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Passion Grenzerfahrung : Sechs Extremsportler aus SH: Was sie erreicht haben und was sie antreibt

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Aus der Onlineredaktion

Wo bei Normalos die Vorstellungskraft aufhört, fängt für Extremsportler der Spaß erst an. Wir stellen einige davon vor.

Wolfgang Kulow, der Wüstenläufer

Foto: privat

Der Satz „Das schaffe ich nicht“ existiert nicht im Wortschatz von Wolfgang Kulow. Die Eckdaten, die  im Lebenslauf des 67-Jährigen stehen, sind eigentlich nicht greifbar. Wolfgang Kulow ist anders als andere. „Hat wohl etwas mit meinen Genen zu tun“, glaubt er. Oder vielleicht  auch mit unglaublicher Disziplin, Ehrgeiz und dem eigenen Ego.

Geboren wurde Wolfgang Kulow in Großenbrode im Kreis Ostholstein. Heute lebt er mit seiner dritten Ehefrau in Lensahn. Doch seine erste große Liebe ist das Wasser. Schon mit acht Jahren wird er Mitglied der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Mit 13 Jahren tritt er in den privaten Tauchclub der Marine ein und wird von ehemaligen Kampfschwimmern ausgebildet. Später  erlernt er den Beruf des Fliesenlegers und steckt jede freie Minuten in seine sportliche Leidenschaft – und zahlt oft einen ideell wie auch finanziell hohen Preis. Heute sagt der Vater eines Sohnes von sich selbst: „Ich war ein Ego-Sportler.“

Beim „Marathon des Sables“ rennt er 230 Kilometer durch die Sahara. Er absolviert nonstop den zehnfachen Ironman (38 Kilometer Schwimmen, 1800 Kilometer Radfahren, 420 Kilometer Laufen). Im Lensahner Wald-Schwimmbad läuft Wolfgang Kulow den ersten Unterwasser-Marathon der Welt in 24 Stunden und 24 Minuten. Er überquert unter Wasser mit einem selbst konstruierten Fahrrad den Fehmarnsund. Der Ausdauerprofi schwimmt 90 Kilometer um  Fehmarn, fährt mehrmals Hunderte Kilometer über die Eisdecke des gefrorenen Baikalsees in Sibirien und nimmt am 466-km-Lauf durch die Taklamakan-Wüste in China teil.

Eines seiner härtesten Rennen und ein Lebenstraum ist das Race Across America. Mit 50 Jahren fährt der Ausnahmesportler 4800 Kilometer in zwölf Tagen und fünf Stunden quer durch die USA. Ermüdungszustände, Hochgefühle und Halluzinationen fahren mit. „Doch im Triathlon ist kein Raum für Gefühle.“ Bis heute bestreitet Wolfgang Kulow unzählige Extremsport-Events in aller Welt und bringt eine Reihe von Weltrekorden nach Hause. Vor allem liegen ihm Herausforderungen, die vor ihm noch keiner bestritten hat. Die er planen und organisieren muss – und deren Ausgang ungewiss ist.

 

Freya Hoffmeister: Die Kontinental-Umpaddlerin

Foto: privat

 

Es sind 75 Kilo. Mehr passt nicht in ihr fünf Meter langes Kajak. Zelt, Trockenanzug, Proviant – alles muss in handlichen Päckchen logistisch gut geplant verstaut werden. Australien und Südamerika – das hat sie schon abgehakt. Jetzt will die Husumerin den nordamerikanischen Kontinent umpaddeln. Um die 60 Jahre wird sie alt sein, wenn sie wieder zurück ist. „Das schaff ich schon“, sagt sie selbstbewusst. Bei Erscheinen dieser Ausgabe wird sie bereits seit einem halben Jahr  unterwegs sein.

Die Frage, warum sie das tut, winkt Freya Hoffmeister gern ab und  stellt die Gegenfrage: „Weshalb steigen Menschen auf Berge?“ Bodenständig ist die 52-jährige und hochgewachsene Frau mit breiten Schultern und muskulösen Armen. Sie hat ein kerniges Wesen.   Schon mit 22 eröffnet sie ein Eiscafé in Husum und ist bis heute  erfolgreiche Geschäftsfrau.

Dass sie als Miss-Deutschland-Kandidatin einmal auf Platz sechs kam, will man der schnörkellosen Schleswig-Holsteinerin nicht zuschreiben. Viel mehr ihre Erfolge im  Turnsport oder die fünf Jahre  professionelles Bodybuilding – von denen sie heute noch profitiert. „Der Rest ist schlichtweg Veranlagung“, sagt sie. Es folgt eine steile Karriere als Fallschirmspringerin. Zehn Jahre lang war sie Teil zahlreicher Rekordformationen und wird zudem Tandem-Pilotin. Mehr als 2000 Sprünge mit und ohne Passagiere stehen auf ihrer Liste.

