Vorwürfe gegen Mann aus Lübeck : Sexuelle Belästigung durch Opferschützer: Was der Weiße Ring wann wusste

Der Fall macht bundesweit Schlagzeilen. Hätte der Landesvorstand früher reagieren müssen?

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17. März 2018, 22:11 Uhr

Neumünster/Lübeck | Zahlreiche Frauen haben gegen Detlef Hardt (73), den ehemaligen Leiter der Lübecker Außenstelle des Weißen Rings, schwere Vorwürfe erhoben. Sie hätten Hilfe gesucht und seien sexuell bedrängt worden. Hardt weist die Anschuldigungen zurück. Die Landesspitze der Opferschützer zog am Samstag Konsequenzen und trat zurück. Denn, mittlerweile ist klar: Erste Beschwerden gab es bereits 2012. Im Raum steht daher die Frage, seit wann der Landesvorstand von den Vorfällen wusste – und ob er sie bewusst verschwieg?

Polizei und Frauennotruf beschwerten sich seit 2012 über den Opferschützer

Der Landesvorstand des Weißen Ringes erklärte am Samstag in Neumünster, 2012 habe sich der damalige Lübecker Polizeichef, Heiko Hüttmann, gemeldet und gefordert, dass „Herr Hardt zukünftig unbedingt die notwendige Distanz bei der Betreuung von Opfern einhält“. Über den Grund sagte Landesvorsitzender Uwe Döring: „Es ging um ein Einbruchsopfer, dass Herr Hardt nach Abschluss des Falles mehrfach mit Blumen, Wein und Pralinen besuchte.“ Die Frau meldete sich bei der Polizei, weil sie das Verhalten des Opferschützers als Stalking empfand. Und eine zweite Frau soll Hardt dazu genötigt haben, der Presse ein Interview zu geben – um die Arbeit des Weißen Rings öffentlichkeitswirksam darzustellen. „Für uns waren das Beschwerden ohne sexuellen Bezug“, erklärte Döring. „Und wir haben darauf vertraut, dass Herr Hardt die an einen Opferschützer gestellten Anforderungen beherzigt.“

Bereits zuvor soll auch der Lübecker Frauennotruf ein „konfrontierendes Gespräch“ mit Detlef Hardt gesucht haben, weil einige Frauen von „grenzverletzenden Erfahrungen“ mit ihm berichteten. Hardt soll zugesichert haben, Frauen künftig nicht mehr alleine zu betreuen. Vom Landesvorstand heißt es, er sei über das Gespräch und die Vereinbarung nicht informiert worden. Döring: „Leider hat sich auch keines der Opfer  an den Landesvorstand gewendet, was mich erschüttert. Im Nachhinein ist uns klar geworden, dass Herr Hardt den Frauen vermittelt hat, ihnen würde sowieso niemand glauben, weil er die besseren Kontakte zu Polizei und Staatsanwaltschaft habe.“

Im November 2016 will der Landesvorstand dann erstmals von sexuellen Belästigungen erfahren haben. Es sei um eine Berührung am Arm und unangemessene intime Fragen gegangen. Eine Frau habe Strafanzeige erstattet, das Verfahren wurde später allerdings eingestellt.

Döring und Rath gaben am Samstagmorgen bei einem Pressegespräch ihren Rücktritt bekannt.
Michel Mittelstädt

Döring und Rath gaben am Samstagmorgen bei einem Pressegespräch ihren Rücktritt bekannt.

War dieses Wissen kein Grund, den Leiter der Außenstelle Lübeck abzulösen?

Döring: „Herr Hardt räumte ein Teil der Vorwürfe ein, nannte andere Missverständnisse und Lügen. Die Sachlage gab ein stärkeres Durchgreifen nicht her.“  Allerdings habe Hardt dem Landesvorstand damals zugesichert, weibliche Opferfälle nicht mehr alleine zu betreuen.

Im Dezember 2016 trat dann Lübecks neuer Polizeichef, Norbert Trabs, an den Landesvorstand heran und erklärte, die Polizei werde nur noch mit dem Weißen Ring zusammenarbeiten, wenn sicher sei, dass Hardt keine weiblichen Opfer sexualisierter Gewalt mehr betreue. Der Landesvorstand verwies auf die Vereinbarung, obwohl er wusste, dass diese gar nicht kontrolliert wurde, wie Uwe Rath, der stellvertretende Landesvorsitzende, nun zugab: „Wir gingen davon aus, dass Herr Hardt sich an die Vereinbarung hält, es ist keine direkte Kontrolle erfolgt.“

Die Entscheidung, sich von Detlef Hardt zu trennen, sei im Juli 2017 gefallen, so Döring. Der Landesvorstand habe erfahren, dass Hardt auf einer Autofahrt eine Angestellte der Polizei gefragt haben soll, ob er ihr Dekolleté fotografieren dürfe. Döring: „Wir vereinbarten einen Rücktritt für November. Hätte ich die Erkenntnisse von heute gehabt, hätten wir Herrn Hardt sofort abberufen. Das kann man uns vorwerfen, vielleicht haben wir auch gezögert, weil Herr Hardt bundesweit eine Vorzeigeaußenstelle des Weißen Rings geschaffen hat.“

Opfer schildern sexuelle Belästigung

Der „Spiegel“ hat zwei Frauen getroffen, die Detlef Hardt mit  eidesstattlichen Versicherungen schwer beschuldigen. So schilderte Diana M. (40) dem Frauennotruf: „Er kam dann zu mir und zog seinen Hosenlatz herunter.“ Außerdem soll Hardt sie aufgefordert haben, ihm ihre Brüste zu zeigen. Sie sei heulend zusammengebrochen, weil „wieder mal ein Arschloch“ aus ihrer Notsituation seinen Nutzen ziehen wollte.

Ein weiteres Opfer, Wiebke R. (50), hatte um Hilfe in einem Zivilverfahren gebeten. Hardt habe sie gefragt, ob sie mit ihm in ein Hotel wolle und sie „etwas lieb zu älteren Männern“ sein könne. Anders könne er ihr nicht helfen. Der Staatsanwaltschaft Lübeck liegen die Strafanzeigen der beiden Frauen vor. 

Der Bundesverband des Weißen Rings hat eine Hotline geschaltet, bei der sich weitere Opfer melden können. Döring: „Wir wissen nun von zehn weiteren Fällen, die wir bislang nicht kannten.“

Der Weiße Ring

Der Verein „Weißer Ring“ unterstützt Kriminalitätsopfer und ihre Familien und engagiert sich für die Verhütung von Straftaten. Er wurde 1976 gegründet und ist heute mit rund 50.000 Mitgliedern Deutschlands größte Opferschutzorganisation. Rund 3000 ehrenamtliche Helfer enagieren sich in 420 Außenstellen.

Die Hilfe reicht von der Erstberatung nach Delikten wie häuslicher oder sexueller Gewalt über die Vermittlung psychologischer Betreuung bis zur Prozessbegleitung. Auch kann finanzielle Hilfe gewährt werden, etwa bei notwendigem Wohnungswechsel oder für Ferienaufenthalte, die der Traumabewältigung dienen. 

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