Raub, Körperverletzungen, Drogenkonsum : Schulzentrum Bargteheide ein „gefährlicher Ort“

Ballung von Straftaten: Am Schulzentrum Bargteheide war gestern ein Großaufgebot der Polizei noch einmal angesichts befürchteter Gewalt zum Auftakt der Sommerferien präsent.
Ballung von Straftaten: Am Schulzentrum Bargteheide war  am Freitag ein Großaufgebot der Polizei angesichts befürchteter Gewalt zum Auftakt der Sommerferien präsent.

Die Anzahl der Straftaten an Schulen ist landesweit in einzelnen Kategorien von Straftaten gestiegen.

shz.de von
07. Juli 2018, 09:33 Uhr

Bargteheide/Kiel | Raub, Körperverletzungen, Drogenkonsum oder Sachbeschädigungen – etwa durch Graffitis, eingeworfene Fensterscheiben oder Verwüstungen von Räumen: Immer wieder fällt das Schulzentrum Bargteheide als eine Hochburg von Gewalt auf. Weil die Polizei fürchtete, dass die Hemmschwellen zum Auftakt der Sommerferien erneut fallen, versuchte sie am Freitagabend mit einem Großaufgebot an verdeckten Ermittlern Schlimmeres zu verhindern. Mit 13 Beamten waren sie vor Ort.

Beim Schulzentrum hielten sich etwa 40 bis 50 Jugendliche oder junge Erwachsene auf, einige rauchten und konsumierten Alkohol, auch hochprozentigen. Die Polizei sprach für die betreffenden Jugendlichen Platzverweise aus, nachdem sie die Personalien kontrolliert hatte. „Auf dem Schulgelände ist rauchen und Alkoholkonsum auch abends und am Wochenende verboten“, so Helge Hammermeister, einer der Einsatzleiter.

<p>Der volle Mülleimer zeugt von der Nacht.</p>
Jens Peter Meier

Der volle Mülleimer zeugt von der Nacht.

 

Gefunden wurde bei einem Jugendlichen ein weißes Pulver. Falls es sich dabei um Betäubungsmittel handelt, muss er mit einer Strafanzeige rechnen. Außerdem wurde eine Bong beschlagnahmt, ohne Anhaftungen von Cannabis. Bis kurz vor dem Einsatzende nach Mitternacht wurden keine Minderjährigen angetroffen. Unterstützt wurden die Beamten vom Ordnungsamt und von drei Helfern der Freiwilligen Feuerwehr, die das Areal für die Kontrollen beleuchtete.

Erleichterte Bedingungen

Wenn es darum geht, Personen zu durchsuchen, ihre Identität festzustellen oder mitgeführte Gegenstände zu beschlagnahmen – dann müssen die Ordnungshüter dort nicht lange fackeln: Dafür gelten erleichterte Voraussetzungen. Denn die Polizei hat das Schulzentrum wegen der Ballung von Straftaten als „gefährlichen Ort“ eingestuft.

Landesweit gibt es an Schulen bei einzelnen, dafür besonders gefährlichen Kategorien von Straftaten in den letzten drei Jahren eine Tendenz nach oben. So kletterte die Zahl der Rohheitsdelikte laut Landespolizeiamt zwischen 2015 und 2017 von 649 auf 782. Darunter Körperverletzungen, deren Zahl sich von 558 auf 626 vermehrte. Beim Raub nahmen die Fälle von acht auf 19 zu. Sachbeschädigungen gingen binnen der letzten drei Jahre von 843 auf 1032 nach oben. Alles in allem wurden 2017 bei der Polizei 4130 Straftaten an Schulen aktenkundig. Über alle Delikts-Kategorien gesehen, waren das 152 weniger als im Vorjahr – unter anderem, da die Zahl der Diebstähle zurückgegangen ist. Von den 1709 Tatverdächtigen 2017 waren 458 unter 14 Jahren alt, 896 zwischen 14 und 18 und 144 von 18 bis 22 Jahre alt.

Straftaten bleiben oft ohne Anzeige

„Während der Schulzeit begangene Straftaten zwischen Schülern werden der Schule nur teilweise bekannt“, gibt der Sprecher des Landespolizeiamts, Torge Stelck, zu bedenken. Häufig werde der dahinter steckende Konflikt mit pädagogischen Maßnahmen gelöst. Ohne Anzeige.

