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Öl- und Erdgasgewinnung : SH plant Moratorium gegen Fracking

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Neue Ideen gegen Fracking: Bürgerinitiativen kämpfen gegen die umstrittene Energiegewinnung - mit Unterstützung von Umweltminister Habeck. Der Schlüssel ist der Landesentwicklungsplan.

Kiel | Das Land wappnet sich gegen Fracking – gegen die umstrittene Methode der unkonventionellen Gewinnung von Erdgas aus tiefen Tonstein- oder Kohleschichten. Um Strategien zu entwickeln, Fracking zu verhindern, haben sich gestern 23 Vertreter von Bürgerinitiativen mit Umweltminister Robert Habeck (Grüne) zu einem Strategiegespräch im Wissenschaftspark der Uni Kiel getroffen.

Ergebnis: Die Landesregierung will nach Angaben des Ministers zunächst einmal mit Hilfe der Neuaufstellung des Landesentwicklungsplanes „eine Art Moratorium schaffen“, mit der landesweit Fracking nicht möglich ist. Und das geht so: Es werde eine „Veränderungssperre“ erlassen – damit könne nichts genehmigt werden, was den Zielen des neu aufzustellenden Landesentwicklungsplanes widerspricht. Und dazu gehöre Fracking.

Für die Landesregierung sei dieses Instrument aber zunächst einmal nur eine Übergangslösung. Ziel sei die Reform des Bundesbergrechtes. Nur so könne Fracking dauerhaft verhindert werden. Schleswig-Holstein hatte bereits 2013 einen Antrag zum Verbot von Fracking mit umwelttoxischen Stoffen in den Bundesrat eingebracht. „Leider fanden wir keine Mehrheit“, so Habeck.

Anlass des gemeinsamen Gespräches mit dem Minister war für die Bürgerinitiativen auch der Umstand, „dass vom Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie wichtige Unterlagen vorenthalten wurden“, sagt Reinhard Knof, Sprecher von „Kein CO2- Endlager in Schleswig-Holstein“. Und die Aufsicht über diese Behörde in Hannover, die für Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein zuständig ist, habe auch das Umweltministerium in Kiel, so Knof.

Was bedeutet Fracking?

Fracking (Hydraulic Fracturing, aus dem Englischen: to fracture = aufbrechen, aufreißen) ist ein Verfahren zur Gewinnung von Erdgas und Erdöl aus unkonventionellen Lagerstätten in 1000 bis 5000 Metern Tiefe. Dabei wird mit hohem Druck unter Einsatz von Wasser, Sand und Chemikalien das Gestein so aufgebrochen, dass das Gas durch die Risse über Bohrrohre an die Oberfläche gelangen kann. Das Verfahren ist wirtschaftlich und politisch interessant geworden, um unabhängiger von Erdöl- und Erdgaslieferungen aus dem Ausland zu werden. In Deutschland wittert unter anderem der US-Konzern ExxonMobil ein lukratives Geschäft, nachdem das Unternehmen in den USA bereits Erfolge mit Gas-Fracking erzielt hat. Die Energiepreise sanken dort teils stark.

Warum ist Fracking so umstritten?

Die Auswirkungen der beim Fracking eingesetzten Chemikalien auf Natur und Umwelt, zum Beispiel auf das Grundwasser, sind nicht abzusehen. Umweltschützer befürchten eine Verunreinigung des Trinkwassers. Das Umweltbundesamt (UBA) sieht darüber hinaus Probleme bei der Entsorgung des anfallenden Abwassers (Flowback). Da die ökologischen Risiken schwer abzuschätzen sind, empfiehlt das UBA strenge Auflagen für den Einsatz der Technologie. Wissenschaftliche Gutachten plädieren unter anderem für ein Verbot von Erdgas-Fracking in Trinkwasserschutzgebieten.

Gibt es auch in Deutschland solche Erdgas-Lagerstätten?

Ja, vor allem in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen - aber in geringerer Konzentration auch in Schleswig-Holstein. Sie befinden sich in Schiefertonformationen, Kohleflözen und dichten Sandsteinformationen. Studien gehen davon aus, dass der deutsche Gasbedarf mit den Vorkommen bis zu 27 Jahre lang gedeckt werden könnte. Allerdings gelten 14 Prozent der Fläche als Wasserschutzgebiete, somit ist das Förderpotenzial weit geringer.

Warum wird die Aufsuchungserlaubnis nicht einfach abgelehnt?

Die Ursache liegt im veralteten Bergrecht, das den rechtlichen Rahmen für den Abbau von Bodenschätzen bildet. Darin ist auch festgehalten, dass Energieunternehmen grundsätzlich einen Anspruch auf Aufsuchungserlaubnis haben.

Gibt es Länder, in denen Fracking das Grundwasser bereits verschmutzt hat?

In den USA kam es nach Medienberichten aufgrund unzureichender Umweltgesetze und technischer Unzulänglichkeiten zu Grundwasserbelastungen und regionaler Beeinträchtigungen der Trinkwasserversorgung.

 

Die Bürgerinitiativen fordern ein klares gesetzliches Verbot von Fracking. Wie bereits beim umstrittenen Verpressen von industriellem Kohlendioxid (CO2) ist Knof davon überzeugt, dass ein solches Gesetz „von unten“ kommen muss. Das heißt: „Wenn eine Technologie gegen den Bürger nicht durchsetzbar ist, ist es besser, dies gleich in ein vernünftiges Recht zu fassen“, sagt Knof.

Die Bürgerinitiativen fürchten unter anderem um das Grundwasser. Denn: Beim Fracking werden mit hohem Druck Wasser, Sand und gegebenenfalls auch Chemikalien in das Bohrloch gepumpt, um das Gestein aufzubrechen. Durch die entstandenen Risse („fracs“) im Gestein können Gas und Öl dann zum Bohrloch strömen. Selbst wenn keine Chemikalien eingesetzt würden, seien eine Gefährdung des Grundwassers und Schäden für die gesamte Umwelt nicht auszuschließen.

Aus Sicht der Bürgerinitiativen bietet sich vor allem das Landeswasserrecht als Instrument an, „da hier dem Land weitreichende Gestaltungsmöglichkeiten eingeräumt werden“. „Weitere Deichlinien schaffen“, nennen die Fracking-Gegner ihr Vorhaben, der umstrittenen Technologie Steine in den Weg zu legen.

Nach Angaben der Landesregierung gibt es in Schleswig-Holstein derzeit zwölf Gebiete, in denen „Aufsuchungserlaubnisse“ und „Bewilligungen“ mit Blick auf die Technologie vorliegen. Damit würden nur Gebiete abgesteckt, um Konkurrenzunternehmen auszuschließen, heißt es. Eingriffe in den Boden – oder gar Fracking – sind nicht erlaubt.

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erstellt am 04.02.2014 | 12:00 Uhr

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