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JVA Lübeck : Selbstversuch: 48 Stunden im Frauenknast

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Gefängnis, Kerker, Verlies – der Verlust der Freiheit ist eine unserer größten Urängste. Das zeigt die Vielzahl der Wörter, die Menschen dafür gefunden haben. Unsere Autorin hat sich dem Leben hinter Gittern gestellt.

Lübeck | Und dann fällt die Tür zu. Ich höre, wie der Schlüssel herumgedreht wird und der Riegel einrastet. Ab jetzt bin ich eingesperrt. Die ganze Nacht lang. In den nächsten 48 Stunden wird die Zelle 203 in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Lübeck mein Zuhause sein. Ich will wissen, wie es sich anfühlt, hinter Gittern zu leben. Eingesperrt auf acht Quadratmetern, umgeben von Betonmauern und Stacheldraht. Zumindest für einen Moment. Denn im Gegensatz zu den etwa 40 Frauen, die derzeit ihre Strafe hier absitzen, könnte ich jederzeit raus. Ich müsste nur den Knopf an der Sprechanlage neben der Tür drücken und wäre in zwei bis drei Stunden wieder zu Hause. In meinem eigenen Bett.

Stattdessen liege ich hier auf der harten Gefängnismatratze und starre die Decke an. Es ist 20:06 Uhr. Jeden Abend ab acht ist Einschluss, bis zum nächsten Morgen kommt hier keiner raus. Die Zelle ist eigentlich ganz nett. Es gibt ein Fenster, ein Bett, einen Schreibtisch, einen Schrank und sogar ein kleines Badezimmer mit Toilette und Waschbecken. Die Einrichtung erinnert an eine Jugendherberge. Trotzdem kann ich nicht schlafen. Es stinkt nach Zigaretten. Rauchen ist in den Zellen erlaubt, ebenso wie Fernsehen. Sofern man einen eigenen Fernseher hat. Ich habe keinen. Dafür hatte ich heute Glück: In der hausinternen Bücherei konnte ich mir nach dem Essen ein Buch ausleihen. Damit werde ich die Zeit schon herumkriegen. Außerdem hat mir einer der Beamten ein Radio gegeben, sodass ich nebenbei Musik höre.

Inzwischen ist es halb elf. Aus den anderen Zellen ist kein Mucks mehr zu hören. Nicht jede der Frauen ist von meinem Besuch begeistert, das habe ich von den Mitarbeitern erfahren. Als ich heute Morgen über den Flur zu meiner Zelle gebracht wurde, konnte ich die misstrauischen Blicke spüren. Ich kann es ihnen nicht verübeln. Wer den ganzen Tag unter Beobachtung steht, hat auf neugierige Fragen keine Lust. Untergebracht sind die Frauen im sogenannten Wohngruppenvollzug: Zwischen zehn und 14 Häftlinge leben gemeinsam auf einer Station. Jede Frau hat ihre eigene Zelle, dazu gibt es eine Küche, Duschen und einen Aufenthaltsraum, die gemeinsam genutzt werden. Ich frage mich, wie es ist, mit den anderen zu duschen und verdränge den Gedanken wieder. Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt für Knast-Klischees. Erstmal die Nacht hinter mich bringen.

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Der Tag beginnt um 6.15 Uhr. Mit einem kurzen „Guten Morgen“ streckt der diensthabende Beamte den Kopf zur Tür herein und kontrolliert, ob ich noch in meiner Zelle bin. Für die meisten Frauen ist um 7 Uhr Arbeitsbeginn. Wäsche waschen, die Station sauber halten oder sich um die Essenausgabe kümmern. In der Produktionsabteilung werden unter anderem Pralinenschachteln für externe Unternehmen gefaltet. Wer will und lange genug einsitzt, kann in der hauseigenen Näherei sogar eine Ausbildung machen. Von der Arbeit ausgenommen sind Frauen, die bereits zu alt oder nicht arbeitsfähig sind. Sie bleiben während der Arbeitszeiten am Vor- und Nachmittag in der Zelle eingeschlossen. So wie ich.

