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Landestheater-Intendant Grisebach im Interview : Sexismus-Debatte: Über Nacktheit, Sensibilität und die berüchtigte Besetzungscouch

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Landestheater-Intendant Peter Grisebach spricht im Interview über den richtigen Umgang mit Mitarbeitern, die Sexismus-Debatte und Nacktheit auf der Bühne.

shz.de von
erstellt am 25.Okt.2017 | 14:39 Uhr

Herr Grisebach, die Debatte um die sexuellen Übergriffe des US-Produzenten Harvey Weinstein erreicht mittlerweile auch die deutschen Bühnen. Gibt es diesen Machtmissbrauch auch am Theater?
Natürlich hört man hier und da mal was von anderen Häusern, aber nicht in dem Sinne, wie es bei Harvey Weinstein passiert ist. Bei meinen Stationen als Intendant gab – und gibt es immer noch – eine große Offenheit innerhalb des Ensembles, deshalb kann ich mir das für meinen Verantwortungsbereich nicht vorstellen. Solche Dinge werden höchstens mal anekdotisch gefragt, also, ob der Grisebach eine Besetzungscouch hat.

Hat er?
Nein. Ich hatte vorher in meinem Theater tatsächlich eine Couch und die wurde immer mal wieder als Besetzungscouch bezeichnet – das war so eine Art ewiger Witz. Nein, im normalen Theaterbetrieb existieren gar nicht die Abhängigkeiten, weil es nicht solche Machtstrukturen gibt.

Aber wenn der Intendant eines Hauses jemandem gewogen ist, ist das sicherlich kein Nachteil, auch weil es immer viele Bewerber auf wenige Ensembleplätze gibt.

Ja, das stimmt. Und bestimmt kommt es auch mal vor, dass diese Abhängigkeiten ausgenutzt werden, nur: Die Beispiele von denen ich gehört habe, sind wirklich an einer Hand abzuzählen…

Sie kennen aber konkrete Fälle?
Ja, die meisten liegen aber 20 oder 30 Jahre zurück, einige wenige sind relativ aktuell. Wobei es dabei auch grundsätzlich um den Missbrauch einer Machtposition gegenüber anderen Mitarbeitern geht. Ich habe übrigens vor unserem Gespräch meinen Schauspieldirektor Wolfram Apprich zu diesem Thema befragt und der hat etwas Schönes gesagt: Er hätte vor 20 Jahren zum letzten Mal eine junge Schauspielerin angefasst.

In welchem Zusammenhang?
Das war während der Probe, bei einer Kussszene. Der Partner der Dame hat sich so was von verkrampft angestellt, dass Wolfram ihm das kurzerhand vorgemacht hat. Danach ist ihm relativ schnell klar geworden, wie das hätte interpretiert werden können – und hat seine Schlüsse daraus gezogen.

Gibt es so eine Art Selbstschutz auch beim Vorsprechen?
Bei Vorsprechen ist man eigentlich nie allein, damit gar nicht erst komische Situationen entstehen.

Glauben Sie, dass das Theater aufgrund der engen Zusammenarbeit und der besonderen Körperlichkeit anfälliger für das Überschreiten von persönlichen Grenzen ist?
Ja, natürlich. Durch Berührungen, gemeinsame Bewegungen und die häufige Probenarbeit. Was mich übrigens wirklich nachdenklich gemacht hat, war ein Gespräch heute mit einer Mitarbeiterin, als ich mich wegen unseres Termins umgehört habe – das hat mir die Augen geöffnet.

Inwiefern?

Dafür, dass es unterschwellig eine Ebene gibt, auf der sich Sexismus permanent abspielt und die wir gar nicht mehr als solche wahrnehmen. Das findet weit unter der Geschichte statt, die der Anlass unseres Interviews ist. Auch da geht es um Berührungen und Bemerkungen. Das war für mich tatsächlich ein Augenöffner, ich dachte, an einem Theater, an dem ich Intendant bin, gibt es keine sexistischen Strömungen. Falsch – ich empfinde es nur nicht so.

Was genau meinen Sie?
Ich stehe vor einer Sängerin und fasse ihr an die an die Schultern, damit sie mir richtig zuhört. Eigentlich geht das schon nicht. Das Schlimme daran ist doch, dass ein junges Ensemble-Mitglied sich gegenüber dem Intendanten nicht trauen würde, zu sagen: Bitte, nimm deine Hände weg. Weil sie letztendlich doch aus einem Gefühl der Abhängigkeit heraus Bedenken haben könnte, wie ich darauf reagiere.

Also müssen Sie auch Ihr Verhalten überprüfen?
Ja, auf jeden Fall. Die Verantwortung füreinander und die Sensibilität im Umgang mit einander müssen größer werden. Wir werden das zum Thema machen.

Wie sieht es mit den Grenzen der Darstellung auf der Bühne aus? Mit der Sexualisierung der Handlung oder mit sexuellen Darstellungen?
Darauf habe ich schon immer geachtet. Denn solche Darstellungen gehen nur, wenn man ein großes Vertrauensverhältnis zwischen den agierenden Personen aufbaut.

Müssen Sie künftig auch besser argumentieren, wenn Sie Nacktheit auf der Bühne inszenieren wollen?
Nein, wenn man bei den Proben zu Ergebnissen kommt, die diese Nacktheit unbedingt erfordern, dann muss das so sein. Nacktheit um der Nacktheit willen hat aber noch nie funktioniert, wenn sich das nicht aus der Szene ergibt.

Fragen Sie künftig Ihre Ensemble-Mitglieder, welche Situationen ihnen Unbehagen bereiten?
Genau. Es geht nur über den Dialog. Und zwar nicht nur mit dem Ensemble, sondern mit allen Abteilungen. Das ist ein weites Feld.

Sie haben am Anfang des Gesprächs die Sprüche über die Besetzungs-Couch erwähnt. Ist das auch ein Grund, warum die Couch mittlerweile nicht mehr in Ihrem Büro steht?
Mein jetziges Büro ist ohnehin kleiner, die Couch passt da nicht mehr richtig rein. Aber selbst wenn der Platz da wäre, hätte ich sie wohl trotzdem nicht mehr reingestellt – allein um solchen Gedanken nicht Vorschub zu leisten.
 

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