Männerhaus : Schutz vor Frauen-Gewalt für die Männer im Norden

Gewalt von Frauen gegen Männer: Genaue Fallzahlen gibt es hierzu nicht. Experten glauben aber an eine hohe Dunkelziffer.
Gewalt von Frauen gegen Männer: Genaue Fallzahlen gibt es hierzu nicht. Experten glauben aber an eine hohe Dunkelziffer.

Eine neu gegründete Initiative setzt sich für den Aufbau einer Einrichtung ein, um männlichen Opfern häuslicher Gewalt eine Zuflucht zu geben.

Avatar_shz von
30. Oktober 2012, 02:20 Uhr

Kiel | Für den Aufbau eines Männerhauses in Schleswig-Holstein macht sich eine neu gegründete Kieler Initiative stark. Deren Ziel ist es, häuslicher Gewalt ausgesetzten Männern und ihren Kindern eine vorübergehende Zuflucht sowie Unterstützung und Beratung zu geben - in Anlehnung an das Prinzip der Frauenhäuser. "Physische als auch psychische Übergriffe gegen Männer nehmen deutlich zu", sagt Initiativen-Sprecher und Familientherapeut Wolfgang Laub. Auf die Idee zur Gründung sei er unter anderem durch seine eigene Arbeit gekommen. "Ich bin mittlerweile bei 20 Prozent meiner Patienten mit derartigen Problemen beschäftigt. Allein in den vergangenen drei Jahren habe ich sieben Fälle gehabt, in denen es eigentlich dringend einer solchen Einrichtung bedurft hätte. Von Kollegen höre ich immer wieder ähnliche Dinge."
Er sei zunächst sehr skeptisch gewesen, als er zum ersten Mal mit einem Fall von häuslicher Gewalt gegen einen Patienten konfrontiert gewesen sei. "Da habe ich überhaupt angefangen, mich mit dem Thema ausführlich auseinanderzusetzen." Sowohl die Aussagen von Experten, als auch die beiden bislang bundesweit einzigen Männerhäuser in Berlin und Oldenburg und die wenigen wissenschaftlichen Untersuchungen auf diesem Gebiet vermittelten aber ein einheitliches Bild, das ihn bestätige. "Die Forschung steht hier erst am Anfang und muss dringend vorangebracht werden", so Laub. Er geht von einer extrem hohen Dunkelziffer aus. "Wenn Männer in solch eine Situation geraten, ist das für sie ein kaum zu fassender Bruch im Leben. Die Scham ist unglaublich groß, weil so etwas dem üblichen Selbstbild eines Mannes komplett widerspricht. Viele Opfer trauen sich nicht, darüber zu reden", sagt er. Als Standort für ein Männerhaus kann Laub sich nicht nur die Landeshauptstadt vorstellen. "Die Initiative sitzt zwar in Kiel, aber die Einrichtung könnte auch in Flensburg, Lübeck oder Rendsburg entstehen."
"Rund 1000 Fälle im Jahr"
Für das Anliegen seiner Initiative braucht Laub Unterstützer - und Geld. Wie es bereits in Oldenburg realisiert wurde, kann er sich für ein Männerhaus in Schleswig-Holstein einen gemeinnützigen Verein als Träger vorstellen. Eine Finanzierung aus Mitteln des Vereins sowie über Spenden und eventuell eine kleine Beteiligung der Betroffenen hält er - zumindest während einer Übergangszeit - für möglich. "Damit ließe sich zum Start etwa eine Vierzimmerwohnung anmieten." Die Betreuung der Betroffenen würden er und seine Mitstreiter ehrenamtlich übernehmen. "Aber natürlich wäre es auf Dauer gut, wenn es von Seiten des Landes, der jeweiligen Stadt oder des Kreises finanzielle Unterstützung gäbe und irgendwann einmal auch Stellen geschaffen werden könnten." Schleswig-Holstein habe nach Berlin und Oldenburg die Chance, bei dieser Problematik bundesweit mit gutem Beispiel voranzugehen.
Über einen Mangel an Auslastung können die Männerhäuser in Berlin und Oldenburg nicht klagen. "Der Bedarf liegt bei rund 1000 Fällen im Jahr, in denen Situationen derart eskalieren, dass es für die Männer richtig gefährlich wird", sagt Peter Thiel, Initiator des Berliner Männerhauses, welches seit acht Jahren besteht und ohne staatliche Mittel auskommen muss. "Wir haben hier nur eine Wohnung zur Verfügung und verweisen ständig Leute an andere Einrichtungen, was ja nicht Sinn der Sache ist." Ähnlich ist die Situation in Oldenburg, wo maximal zwei Männer gleichzeitig in der angemieteten Dreizimmerwohnung Zuflucht finden. "Wir haben sehr viel mehr Anfragen, als wir Männer aufnehmen können", sagt Michael Köhler, Pädagoge und Vorstandsmitglied im Verein Männerwohnhilfe, der dort als Träger fungiert. "Am besten wäre es aber, wir hätten einen Hausblock mit mehreren Wohnungen."
"Eine Handvoll Fälle"
Eher vorsichtig äußert sich der Weiße Ring in Schleswig-Holstein zum Thema. "Wir können aus unserer Erfahrung bestätigen, dass es häusliche Gewalt gegen Männer gibt", sagt Pressesprecher Günter Santjer. Bekannt seien ihm "eine Handvoll Fälle" in den vergangenen Jahren. Auch Santjer geht von einer hohen Dunkelziffer aus. "Wir unterstützen grundsätzlich alles, was Opfer unterstützt", so Santjer. Ob der Bedarf in Schleswig-Holstein ein Männerhaus erfordere, daran habe er Zweifel.
Ähnlich sieht das die Psychologin Sigrid Bürner. Sie ist in Kiel in der Frauenberatung tätig und leitet seit einem halben Jahr eine neu geschaffene Beratungsstelle für männliche Opfer von Gewalt. "Ich habe hier mit Männern zu tun, die in ihrer Kindheit und Jugend Opfer sexueller Gewalt geworden sind", sagt Bürner. Fälle häuslicher Gewalt von Frauen gegen Männer seien ihr dort bislang nicht bekannt. "Ich weiß, dass Männer auch Opfer häuslicher Gewalt sein können, ob das aber die Einrichtung eines Männerhauses rechtfertigt, müsste meiner Meinung nach erst einmal anhand von Erhebungen zu dem Thema erforscht werden. Das wäre für mich eine Grundlage."
Kurz und eindeutig äußert sich das Sozialministerium zu der Frage. "Es ist bekannt, dass auch Männer Opfer von Gewalt werden", sagt Sprecher Christian Kohl. Dabei würden nach Einschätzung von Fachleuten Männer allerdings häufiger Opfer von psychischer als von physischer Gewalt. "Hierbei können auch ambulante Beratungsangebote helfen. Ein Bedarf für ein Männerhaus ist bislang nicht gesehen worden."

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen