Bildungskonferenz : Schulreform verschoben

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Waltraud Wende  trägt erste Ergebnisse der Gruppenarbeit zusammen. Foto: dpa
Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Waltraud Wende trägt erste Ergebnisse der Gruppenarbeit zusammen. Foto: dpa

Was passiert, wenn alle bei Schulpolitik mitreden dürfen? Dieses "Experiment" startete Wende mit einer großen Bildungskonferenz.

Avatar_shz von
11. September 2012, 07:38 Uhr

Kiel | Eigentlich hätte der Regiestuhl das passende Möbelstück für Waltraud Wende sein können. Doch die Bildungsministerin will an diesem Tag auf einem Hocker Platz nehmen - auf Augenhöhe zu ihren Gästen. Mit der mobilen Sitzgelegenheit klappert die Professorin Klassenräume der Toni-Jensen-Gemeinschaftsschule ab, in den sich Arbeitsgruppen auf die Suche nach der Schule von morgen gemacht haben.
Jahrelang hatten Bildungsreformen den Norden in Atem gehalten, für Ärger und Zwist gesorgt. Die große Koalition aus CDU und SPD schaffte die Hauptschule ab, machte Frieden mit der Gesamtschule. Das schwarz-gelbe Bündnis drehte Reformen, kaum dass die in den Schulen vollständig verarbeitet waren, teilweise wieder zurück. Abitur nach acht oder neun Jahren? Oder doch beides an einem Gymnasium? Binnendifferenzierter Unterricht oder doch besser abschlussbezogene Klassen? Der proklamierte Schulfrieden fiel aus.
Jetzt regieren SPD, Grüne und SSW. Und weil die Schulpolitik zu den letzten Domänen einer gestaltenden Landespolitik gehören, wird es auch diese Wahlperiode nicht ohne Reformen an den rund 1000 Schulen zwischen Nord- und Ostsee zu Ende gehen.
"Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit"
Nur der Weg soll diesmal anders abgesteckt werden. Nicht Ministeriale und Bildungspolitiker der Koalitionsfraktionen sollen einen Kurs abstecken, auf den Lehrer, Eltern und Schüler am Ende gezwungen werden. Die parteilose Wende und Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) setzen auf maximalen Dialog.
Gestern sind deswegen 130 Fachleute nach Kiel gekommen, um das Gesprächsangebot anzunehmen. Und damit das Treffen nicht gleich in den Geruch einer Alibiveranstaltung gerät, stellt die Ministerin erst einmal klar, dass die Pläne der Koalition zur Novellierung des Schulgesetzes um ein Jahr verschoben werden. Nicht in diesem Herbst soll der Entwurf für ein neues Schulgesetz auf die parlamentarische Reise gehen - jetzt gilt der Herbst 2013. Und erst zum darauffolgenden Schuljahr sollen die Reformen in Kraft treten. "Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit" erklärt Wende die koalitionäre Wende.
Um Lehrerausbildung geht es in den Arbeitsgruppen, um "Schulen der Zukunft", den "Lebensraum Schule" oder die "gute Basis". Erst einmal werden Themen gesammelt: "Wie können Schule und Kitas Defizite in der ,häuslichen Erziehung ausgleichen?" und "Wie kann eine flächendeckende Versorgung mit Grundschulen trotz rückläufiger Schülerzahlen gesichert werden?"
Nach der ersten Diskussionsrunde steht die einstige Präsidentin der Universität Flensburg auf gewohntem Terrain: Im Hörsaal der Gemeinschaftsschule gesteht sie Journalisten, dass sie die bildungspolitischen Sprecher der Landtagsfraktionen am liebsten gar nicht eingeladen hätte. "Ich wollte hier eine inhaltliche Diskussion, keine ideologische Debatte", sagt sie.
"Große Waltraud-Wende-Show"
Die aber ergibt sich fast zwangsläufig. Die Bildungsministerin führe mit ihren radikalen Vorstellungen von der Einheitsschule das Land zurück in längst überwunden gelaubte Auseinandersetzungen, meinte die CDU-Bildungspolitikerin Heike Franzen. "Über die Frage, welche Schulen wir in Schleswig-Holstein brauchen, ließ sie eine Diskussion denn auch gar nicht erst zu", erboste sich Franzen. Und ihre FDP-Kollegin Anita Klahn meinte, die Beteiligten des Bildungsgipfels "wurden als Statisten für die große Waltraud-Wende-Show missbraucht, die mit dieser Alibi-Veranstaltung die Erwartungen ins Unermessliche schraubt."
Wende lassen solche Breitseiten einstweilen kalt. Die Opposition habe versäumt, an diesem Tag mitzudiskutieren, gibt sie zurück. Und die politische Seiteneinsteigerun gibt sich überraschend geschmeidig. Im Koalitionsvertrag stünden zur Bildung noch "einige Themen drin, die erst noch zu diskutieren sind". Welche, lässt die Ministerin allerdings offen.
Erst einmal gibt sich Wende "begeistert" vom Zwischenergebnis ihres Experiments und will weiter diskutieren. Nach dem Gipfel sollen kleine Expertengruppen zu einzelnen Themen gebildet werden. Hier sollen Vorschläge entstehen, die auf weiteren Gipfeltreffen zur Sprache kommen. Am Ende soll ein neues Schulgesetz stehen. "Dann haben wir alle beteiligt." Und dann, ist die Professorin überzeugt "kommt da auch etwas raus."

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen