zur Navigation springen

Tierquälerei : Serie von Angriffen: Die Angst vorm Pferde-Ripper

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Verletzte und gequälte Tiere, verstümmelte Pferde – in den Reitställen und auf den Koppeln in Schleswig-Holstein geht die Angst um.

shz.de von
erstellt am 02.Aug.2015 | 11:52 Uhr

Kiel | Eine Serie von Angriffen auf Pferde verunsichert die Reiter im Norden, allein im vergangenen Monat waren es vier. Seit Jahresbeginn sind dem Kieler Landeskriminalamt (LKA) sieben Taten gemeldet worden, bei denen Pferde vorsätzlich gequält und verletzt wurden. „Es gibt darüber hinaus einen Fall von sexuellen Handlungen an einem Pferd“, sagt LKA-Sprecherin Verena Kalus.

Ein tiefer Einstich in der Flanke, eine offene Wunde, die stark blutet. Es sind traurige Bilder ihres Trakehners, die Pferdewirtin Jenny N. (28) aus Witzeeze (Kreis Herzogtum-Lauenburg) ins Netz gestellt hat. Sie schreibt dazu: „Unserem Curly ist was Schreckliches passiert, die Vermutung liegt nahe, dass ein Pferderipper unterwegs war.“ Die junge Frau hatte ihren 15 Jahre alten Hengst vor drei Wochen verletzt auf der Weide gefunden. „Es sah aus, als hätte ihm jemand eine Eisenstange in die Seite gerammt, die Muskeln waren durchtrennt.“ Das Turnierpferd wurde in einer Klinik versorgt, bekam Schmerzmittel und Antibiotika – und überlebte. Vom Täter gibt es keine Spur. In den Tagen vor der Tat sei ein blonder Mann aufgefallen, der oft an der Weide stand und die Pferde beobachtet habe, berichtet Jenny N. und betont: „Es ist nur eine Vermutung, der wir jetzt nachgehen. Die Polizei ist informiert.“

Die tierärztliche Behandlung rettete auch einer 27 Jahre alten Haflinger-Stute in Nindorf (Kreis Dithmarschen) das Leben. Der Täter hatte das Pony vergangenen Monat mit einem spitzen Gegenstand unter anderem im Genitalbereich malträtiert. Weniger Glück hatte im Juni ein Traber-Wallach in Horst (Kreis Steinburg). Er musste eingeschläfert werden, nachdem ihm mit einem scharfen Gegenstand eine breite und tiefe Verletzung zugefügt worden war. Polizeisprecher Hermann Schwichtenberg zeigte sich erschüttert: „Wer macht so etwas, und was geht im Hirn eines Menschen vor, der einem Tier Verletzungen zufügt, die letztlich den Tod zur Folge haben?“

Die Frage ist berechtigt, eine Antwort nicht leicht zu finden. Prof. Hartmut Bosinski aus Kiel, Experte für sexuelle Präferenzstörungen wie Pädophilie, Fetischismus, Sadomasochismus und Exhibitionismus, sagt: „Der Wissenschaft fehlen noch systematische Studien zu diesen Taten.“ Der Grund: Nur selten werden Pferderipper gefasst, weshalb es lediglich Berichte zu Einzelfällen gibt.

Bis 120 .000 Euro Belohnung

Forensiker sprechen von psychisch oder sexuell gestörten Tätern. Häufig werden Stuten im Genitalbereich verletzt, was die These stützen könnte, dass es sich um Aggressionen handelt, die eigentlich gegen Frauen gerichtet sind, aber an Pferden ausgelebt werden. Bosinski: „Es ist naheliegend, dass die Taten sexuell motiviert sind, aber auch hierzu fehlt eine valide Datenbasis. Grundsätzlich kann man wohl annehmen, dass die betreffende Person ein gravierendes Problem hat.“ Dieses könne im Bereich der Sexualität liegen, denkbar seien aber auch krankhafte Rachegelüste.

Die Polizei sollte solche Fälle immer im Auge behalten, meint der Experte, denn Fakt ist: Täter, die wegen sadistischer Vergewaltigungen angeklagt werden, haben vielfach in ihrer Vorgeschichte Tiere gequält.

In Norddeutschland hat ein Serientäter zwischen 1993 und 2003 zahllosen Pferden die Bäuche aufgeschlitzt. Die Ermittlungsgruppe „Pferd“ im Landeskriminalamt Niedersachsen entwarf mittels operativer Fallanalyse ein Täterprofil: Es soll sich um einen etwa 50 Jahre alten Mann handeln, der isoliert lebt und große Hemmungen im Umgang mit Frauen hat. Der Täter konnte nicht gefasst werden. Die zur Ergreifung ausgesetzte Belohnung beträgt nach Erhöhung durch private Geldgeber mittlerweile 120 000 Euro.

Andere Pferdequäler konnten ermittelt werden. So stellte sich vergangenen August ein Mann (43) aus dem Kreis Stormarn, nachdem die Polizei das Foto einer Überwachungskamera veröffentlicht hatte. Er soll in Grömitz (Kreis Ostholstein) vier Ponys im Genitalbereich verletzt und einer Stute Schweif und Mähne gestutzt haben. Und erst im Januar erwischten Polizisten im Landkreis Harburg (Niedersachsen) einen jungen Mann (20) auf frischer Tat. Zuvor waren in der Gegend mindestens 13 Stuten im Genitalbereich malträtiert worden. Der Mann legte laut Polizei ein Geständnis ab. Die Motive der Täter werden vor Gericht erörtert, vielfach wird jedoch zu ihrem Schutz die Öffentlichkeit ausgeschlossen. So bleiben die Hintergründe schwer fassbar.

Sicher ist allerdings, dass es neben der Wut auf Frauen, die Pferde meist lieben, oder der Lust an fremdem Schmerz, also sadistischen Motiven, weitere Ursachen für die Schändung von Pferden gibt. So sind Täter teilweise tatsächlich sexuell auf Pferde fixiert. „Die unglaubliche Menge von tierpornografischem Material, das im Netz kursiert, zeigt, dass es zahlreiche Menschen mit einer entsprechenden Neigung gibt“, sagt Bosinski. Wenn Tiere Objekte sexueller Erregung oder Befriedigung sind, spricht die Wissenschaft von Zoophilie.

Ein solcher Fall schockiert die Menschen in Quarnbek (Kreis Rendsburg-Eckernförde). Dort wurden mehrfach Ponys sexuell missbraucht. Zu den Opfern gehörte auch Fohlen „Freya“. Außer einem benutzten Kondom hat die Polizei keine Hinweise auf den Täter. Und mutmaßlich hat die Fesselung eines Pferdes auf der Insel Föhr ebenfalls einen sexuellen Hintergrund. Dem Tier wurden vor wenigen Tagen mit einem Bettlaken die Vorder- und Hinterläufe gefesselt.

Eine der wenigen Gerichtsverhandlungen, über die berichtet wurde, gibt einen Einblick in die Gedankenwelt eines Pferdeschänders. 2014 ist ein Berufskraftfahrer (37) in Baden-Württemberg zu einer Bewährungsstrafe von vier Monaten verurteilt worden, weil er den Genitalbereich von Stuten mit Ästen und Zweigen misshandelt hat. „Er ist eigentlich ein Pferdeliebhaber“, erklärte der Verteidiger in seinem Plädoyer. Sein Mandant habe sich wegen Entwicklungsdefiziten eine „Ersatzliebe mit Pferden geschaffen“. Und die sei aus dem Ruder gelaufen. „Pferden, die er eigentlich liebt, hat er Schmerzen zugefügt.“ Dass die Pferde während der Misshandlungen mit Ästen, Zweigen und Stöcken stehen geblieben waren, lag nach Angaben des Sachverständigen an deren Fortpflanzungsverhalten. Bei dem Angeklagten entdeckten Ermittler auf selbstgebrannten CDs tierpornografische Bilder und Filme. Er muss sich innerhalb der zweijährigen Bewährungszeit in psychotherapeutische Behandlung begeben.

Unter Reitern beobachtet man die neuen Fälle in Schleswig-Holstein mit Sorge. „Pferde sind Freilandtiere, Übergriffe lassen sich leider nicht vollständig verhindern“, sagt Dieter Stut von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung und Berater im Pferdesportverband Schleswig-Holstein. „Kommt es zu Vorfällen, sind Nachtwachen sinnvoll. Fremde Autos sollten beobachtet und Kennzeichen notiert werden.“ Pferdewirtin Jenny N. reagiert emotionaler: „Wenn ich den Täter zu fassen bekäme, er wäre seines Lebens nicht mehr sicher.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen