Handball Champions League : SG Flensburg-Handewitt triumphiert über Kiel

Pure Freude: Die Spieler der SG Flensburg-Handewitt strecken den Pokal in die Höhe.
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Pure Freude: Die Spieler der SG Flensburg-Handewitt strecken den Pokal in die Höhe.

Der THW Kiel geht überraschend als Verlierer vom Platz: Die Handballer der SG Flensburg-Handewitt holen sich beim Final Four erstmals den Titel.

shz.de von
01. Juni 2014, 20:23 Uhr

Köln | Die SG Flensburg-Handewitt hat das Wunder vollbracht und den größten Triumph ihrer Vereinsgeschichte erreicht. Mit dem 30:28 (14:16)-Sieg gegen den THW Kiel im Endspiel des Final4 der Champions League krönte sich das Team von Trainer Ljubomir Vranjes zum König von Handball-Europa und beendete eine Serie von bitteren Finalniederlagen gegen den Erzrivalen aus der Nachbarschaft. Der THW Kiel stemmte sich mit Macht gegen den Verlust der Vorherrschaft im Norden, doch am Ende mussten die „Zebras“ dem Kräfteverschleiß der vergangenen Wochen im Endspurt um die deutsche Meisterschaft Tribut zollen. Nun teilen sich zwei Mannschaften aus Schleswig-Holstein die beiden am schwersten zu erringenden Titel, die im Club-Handball zu vergeben sind.

Die Sympathien der Mehrheit des Publikums in der Lanxess-Arena gehörten eindeutig den Flensburgern, die 24 Stunden zuvor in einem historischen Halbfinale den Topfavoriten FC Barcelona mit 41:39 nach Siebenmeterwerfen geschlagen hatten. Selbst Fußballstar Carlos Puyol schlug sich auf die Seite der Nordmänner, nachdem zuvor sein Barca-Team gegen Veszprem mit einem 26:25-Erfolg den dritten Platz geholt hatte. „Einmal Flensburg, immer Flensburg“ – in diesen Schlachtruf der SG-Spieler auf dem Podest stimmte bei der Siegerehrung die gesamte Arena ein – bis auf ein trauriges, aber fair applaudierendes Völkchen in Schwarz-weiß.

Die Flensburger Helden gingen diesmal einen komplett anderen Weg als in den vier verlorenen Final-Endspielen im den DHB-Pokal. Statt zu Beginn zu glänzen, konzentrierten sie alle Kräfte auf die zweite Halbzeit. Der THW Kiel kam mit verblüffender Leichtigkeit ins Spiel, abgeklärt und fast fehlerfrei legte der deutsche Meister bis zur 18. Minute eine 12:6-Führung vor. Den Flensburgern unterliefen bis zu diesem Zeitpunkt reihenweise technische Fehler, die mit Kontern bestraft wurden, dazu kamen  acht Fehlwürfe. Alles deutete auf den vierten Sieg der Kieler in der Königsklasse hin.

Doch dann begann schleichend die Wende. „Das Spiel gegen Barcelona war heute wichtig. Wir haben erlebt, dass wir mit Kampf und Willen ein Spiel drehen können – das schweißt zusammen“, sagte Holger Glandorf. Die Flensburger verloren den Glauben nicht, drei Tore zum 9:12 brachten die SG zurück ins Match. Und beim THW zeigten sich die ersten Schwächen. In der 29. Minute mussten Filip Jicha schwer pumpend auf der Bank Platz nehmen, auch andere wurden zunehmend langsamer auf den Beinen.

Gleichzeitig lief Mattias Andersson im SG-Tor warm. Gegen Barcelona hatte der alte Schwede noch eine durchwachsene Leistung gezeigt und hatte in der Schlussphase Sören Rasmussen Platz machen müssen. Doch gestern schwang er sich wieder zu einer absoluten Weltklasse auf und schuf die Basis dafür, dass die Flensburger nach 38 Minuten den ersten Ausgleich (19:19) und damit auch den einzigen Gleichstand in diesem Finale erzielten. Die unmittelbar drauffolgende Führung ließ sich die SG nicht mehr abnehmen. Erzielt wurde das 20:19 durch Linksaußen Anders Eggert nach einem spektakulären Kempa-Trick mit Rechtsaußen Lasse Svan – ein schwerer Wirkungstreffer gegen die „Zebras“. Anderssons Serie phantastischer Paraden gegen aus kurzer Distanz völlig frei werfende Kieler raubte dem Favoriten schließlich den letzten Nerv.