Nach der Geburt ihres Sohnes entdeckt die Sportlerin das Kajakfahren für sich. Auch hier wäre sie nicht Freya Hoffmeister, wenn sie es bei gemütlichem Paddeln beließe. Sie macht sich international einen Namen, holt verschiedenste Auszeichnungen  nach Norddeutschland.  Sie fährt um Neuseelands Südinsel, umrundet Australien (18.000 Kilometer in elf Monaten) und Südamerika (27.000 Kilometer in 30 Monaten).

Acht bis zehn Jahre hat sie jetzt für die Gesamtstrecke um Nordamerika eingeplant. Allein fühle sie sich auf hoher See trotz der langen Zeit nie. „In einer Großstadt ist man viel einsamer“, findet sie.  Sie weiß, dass  sich ihr viele  Hindernisse in Weg stellen werden. Doch denen  sieht sie gelassen entgegen.  Freya Hoffmeister   ist eben Freya Hoffmeister.

 

Hans-Jürgen Heinzmann: 540 Kilometer Gegenwind

Foto: privat

Für die 180 Kilometer Radstrecke bei Langdistanzen trainiert Hans-Jürgen Heinzmann schon lange nicht mehr – die macht er nebenbei und „eher langsam“, mit Netto-Zeiten von 4 Stunden und 50 Minuten. Zur Konfirmation bekommt der Wahl-Flensburger ein Alu-Rad von Kettler geschenkt und fährt damit seine ersten rund 150 Kilometer langen Touren. Mit 18 Jahren sitzt er das erste Mal auf einem Rennrad und scheint daran festgewachsen zu sein. Um sich auf seinen ersten Radmarathon (Paris-Brest-Paris/1250 Kilometer am Stück) vorzubereiten, fährt er von Flensburg in den Schwarzwald – ohne Navi und Begleitung, bei Dauerregen und Gegenwind. Etliche Rennen hat der mittlerweile 50-Jährige seither bestritten.

Heinzmann wird 2015 Weltmeister beim Glocknerman, einer der ältesten Ultramarathons (1000 km/16000 hm/ 43h) der Welt. Er holt sich nach 600 Kilometern und 16.000 Höhenmetern nach 35 Stunden den fünften Platz beim Ultracyling Dolomitica und qualifiziert sich für Race Across America. Mitte Juni erst hat sich der Schleswig-Holsteiner gemeinsam mit einem skandinavischen Team auf den dritten Platz des Trondheim-Oslo-Rennen in Norwegen gefahren. 540 Kilometer nonstop absolvierte das Team in knapp 15 Stunden – trotz Gegenwind, Sprachbarrieren und schwierigen Bedingungen. Selbst die Pausenzeiten mit  zweimal 45 Sekunden und zweimal  60 Sekunden sind mehr als sportlich. „Ich denke, die Norweger wissen jetzt, dass es in Deutschland auch harte Jungs gibt“, so Hans-Jürgen Heinzmann.


Stephan Büchler: Downhill-Rekorde trotz Handicap

Foto: privat

 

Wer ihm beim Training zusieht, hält schon einmal die Luft an. Angst scheint der blonde Mountainbiker nicht zu kennen. Für Stephan Büchler aus Kiel ist kein Hang zu steil, kein Berg zu hoch und kein Tempo zu schnell. Was er im Leben braucht? Ein Mountainbike und eine Abfahrt. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen hat der 37 Jahre alte Hüne schon nach Hause geholt. Nächstes Etappenziel für den ehrgeizigen Sportler: Den Weltrekord im Wheelie (auf dem Hinterrad fahren) brechen.

Stephan Büchler ist links 1,94 Meter und rechts 1,43 Meter groß. Vor 20 Jahren wurde ihm der rechte Unterschenkel amputiert. Mit 15 Jahren erkrankte Stephan Büchler an Krebs. Seine Ärzte gaben ihm noch zwei Jahre Zeit. Doch er kämpft sich zurück ins Leben und gewann den Kampf. „Drachen können auch nur mit Gegenwind fliegen“, sagt er heute. 98 Prozent des Tages  vergisst er, dass er nur mit einer Prothese laufen kann. Die restlichen zwei Prozent sind Phantomschmerzen, die ihn jede Nacht aus dem Schlaf holen.

