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Nordsee und Ostsee : Seehundjäger im Internet angeprangert

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Vorwürfe wiegen schwer. Familien werden diffamiert. Umweltminister Robert Habeck schreitet ein.

shz.de von
erstellt am 04.Feb.2017 | 10:32 Uhr

Tönning | Eigentlich war es nur ein turnusmäßiges Treffen der über 40 schleswig-holsteinischen Seehundjäger im Multimar Wattforum Tönning (Nordfriesland). „Aber es ist eines, das davon dominiert wird, dass Seehundjäger mit Namen und Bild im Internet diffamiert werden“, sagt Umweltminister Robert Habeck (Grüne), der sich vor die ehrenamtlichen Helfer an Nord- und Ostsee stellt. „Ohne sie würde das Seehundmanagement nicht funktionieren.“ Alle seien motiviert, ihren Job zu machen, es gebe auch keine Nachwuchssorgen, „aber für viele ist es schwierig, mit den Anfeindungen zu leben“, so Habeck. Das gehe bis zu persönlichen Diffamierungen, auch Familien einiger Ehrenamtler seien betroffen.

Den Seehundjägern wird vorgeworfen, dass sie mehrere hundert nicht überlebensfähige Tiere pro Jahr erschießen. Hintergrund der Angriffe ist offenbar eine Petition, die die Tierschutzpartei Ethia im Internet gestartet und dafür schon 75.000 Unterstützer gefunden hat. „Wir wollen, dass die Seehunde aus dem Jagdrecht herausgenommen werden, und dass es an der Küste mehr als nur die Seehundstation in Friedrichskoog gibt“, sagt die Ethia-Vorsitzende Bettina Jung, die ebenfalls in Tönning erscheint. Sie kritisiert die Ausbildung der Seehundjäger als unzureichend. Habeck sagt hingegen: „Die Seehundjäger werden von Tierärzten, Wissenschaftlern und Fachleuten der Tierärztlichen Hochschule Hannover, der Seehundstation Friedrichskoog und der Nationalparkverwaltung regelmäßig geschult.“ Bei Obduktionen von Tieren sei deutlich geworden, dass die Seehundjäger richtig entschieden hätten.

Auch die Kapazität der Station im Kreis Dithmarschen reiche aus. Ethia verbreite Falschmeldungen, wenn sie erkläre, dass Seehunde dort nicht aufgenommen oder eingeschläfert würden, weil die Station voll sei. Und zu der Zahl der Unterstützer, sagt Habeck: „Ich habe mir angesehen wer das unterstützt, das sind Menschen aus aller Welt. Ich glaube nicht, dass alle überhaupt wissen, wo Schleswig-Holstein liegt.“ Ihm komme es eher auf Argumente an, und „deren Stoßrichtung teilen wir im Ministerium nicht“.

Was macht ein Seehundjäger?

Immer wieder werden an den Küsten allein liegende heulende junge Seehunde gefunden, die den Kontakt zu ihrer Mutter verloren haben. Ihr Heulen dient dazu, den Kontakt zum Muttertier wiederherzustellen. Solche Seehunde sollte man tunlichst in Ruhe lassen, so dass die Mutter ungestört zu ihrem Jungen zurückkehren kann. Als „Heuler“ werden nur die Jungtiere bezeichnet, die während der Säugezeit, in der sie sich noch nicht selbständig ernähren können, dauerhaft den Kontakt zur Mutter verloren haben.

Findet man einen so genannten „Heuler“ an Badestränden, in Hafenanlagen oder weit entfernt von den eigentlichen Seehundbänken, sollte man die Polizei, den örtlichen „Seehundjäger“, Jagdpächter oder eine Seehundstation informieren. Das Fachpersonal entscheidet dann, wie weiter mit dem Heuler verfahren wird. Jeder Einzelfall wird vom zuständigen, speziell geschulten und vom Land Schleswig-Holstein beauftragten Seehundjäger sorgfältig geprüft. Nur er ist berechtigt, das Tier aufzunehmen und an die Seehundstation zu übergeben. Die Seehundstation Friedrichskoog ist gemäß internationalem Seehundabkommen die einzig autorisierte Aufnahmestelle für verlassen oder erkrankt aufgefundene Robben in Schleswig-Holstein.

 

Bettina Jung gibt sich nach dem Pressegespräch dialogbereit. Sie respektiere die Arbeit der Seehundjäger, wolle nur, dass ihnen die Entscheidung über Leben und Tod der Seehunde von einem Tierarzt abgenommen werde. Sogar mit einer Lösung wie in Dänemark, wo nicht überlebensfähige Tiere sich selbst überlassen werden, könne sie leben, so Jung – und damit offenbar auch, dass Tiere langsam verenden statt erschossen zu werden.

Die Petition will Ethia weiterlaufen lassen, um den Druck auf die Politik zu erhöhen. „Von den Diffamierungen der Seehundjäger im Internet distanzieren wir uns“, sagt Bettina Jung. „Damit haben wir nichts zu tun.“

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