Sowohl Stelck als auch das Bildungsministerium betonen: Nicht jeder Vorfall, der als Straftat in die Statistik eingeht, habe mit dem Schulalltag zu tun. Der Erfassung liege allein der Tatort Schule zu Grunde. Beteiligte könnten daher auch Personen ohne jeden Bezug zu der Einrichtung sein – etwa solche, die ein Schulgrundstück nur als Passant durchqueren oder solche, die Schulhöfe abends oder am Wochenende als Treffpunkt nutzen.

Gewaltbereites Klientel in der Umgebung des Schulhofes

So wie es am Schulzentrum Bargteheide häufig vorkommt. Die Höfe von vier Schulen gehen dort ineinander über. Ein angrenzender Park zieht nach Angaben von Polizei, Stadtverwaltung und Bildungsministerium außerhalb der Unterrichtszeit ein teilweise gewaltbereites Klientel an. Eine Sogwirkung wird auch einem freien Wlan-Zugang zugesprochen. Während der Schulzeit hingegen stuft die Schulaufsicht das Schulzentrum Bargteheide als „absolut unauffällig“ ein, betont Bildungsministeriumssprecher Thomas Schunck.

„Erhöhter Kontrolldruck konnte die Zahl der Vorfälle zunächst etwas herunterdrücken“, nachdem das Areal im vergangenen Oktober als „gefährlicher Ort“ deklariert wurde, heißt es bei der Polizeidirektion Ratzeburg. In letzter Zeit sei die Kurve jedoch „wieder nach oben gegangen, insbesondere durch Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz und Sachbeschädigungen.“

Straftaten an der Schule lassen Kriminalitätsrate für ganz Bargteheide steigen

An Himmelfahrt waren 30 Personen im Alter zwischen 16 und 22 Jahren in eine der vier Schulen des Zentrums eingedrungen – trotz eines massiven Polizeiaufgebots. Hauptsächlich durch das Geschehen am Schulzentrum ist die Kriminalitätsrate für ganz Bargteheide 2017 im Vergleich zum Vorjahr um 21,9 Prozent gestiegen. Kreisweit lag das Plus in Stormarn nur bei 4,4 Prozent.

Ein von Stadt und Polizei initiierter Arbeitskreis Kriminalprävention erarbeitet in Bargteheide nun Konzepte für eine Trendwende. Helge Hammerstein, stellvertretender Revierleiter in Bargteheide, verspricht konkrete Ergebnisse nach der nächsten Sitzung am 27. August. Absehbar sei, dass das öffentliche Wlan nahe des Schulzentrums verschlüsselt wird. Bisher war es auch für die Flüchtlinge kostenlos nutzbar. Das habe aber so viele Jugendliche angezogen, dass sich die Stadtvertreter bei ihren Sitzungen nicht wohl gefühlt hätten, so Bürgermeisterin Birte Kruse-Gobrecht.

Mehr Sicherheit durch einen Wachdienst, Videoüberwachung und verschlüsseltes Wlan

Nach der Sommerpause würden Schilder aufgestellt, die auf die Abgrenzungen zu den Schulhöfen hinweisen, eine Hausordnung sei geplant. Auch ein Wachdienst, Videoüberwachung und bessere Beleuchtung sind nach den Worten der Bürgermeisterin denkbar. Brigitte Menell, Leiterin des Kopernikus-Gymnasiums, verspricht sich schon allein von der Beschilderung eine Erleichterung: „Wenn das Gebiet klar als Schulgelände gekennzeichnet ist, sind Rauchen und Alkohol nach dem Schulgesetz verboten.“

Das Bildungsministerium betont, es sei grundsätzlich wach gegenüber dem Aggressions-Potenzial an Schulen. Deswegen habe es seit April eigens einen „Stabsbereich Gewaltprävention“ eingerichtet. Außerdem startet das Land zum neuen Schuljahr eine Datenbank, in der Schulen Gewaltvorfälle jeglicher Art melden sollen. Die Ergebnisse sollten einer zielgenaueren Prävention dienen.

Bei den Daten zu Straftaten mahnt das Landespolizeiamt zu Vorsicht – unter anderem wegen „erheblicher Schwankungsbreiten im langjährigen Vergleich“. „Eine langfristige Aufwärtstendenz ist daher schwerlich begründbar“, meint Sprecher Stelck.

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