Fünf Jahre nach der Amputation nimmt Stephan Büchler bei der Hansetour Sonnenschein teil. Vier Tage lang fährt er gemeinsam mit anderen Radfahrern rund 500 Kilometer durch Deutschland, um krebs- und chronisch kranke Kinder finanziell zu unterstützen.

Bei den Extremity Games im Mountainbike Downhill für amputierte Sportler in den USA errang er zweimal Bronze und zweimal Gold. Als erster und einziger amputierter Sportler absolvierte er die Megavalanche, das längste und wohl härtestes Mountainbike-Downhill-Rennen der Welt in den Pyrenäen.

Stephan Büchler hat den Beruf des Orthopädietechnikers gelernt. „Vor allem, um meine Prothesen selbst bauen zu können“, sagt er. Der Wahl-Kieler pflegt ein Netzwerk für Amputierte  und arbeitet in der Entwicklung von Prothesenpassteilen mit. Über Deutschland hinaus hält er regelmäßig Vorträge und unterstützt amputierte Menschen auf ihrem Weg. Nächstes Etappenziel ist Ende des Jahres ein Downhill-Rennen im französischen  La Reunion.  Seine zweite Leidenschaft sind Wellenreiten und Surfen.

 

Lars Brauer: 70 Marathons in 18 Jahren

„Warum soll ich das Offensichtliche noch leugnen: Ich bin ein Junkie. Ich bin voll auf Marathon“, steht im Lauftage-Buch von Lars Brauer. Der 46-Jährige Hannoveraner und Wahl-Flensburger ist vor 18 Jahren seinen ersten (und bisher schnellsten) Marathon in Hamburg mit einer Zeit von 3 Stunden 24 Minuten gelaufen. 

Wie es so häufig bei Ausdauersportler passiert,  packte auch ihn das Fieber. Das stieg bei ihm allerdings so hoch, dass Lars Brauer heute 70 Marathon-Wettbewerbe  auf seiner Agenda stehen hat. „Für mich ist das Laufen zu meinem Lebensinhalt geworden.“ Zu seinen Spitzenzeiten absolviert er alle zwei Wochen ein 42,2 Kilometer-Rennen – irgendwo in Europa. „Für mich war jeder Marathon das Training für den nächsten“, erinnert er sich. Doch das Jahr 2014 sollte für den studierten Juristen alles verändern. Ein angeborener Herzfehler setzte den hochtrainierten Läufer von einem Tag auf den anderen schachmatt. Doch Lars Brauer erholte sich gut von seiner Herz-Operation und nimmt wieder an „kleineren“ Laufevents in Schleswig-Holstein teil. 

Die Frage, ob er je wieder einen Marathon laufen wird, beantwortet er mit einem optimistischen „Vielleicht, irgendwann...“

 

Torsten Schreiber: Der Kampf-Schwimmer

Foto: privat

 

Mitten in der Nacht werden sie aus dem Tiefschlaf geholt, um noch eine Trainingseinheit im Hallenbad zu absolvieren. 30 Kilometer am Stück durch die tiefschwarze Ostsee schwimmen –  für sie eine alltägliche Übung.  Kampfschwimmer gehören zur Elite der Bundeswehr. Ihre Ausbildung mag Zivilisten unmenschlich vorkommen, doch Menschen wie Torsten Schreiber halten sie nicht nur aus, sondern sie haben richtig Lust dazu.

Die Uniform hat der 37-Jährige  aus der Nähe von Eckernförde abgegeben, doch ohne Hochleistung im Sport geht es für ihn nicht. Weit über 100 Triathlone stehen auf seiner Liste. Er finisht die  härtesten Wettbewerbe der Welt: Den  Norseman in Norwegen (3,8 Kilometer Schwimmen durch 15 Grad kalte Fjorde,  180 Kilometer Rad, 42,2 Kilometer zum Gipfel des Berges Gaustatoppen) oder den „Ö till Ö“ in Schweden (65 Kilometer  Laufen, 10 Kilometer Schwimmen im Wechsel über 30 Inseln). 

Mit Leidenschaft organisiert der Berufsfeuerwehrmann den Schwansen-Man, für den  Teilnehmer 13 Kilometer Laufen und 2,25 Kilometer Schwimmen im  Wechsel absolvieren müssen. Heute  trainiert er andere Sportler und hat das Buch  „Military Fitness“ veröffentlicht. Für seinen an Mukoviszidose erkrankten Sohn Jesse (3) hat er sein Trainingspensum deutlich reduziert und setzt sich mit Spendenläufe für Menschen ein, die ebenfalls an der unheilbaren Krankheit leiden.

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erstellt am 08.Jul.2017 | 16:54 Uhr

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