Ich sitze am Schreibtisch mache mir Notizen. Es ist erst zwanzig nach acht. Vorhin habe ich im großen Gemeinschaftsbad geduscht – die Tür ließ sich sogar abschließen. Das Gefängnis ist wesentlich komfortabler, als ich es mir vorgestellt habe. Wohl fühle ich mich trotzdem nicht. Das Buch habe ich schon zu drei Vierteln durchgelesen, ich will mir noch etwas für später aufsparen. Durch das Fenster beobachte ich, wie ein paar Krähen auf dem Rasen nach etwas zu Fressen picken. Das Leben da draußen ist hier weit weg. Für Monate oder Jahre beschränkt sich die Welt der Gefangenen auf das, was sich innerhalb der Mauern abspielt: Arbeiten, Fernsehen, Sport. Zeit tot schlagen. Die Uhr hat halb neun. Ich lege mich aufs Bett und versuche, ein wenig zu dösen. Ich habe das unbestimmte Gefühl, unter Beobachtung zu stehen. In der Zelle gibt es weder Kameras noch sonst irgendeine Form der Überwachung. Trotzdem kann jederzeit einer der Vollzugsbeamten hereinkommen. Ob ich dabei auf der Toilette sitze oder mich gerade umziehe spielt keine Rolle – wer im Gefängnis sitzt, gibt seine Privatsphäre am Eingang ab. Am Ende muss ich eingenickt sein, denn ich schrecke aus einem Traum hoch, in dem bei einer Zellendurchsuchung ein eingeschmuggeltes Handy in meinem Schrank gefunden wurde.

Geschmuggelt wird hier viel, wie ich bei meiner Einweisung von einer Beamtin erfahren habe, vor allem Drogen, Handys und Alkohol. In erster Linie durch die Besucher. Sie werden in Babywindeln, Schuhen oder Körperöffnungen versteckt, auch Kuchen oder andere Lebensmittel sind als Tarnung beliebt. Alle verbotenen Gegenstände musste ich in der „Kammer“ abgeben, wo sie bis zu meiner Entlassung verwahrt werden. Meine private Kleidung durfte ich behalten, so wie die anderen Frauen auch. Keine Knast-Uniform in Orange. Fast bin ich ein bisschen enttäuscht. Um die sonst übliche Leibesvisitation, bei der man sich nackt ausziehen muss, bin ich herumgekommen – den Beamten fällt es merklich schwer, mir keinen Sonderstatus zu gewähren.

Endlich ist Mittagszeit und ich stelle mich mit meinem Tablett in die Schlange vor der Küche. Einmal am Tag wird hier ein warmes Essen ausgegeben, morgens und abends gibt es Brot. Geliefert werden die Mahlzeiten von der Großküche des Männergefängnisses, das sich auf dem gleichen Gelände befindet. Heute gibt es Leber mit Kartoffelbrei und Apfelmus, dazu einen Apfel. Ich bin überrascht, wie gut es schmeckt. Kaffee oder Schokolade sind hier Luxusgüter, können aber aber von den Insassen selbst gekauft werden, über eine Bestellliste. Gleiches gilt für Hygieneartikel wie Shampoo, Cremes oder Deo, doch dafür fehlt vielen das Geld. „Wer raucht, kann sich sowas nicht leisten“, erzählt mir eine Gefangene.