Vor dieser wilden Entschlossenheit knickte der THW ein. „Wir haben nicht die besten Einzelspieler, aber als Mannschaft haben wir am besten funktioniert. Wir haben so viele Finals verloren, wir wollten endlich mal gewinnen“, meinte Spielmacher Thomas Mogensen, der mit vier Toren und acht Assists eine glänzende Leistung geboten hatte. Trainer Ljubomir Vranjes sah die SG am glücklichen „Ende einer langen Reise, die wir mit dem Team hinter uns haben. Es gab gute und schlechte Spiele – dies war eins von den guten.“

Kiels Trainer Alfred Gislason hatte bereits früh die Chancen seiner Mannschaft schwinden sehen: „Wir wussten, dass wir von Minute zu Minute mehr Probleme bekommen, weil wir am Ende unserer Kräfte waren.“ Nach 47 Minuten durften alle, die zu Flensburg hielten, an den Sieg glauben. Die SG führte mit 25:21 und sah vergleichsweise fit aus. Holger Glandorf hatte fünf Tore erzielt und schien von der Kieler Defensive nicht zu halten. Doch Vranjes nahm den Linkshänder wieder heraus und schickte Steffen Weinhold aufs Feld, der mit zwei Fehlwürfen und zwei Fehlversuchen seine Mannschaft beinahe wieder in Not gebracht hätte. Die SG überstand auch diese kritische Phase, ließ Kiel gerade noch auf 28:29 herankommen, doch das war das allerletzte Aufbäumen des Handball-Giganten.

Der Rest war unbändiger Jubel, der schon begann, als das Spiel noch lief. „Ich werde einen Monat lang feiern“, kündigte Kreisläufer Michael Knudsen an. Der Däne ist einer der glücklichen Sportler, die den perfekten Zeitpunkt für den Ausstieg gefunden haben. Knudsens letzter Auftritt im SG-Trikot markiert gleichzeitig seinen größten Erfolg.

Für die Flensburger beginnt nun das große Feiern. Nach der Ankunft um 11.25 Uhr auf dem Hamburger Flughafen geht es heute um 14 Uhr auf den Südermarkt, wo sich die Mannschaft ihren Fans präsentieren wird. „Es ist nichts geplant, dafür wird es umso schöner und spontaner. Wir werden so lange da bleiben, wie es den Leuten gefällt“, sagte Geschäftsführer Dierk Schmäschke. Die Fördestadt kann sich auf eine Riesensause gefasst machen.

Reaktionen auf das Finale

SG-Trainer Ljubomir Vranjes

„Ich bin sprachlos, ich bin so stolz auf mein Team.“

SG-Manager Dierk Schmäschke

„Das fühlt sich unglaublich gut an. Eigentlich ist ein Märchen wahr geworden. Wir haben mit Barcelona schon eine Riesen-Aufgabe gehabt und dann heute auch noch Kiel geschlagen - das ist eine unglaublich gute Leistung der Mannschaft gewesen. Die SG hat ja schon einige Titel gewonnen, aber jetzt mal einen richtig großen, da sind wir alle stolz drauf.“

Lasse Svan (SG)

„Nach zwei solch großartigen Spielen ist es schwierig, die passenden Worte zu finden. Wir wollten am Anfang zu viel und haben dadurch viele leichte Fehler gemacht, die der THW gnadenlos bestraft hat. Es zeichnet die Mannschaft aus, dass sie sich wieder zurückgekämpft hat. Zum Glück hatten wir diesmal etwas mehr Zeit dafür als gegen Barcelona.“

Anders Eggert (SG)

„Wir haben in den letzten Jahren viele Finals gespielt und immer verloren. Nun haben wir endlich auch unseren Titel. Und das ist nicht irgendeiner, sondern der größte, den es im Vereinshandball zu gewinnen gibt. Das fühlt sich unbeschreiblich an.“

Tobias Karlsson (SG)

„Wir haben vor dem Finale darüber gesprochen, dass wir von den letzten vier Spielen gegen den THW drei gewonnen haben. Das hat uns Mut gemacht und nach dem schwierigen Start geholfen. Wir haben immer an uns geglaubt. Das war das Wichtigste heute.“

THW-Trainer Alfred Gislason

„Ich bin extrem stolz auf mein Team für die gesamte Saison.“

Filip Jicha (THW)

„Wir sind natürlich sehr enttäuscht. Aber irgendwann gehen auch unsere Kräfte zu Ende. Das war heute der Fall. Wir haben in der zweiten Halbzeit keine guten Lösungen mehr gegen die sehr aggressive Abwehr der Flensburger gefunden.“

Aron Palmarsson (THW)

„Ein Schlüssel zum Flensburger Sieg war sicherlich Torhüter Mattias Andersson. Er hat vor allem in der zweiten Halbzeit sensationell gehalten.“

 
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