacht. Ein Glück, dass das schon so lange her ist, sonst müsste er vielleicht heute seinen Posten aufgeben. Mit dem Opfer hat er eine Familie gegründet und freut sich über drei gemeinsame Kinder.

Und er ist Wiederholungstäter: Später war es eine sehr hübsche Studentin in unserem Unternehmen, die er umgarnt und eingefangen hat. Und auch mit ihr hat er drei prächtige Nachkommen gezeugt, auf die er stolz ist. Da soll niemand sagen, er hätte seine Stellung missbraucht. Und seinem Beispiel sind in der Firma etliche gefolgt. Es ist doch das Natürlichste der Welt, dass man eine Frau zu sich nimmt, die man liebt, da braucht man keinen Vormund und keine besonderen innerbetrieblichen Vorschriften.

Lernt viel, macht Euch ein eigenes Bild und glaubt keiner dummen Zeitung und keinem indoktrinierten Nachrichtensprecher des Fernsehens. Petra Gerster, Marietta Slomka und Claus Kleber sind nicht die einzigen, die ihre Funktion missbrauchen: Man geht davon aus, dass sie sachlich über wahre Fakten berichten, aber oft flößen sie den Hörern nur ihre eigenen, einfältigen, rot-grünen Moralvorstellungen ein, und man fällt auf den Irrtum herein, verwechselt Vorurteile mit der Wahrheit. Auf diese Weise manipulieren Journalisten-Cliquen die öffentliche Meinung – ein Angriff auf unsere Demokratie, und gefährlich, weil alle politischen Bereiche betroffen sind. Also glaubt niemandem, außer mir. Und lasset Euch von niemandem in Euer privates Leben hineinreden.

Und jetzt ein Aufruf an Euch Kollegen, die noch auf der Suche sind: Wir haben so viele nette Jungs und Mädchen in der Firma, geht ran, egal ob Ihr Vorgesetzte seid oder nicht, es kommt nur darauf an, dass Ihr das Mädchen oder den Jungen liebt. Und zeugt viele Kinder, dass wir dem mutwillig herbeigeführten, sinnlosen Ansturm unberechtigter Asylanten etwas entgegensetzen können. Unser Kindergarten steht Euch offen.

Das Jahr geht zu Ende. Die Firma ist im laufenden Jahr wieder um 16% gewachsen, der Umsatz verdoppelt sich alle fünf Jahre. Wir kommen mit vielen großen Projekten gut voran und ein Ende des Wachstums ist nicht abzusehen. Die Zusammenarbeit mit unserem neuen Hauptgesellschafter PerkinElmer gestaltet sich sehr erfreulich, wir ergänzen uns hervorragend, die Zukunftsaussichten für unsere Arbeitsplätze haben sich noch weiter verbessert.

Ich danke Euch für Euren Beitrag zum Erfolg des Jahres 2017 und wünsche Euch ein schönes Weihnachten und ein gutes Neues Jahr.

Winfried Stöcker“

www.winfried-stoecker.de/blog/weih2017

„Herr Stöcker weist der Frau in seiner Rede eine Rolle wie der Nationalsozialismus in den 30er Jahren zu. Als Muttertier am Herd, das dem Mann zuwillen ist und gebärfreudig die Nation mit Nachwuchs versorgt. Wir werden deutlich zeigen, dass Lübeck als weltoffene und bunte Stadt im Jahr 2018 nicht bereit ist solche Ausfälle schweigend hinzunehmen", so Katjana Zunft, die im vergangenen Jahr mit vielen Unterstützerinnen das überparteiliche Lübecker „Womens March“-Bündnis ins Leben gerufen hat.

Die Kundgebung soll bunt und laut werden, „um alten weißen Sexisten und Rassisten wie Donald Trump und Winfried Stöcker zu zeigen, dass ihre Zeit vorbei ist und ihr Weltbild nicht länger die Gegenwart bestimmt“. Alle interessierten Lübecker und Lübeckerinnen werden herzlich dazu aufgerufen, sich an der Kundgebung zu beteiligen. Das Mitbringen von Transparenten, Trommeln, Pfeifen und Plakaten und allem, was dem Protest Stimme verschafft, ist deutlich erwünscht, schreiben die Organisatoren.

Auch die Jusos Schleswig-Holstein fordern Konsequenzen für den Lübecker Unternehmer. Juso-Kreisvorsitzende Melina Hering äußert sich besorgt:„Es ist unfassbar, dass Männer wie Winfried Stöcker noch immer ihre gesellschaftliche Position missbrauchen, um frauenverachtende und rassistische Propaganda zu verbreiten. Er entwürdigt die mutigen Frauen und Männer, die mit der ihnen angetanen Gewalt an die Öffentlichkeit gegangen sind“.

Desweiteren fordern die Jusos die Universität Lübeck dazu auf, sich von Stöcker zu distanzieren und in Zukunft auf eine Zusammenarbeit mit ihm zu verzichten. Auch die Firma Perkin Elmer und ihr CEO Robert Friel sollten hinterfragen, ob die Kooperation mit Stöcker noch vertretbar sei.

Die Präsidentin der Universität zu Lübeck, Prof. Dr. Gabriele Gillessen-Kaesbach äußerte sich empört über die Aussagen von Winfried Stöck, der an der Universität als Professor auf Honorarbasis arbeitet: „Die Äußerungen sind empörend und völlig inakzeptabel. Es ist bedauerlich und beschämend, zu sehen, wie sich ein ehemals verdienter Firmengründer öffentlich disqualifiziert.“

Die Landtagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen distanziert sich in ihrer Pressemitteilung ebenfalls deutlich von Stöckers Äußerungen. Sie wirft dem Unternehmer Vertauschen von Täter-Opfer-Rollen vor. „Frauen vorzuwerfen, sie seien selbst schuld an sexuellen Übergriffen, trägt zur Verfestigung der gesellschaftlichen Akzeptanz von chauvinistischem Verhalten bei“, heißt es in der Pressemitteilung. Es werde aber auch deutlich, dass die #MeToo-Bewegung Wirkung zeige. „Immer mehr Männer scheinen sich davon bedroht zu fühlen, dass Frauen es nicht mehr ertragen wollen, sich in einer sexistischen Gesellschaft unterzuordnen“, so Aminata Touré.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen