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Bildung in Schleswig-Holstein : Schulen in SH: Kritik an Lehrern, die gar keine sind

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Land beschäftigt 230 Personen ohne Lehramtsbefähigung an Grundschulen. Nicht alle finden das gut.

shz.de von
erstellt am 21.Apr.2017 | 09:28 Uhr

Kiel | Sie kommen, wenn kein Lehrer mehr da ist. Das Land beschäftigt laut einer Antwort der Regierung auf eine Kleine Anfrage der CDU-Fraktion 230 Vertretungslehrkräfte ohne Lehramtsbefähigung an den Grundschulen. Dagegen formiert sich Widerstand. „Studien haben bewiesen, dass es brandgefährlich ist, wenn Schüler von fachfremden Lehrern unterrichtet werden“, sagt Helmut Siegmon, Vorsitzender des Philologenverbandes Schleswig-Holstein. „Noch schlimmer ist es, wenn das Land irgendwelche Leute durch die Klassen turnen lässt – nur um den Ausfall von Unterricht auf dem Papier zu vermeiden. Dabei sind auch solche Vertretungen aus meiner Sicht Unterrichtsausfälle.“

Bundesweit fehlen an vielen Schulen Lehrer – und viele greifen deswegen auf Quereinsteiger zurück. Die Eltern befürchten, die Qualität des Unterrichts wäre dadurch schlechter. Es gibt jedoch auch Stimmen, die sagen, diese Ausbilder seien sogar besser – weil sie über größeres Fachwissen verfügen können.

Laut Paragraf 34 Schulgesetz dürfen in Ausnahmefällen Personen ohne Lehramtsbefähigung als Vertretungen eingesetzt werden – das können etwa Quereinsteiger sein, die eine abgeschlossene Berufsausbildung haben und/oder Lehramtsstudenten. „Die Schulen prüfen dann genau, ob jemand für den Einsatz im Unterricht geeignet ist und das eben die bessere Variante ist, als den Unterricht ausfallen zu lassen. Da gibt es einen bunten Strauß von personellen Qualifikationen wie auch von Einsatzzeiten“, sagt der Sprecher des Bildungsministeriums in Kiel, Thomas Schunck. Die Vertretung könne auch als Einstieg in den Lehrerberuf gesehen werden. „Die Leute sind meist fachlich qualifiziert, ihnen fehlt eben ein Lehramtsexamen.“

Es handele sich um rund 3,7 Prozent von allen Grundschullehrern – „und das zeigt schon, dass dieser Weg eine Ausnahme ist“, so Schunck. Das Ziel bleibe immer, bei längeren Vakanzen ausgebildete Fachlehrer an die Schulen zu bekommen.

„Dass die Zahlen konstant sind, zeigt doch, dass das Land keine vorausschauende Personalplanung hat“, schimpft Helmut Siegmon. Und auch die oppositionelle CDU hält die Zahl der formell nicht befähigten Lehrer für zu hoch: „An jeder zweiten Grundschule in Schleswig-Holstein sind mittlerweile Personen im Unterricht eingesetzt, die keine echten Lehrer sind. Von Ausnahmefällen kann hier nicht mehr die Rede sein“, sagt Karin Prien, die im Kompetenzteam von CDU-Spitzenkandidat Daniel Günther für Bildung zuständig ist. Studien zeigten, dass gerade im Fach Mathematik Grundschüler massive Probleme hätten. „Hier dürfen nicht länger fachfremde Nichtpädagogen eingesetzt werden“, meint Prien.

„Bildungskarrieren von Kindern können einen Fehlstart erleiden“, sagt Helmut Siegmon – zumal auch an weiterführenden Schulen Menschen ohne Lehramtsbefähigung unterrichten, wie das Land bestätigt. „Da könnte ein Schüler, wenn er Pech hat, jahrelang keinen ausgebildeten Fachlehrer zu Gesicht bekommen.“ In der Nähe von Unistädten sei es Schulen vielleicht noch möglich, Lehramtsstudenten zu bekommen, auf dem Land sei das weitaus schwieriger, argumentiert Siegmon. „Das führt dazu, dass Eltern, die es sich leisten können, Nachhilfe kaufen – und die, die das nicht können, leiden umso mehr unter den Zuständen an den Schulen.“ 

Kritiker sollten den Schulleitungen mehr Vertrauen schenken, kommentiert Kay Müller:

Der Aufschrei ist immer groß, wenn es um zu wenige Lehrer, um sinkende Bildungsstandards und vernachlässigte Kinder geht. Mit einigem Recht fordern Eltern für ihre Kinder die optimale Ausbildung und Betreuung – vor allem an den Grundschulen, wo die Basis für die Bildungskarriere gelegt wird. Da ist es verständlich, dass die Regierung in die Kritik gerät, weil im Schnitt an jeder zweiten Grundschule in Schleswig-Holstein Menschen vor die Klassen treten, die formal gar nicht dazu berechtigt sind, weil ihnen die Lehramtsbefugnis, sprich der entsprechende Hochschulabschluss fehlt. Da liegt der Verdacht nahe, dass dort zum Regelfall wird, was einmal als Ausnahme gedacht war. Doch bei 230 Aushilfen und über 6200 Grundschullehrern ist das Verhältnis klar – noch ist es eine Ausnahme.

Schon deshalb ist die Kritik von Opposition und Philologenverband überzogen. Sie haben zwar Recht, dass Fachlehrer meist den besseren Unterricht leisten, aber dennoch kann in Vertretungsfällen auch jemand ohne Lehrerexamen den Kindern etwas beibringen. In den Ganztagsschulen ist es ja sogar gelebte Praxis, dass es Projekte von Nicht-Pädagogen gibt. Zwar sind sie als Ergänzung zum Unterricht gedacht, aber genau so sollte man auch eine Stunde einer Vertretungskraft sehen. Was spricht dagegen, dass dort Grundschülern Dinge aus der Praxis vermittelt werden, die sie sonst vielleicht nicht im Unterricht kennen lernen? Es ist allemal besser, dass die Kinder so betreut werden, als dass der Unterricht komplett ausfällt.

Und vielleicht sollten die Kritiker auch einfach mal den Schulleitungen mehr Vertrauen schenken. Die werden sich sehr genau ansehen, wen sie da als Vertretung in die Klassen schicken. Denn heute kann es sich keine Schule mehr leisten, sich dem Vorwurf der Eltern auszusetzen, Personal- und Unterrichtskonzept seien nicht ausreichend durchdacht.

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