Nach dem Essen ist Freistunde. Jeden Tag können die Frauen eine Stunde lang nach draußen auf den Hof. Viel Platz gibt es hier nicht, sodass wir die ganze Zeit im Kreis laufen, um uns zu bewegen. Nach der dritten Runde erscheint mir das ziemlich stumpfsinnig, aber ich laufe weiter. „Man gewöhnt sich irgendwann daran“, ruft mir eine junge Frau zu, mit der ich ins Gespräch komme. Ab und zu wechsle sie die Richtung, damit es nicht langweilig werde. Ich bewundere ihren Humor. Im Sommer ist hier mehr los, erfahre ich, dann spielen die Frauen draußen Tischtennis oder Badminton zusammen. Heute ist der Himmel grau. Wir unterhalten uns über Bücher, Hobbys und das Leben hinter Gittern. Warum sie im Gefängnis ist, weiß ich nicht. Ich weiß es von keinem hier. Es scheint eine Art ungeschriebenes Gesetz zu sein, nicht danach zu fragen. Ich halte mich daran, auch wenn es mir schwerfällt. Aus den Vorgesprächen weiß ich, dass die Straftaten hier von Betrügereien bis Mord reichen. Manche sitzen Wochen ab, andere lebenslänglich. Aus Rücksicht auf die Privatsphäre der Frauen will ich keine Details nennen – auch so ist das Leben hinter Gittern für sie schon schwer genug.

Der Alltag hinter Gittern.
Der Alltag hinter Gittern.

„Das schlimmste, wenn abends die Türen zu gehen“, sagt eine Frau. „Dieses Gefühl, dass man nicht mehr raus kann. Und die Einsamkeit. Du bist hier ganz auf dich allein gestellt.“ Ich verstehe, was sie meint, selbst nach so kurzer Zeit schon. Objektiv betrachtet mangelt es mir hier an nichts. Im Gegenteil – die Aussicht, zwei Tage zu faulenzen und keine Entscheidungen treffen zu müssen, schien mir vorher recht verlockend. Das Gefühl verflog bereits, als ich über den Besucherparkplatz Richtung Eingang lief. Die Gitterstäbe vor den Fenstern machen mich wehmütig, ich vermisse meine Familie. Ich denke darüber nach, was ich in meinem Leben alles für selbstverständlich halte. Zu entscheiden, wann ich morgens aufstehe oder was ich am nächsten Tag essen will. Hier wird mir bewusst, dass im Grunde alles ein Geschenk ist. „Freiheit bedeutet, dass man die Wahl hat“ – so hat es meine Zellennachbarin formuliert.

Am Nachmittag findet die jährliche Weihnachtsfeier statt. Die ganze Woche über haben die Frauen dafür Deko gebastelt und Kuchen gebacken. Wir singen Weihnachtslieder, der Pastor spielt auf seiner Gitarre und zwei Frauen haben einen kleinen Tanz einstudiert. Ein wenig Normalität im sonst grauen Gefängnisalltag. Trotzdem sind einige der Frauen nicht gekommen, weil sie lieber in ihren Zellen bleiben wollten. „Feiertage sind hier immer besonders schwer“, weiß die Gefangene, die neben mir sitzt. „Manche wollten mit Weihnachten gar nichts zu tun haben. Die paar Stunden extra Besuchsrecht an den Feiertagen können das Gefühl der Einsamkeit nicht auslöschen.

Ich bin unheimlich dankbar, dass ich morgen nach Hause fahren kann. Außer mir wird noch eine andere Frau entlassen. Zwei Monate war sie im Gefängnis. „Es war eine harte Zeit“, resümiert sie, „vor allem wenn man zu Hause zwei kleine Kinder hat. Es gab Tage, da hab ich nur in meiner Zelle gesessen und geweint.“ Dabei zählt der Frauenvollzug der JVA Lübeck zu den moderateren Gefängnissen im Land. „Da gibt es ganz andere Sachen“, weiß eine Gefangene, die nicht zum ersten Mal in Haft sitzt.

Das Leben in Freiheit ist für viele Häftlinge eine Herausforderung, nicht selten landen sie nach kurzer Zeit wieder im Gefängnis. Eine Tat kommt selten aus dem Nichts, in der Regel seien die Lebensläufe von Anfang an schwierig. Mit meiner Reisetasche in der Hand passiere ich die Pforte. Wieder schließt sich eine Tür hinter mir. Dieses Mal fühlt es sich gut an. Auf mich wartet die Freiheit. Auf die Frauen nur ein weiterer Tag hinter Gittern.

 
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erstellt am 25.Dez.2016 | 12:04 Uhr

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