Pensionierungswelle : SH gehen die Richter und Staatsanwälte aus

Obwohl es ausreichend gut qualifizierte Nachwuchsjuristen gibt, wurde eine Arbeitsgruppe für bessere Nachwuchsgewinnung einberufen. /Symbolbild
Obwohl es ausreichend gut qualifizierte Nachwuchsjuristen gibt, wurde eine Arbeitsgruppe für bessere Nachwuchsgewinnung einberufen. /Symbolbild

In den nächsten zehn Jahren geht jeder vierte in Pension. Der Nachwuchs ist stark umworben.

fju_maj_0203 von
27. August 2017, 19:19 Uhr

Kiel | Der Schleswig-Holsteinische Richterverband warnt davor, dass der Justiz der qualifizierte Nachwuchs auszugehen droht. „Wir stehen vor einer Pensionierungswelle“, sagt Vorsitzender Wilfried Kellermann. Nach Angaben des Justizministeriums scheidet in den kommenden zehn Jahren jeder vierte Richter oder Staatsanwalt im nördlichsten Bundesland altersbedingt aus.

„Deutlich weniger Bewerber“ für Richterstellen verzeichnet Kellermann, selbst Vize-Präsident des Kieler Landgerichts, vor allem bei Männern. Chancen haben nach wie vor nur Jura-Studenten mit einem schwer zu ergatternden Prädikats-Examen. Um diese Topleute werben aber auch Spitzen-Kanzleien – „und die Gehaltsschere ist zwischen beiden Bereichen sehr weit aufgegangen“, sagt der Vorsitzende des Richterverbands. Meist das Doppelte, teilweise das Dreifache könnten Einsteiger in Spitzenkanzleien als Anwalt verdienen. Richter erhalten im ersten Berufsjahr knapp 50.000 Euro brutto.

Mit Unkündbarkeit sowie zeitlicher und räumlicher Flexibilität bei der Arbeitseinteilung bietet der Richterberuf nach wie vor starke Pluspunkte – doch diese überzeugen mit Blick auf Familienfreundlichkeit vor allem Frauen. Auf sie entfallen 70 Prozent aller Neueinstellungen von Richtern und Staatsanwälten. Mehr als Männer arbeiten Frauen im Richterberuf in Teilzeit. „Dadurch steigt natürlich die absolute Zahl der benötigten Kräfte“, stellt Kellermann fest. Wovor er mit Blick auf die Nachwuchs-Gewinnung warnt, ist zudem „eine Sogwirkung der neuen Bundesländer“: Dort stehen in den nächsten 15 Jahren 60 Prozent der Richter- und Staatsanwalts-Stellen zur Neubesetzung an. Grund: Weil zur Wende-Zeit fast alle Posten neu besetzt wurden, ballen sich die Pensionierungen ebenfalls.

Laut Justizministerium bewerben sich im Norden als Richter und Staatsanwälte „hinreichend viele und gut qualifizierte Nachwuchsjuristen“. Gleichwohl hat das Haus der CDU-Politikerin Sabine Sütterlin-Waack im Juni mit Gerichten und Staatsanwaltschaften eine Arbeitsgruppe einberufen, „die Überlegungen für eine noch bessere Nachwuchsgewinnung anstellen soll“. Es sei „ein zentrales Vorhaben der Landesregierung, die Leistungsfähigkeit der Justiz zu erhalten und wo möglich auszubauen“. Man strebe deshalb an, bei den Haushaltsverhandlungen neue Stellen einzuwerben.

„Die Neubesetzung funktioniert zwar noch, aber es ist schon schwieriger als vor einigen Jahren“, beobachtet Kellermann. Und: „Bei Rechtspflegern und Servicekräften in den Geschäftsstellen sieht es bereits jetzt besorgniserregend aus.“

Das Justizministerium bestätigt, dass es „in diesem Jahr nicht möglich war, alle Rechtspflegerstellen zu besetzen“. Gute Absolventen hätten oft andere Alternativen. Es sei „zu befürchten, dass die Bewerberzahlen für Rechtspfleger sinken“, heißt es aus dem Ressort. Fehle es an Rechtspflegern und Mitarbeitern in den Geschäftsstellen der Gerichte, „wird der ganze Apparat langsamer“, schildert Richterverbands-Vorsitzender Kellermann. Akten könnten dann mitunter erst verzögert bearbeitet oder Ladungen an Beteiligte später rausgehen.

 

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