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Fundsachenversteigerung : Schnäppchenparadies Fundbüro: Zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Kinderwagen oder Blutdruckmesser, Smartphone oder Fahrrad, es gibt nichts, was nicht verloren gehen kann. Mit Glück werden Liegenbleiber im Fundbüro abgegeben. Nach einem halben Jahr gehen sie zur Versteigerung.

Flensburg | Zugegeben, es ist nicht gerade das Auktionshaus Sotheby’s in New York, sondern ein fensterloser, grauer Kellerraum im Flensburger Rathaus – aber der Hammerschlag und das „zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten“ gehört trotzdem obligatorisch dazu. An die vier Mal im Jahr, also einmal im Quartal, werden all’ die Dinge, die Menschen so verlieren und vergessen, versteigert. Gibt ein ehrlicher Finder ein verlorenes Silberkettchen im Fundbüro ab oder ein freundlicher Polizeibeamter ein verwahrlostes Fahrrad, dann muss es per Gesetz erst einmal sechs Monate lang aufbewahrt werden. „Wenn in dieser Zeit niemand danach fragt, dann können wir es zur Versteigerung freigeben“, erklärt Klaus Petersen, Verwaltungsangestellter für Fundsachen und Meldewesen.

Erst vor Kurzem wurden die Regale, Kartons und Schachteln wieder ausgeräumt, alles akribisch gelistet und teilweise auch bewertet. Handy & Co. sollten dann möglichst auf Werkseinstellung zurück gebracht werden. „Persönliche Daten dürfen keine mehr drauf zu finden sein“, so Klaus Petersen.

Fahrräder werden auf ihren Wert geschätzt und passende Beschreibungen dazu ausgedruckt. So allerlei Krimskrams wandert gemeinschaftlich in blaue Müllsäcke, die mit Paketschnur festgezurrt werden und als „Überraschungspaket“ in die Auktion gehen. Ein System gibt es dabei keines. „Wir packen einfach alles rein, was wir so an Kleinigkeiten haben“, sagt Petersen.

Regelmäßig kommt Julian zu den Auktionen und ersteigert vorzugsweise die große, blaue Tüte. Zwischen 10 und 20 Euro gibt er dafür schon mal aus. „Man weiß nie, was man bekommt. Das macht es gerade so spannend“, erzählt er. Einmal, da brachte er eine Ladung hoher Pumps mit nach Hause. Die wanderten allerdings gleich in den Müll.

Richtig Spaß bei der Arbeit hat auch Stefan Adamsdotter aus der Verwaltung, denn ihm ist die Rolle des Auktionators auf den Leib geschneidert. Deswegen macht er das auch schon seit 15 Jahren.

Das Versteigerungszimmer K 18 ist eigentlich immer bis auf den letzten Platz besetzt. Einen Großteil der Gesichter kennt das Fundbüro-Team schon seit Ewigkeiten. „Wir haben richtige Stammkunden“, schmunzelt Klaus Petersen. An die 100 Holzstühle stehen bei einer Versteigerung zur Verfügung, wer zu spät kommt, der bleibt an der grauen Wand stehen.

Ein Mann der großen Begrüßungsworte ist Stefan Adamsdotter nicht. Ein schlichtes „Nur Barzahlung und keine Kronen. Kein Umtauschrecht“, muss für den Anfang reichen. Umso herzhafter schwingt er den Hammer und auch als Komiker würde er eine gute Figur machen. Alles kommt auf und geht über den Tisch.

Ein Smartphone, Galaxy S mini, zum Beispiel. Es hat zwar einen Riss im Display, aber trotzdem geht es für 47 Euro weg. Damit so eine Auktion nicht ewig dauert, werden verschiedene Fundsachen auch gern mal gebündelt. Da bekommt man zum (leeren) Portemonnaie gleich noch ein altes Nokia-Handy dazu. „Das ist noch ein richtig gutes“, bemerkt Adamsdotter nebenbei. Ein Mann aus der ersten Reihe, mit grünem Hemd und düsterem Blick, steigert bei fast allem mit. „Viele kaufen hier auch für den Flohmarkt ein oder handeln mit Schmuck“, erklärt Klaus Petersen. Der Zuschlag für die Geldbörse samt Museumshandy geht an ihn, für 14 Euro. Für das weiße iPhone 5 mit 16 GB dagegen blättert der Mann schon stolze 145 Euro hin.

Lone ist eine junge Mutter, die mit ihrem Vater und ihrem kleinem Sohn da ist. Ob sie auf etwas Bestimmtes wartet? „Nein, ich will nur mal gucken“, sagt sie, während der Kleine den Sitznachbarn unterhält. Ihr Vater ersteigert einen Kindle E-Book-Reader, samt Ledereinband und ein paar gespeicherten Büchern – für schlappe 30 Euro. Lone selbst geht an diesem Tag leer aus.

Elektronische Geräte werden vor der Versteigerung auf ihre Funktion geprüft, oberflächlich zumindest. „Wir geben natürlich keine Garantie“, erklärt Petersen.

Im Pack warten Regenschirme auf neue Besitzer. „Die werden besonders gern in Bussen liegen gelassen“, weiß der Fundbüro-Mitarbeiter. Schleierhaft ist allerdings, warum an einigen noch ein Preisschild baumelt. Für drei Euro ersteigert Tarja einen Bund Stockregenschirme. „Ich verliere die ständig oder sie gehen kaputt“, erklärt sie ihren Kauf. „Regenschirme gehen immer weg“, ergänzt der Auktionator.

Hans-Werner meldet sich für ein silbernes Halskettchen, an dem ein Herzchen hängt, und bekommt es schließlich für acht Euro. „Ich weiß zwar noch nicht, was ich damit machen soll, aber ich wollte einfach mal mitsteigern“, sagt er. Jede Menge Silberkram hat Stefan Adamsdotter in Briefumschlägen gesammelt, darunter auch einen Ehering. „Da hat sich wohl jemand getrennt“, so die Vermutung des Auktionators.

Mit Schwung hebt er einen Kinderwagen auf den Tisch. Große Sportreifen, Verdeck und Spielzeug sind inklusive. „Das Ding ist wie neu“, macht er die Karre dem Publikum schmackhaft. Als Bonbon obendrauf gibt es noch eine ungeöffnete Packung Windeln. Gerade mal 25 Euro muss André, der in zwei Monaten Papa wird, dafür aufbringen. „Sehr schön“, freut er sich.

Immer wieder wandert Stefan Adamsdotter zurück in die Handyabteilung, denn nach den Regenschirmen gehören Smartphones mit zu den beliebtesten Liegenbleibern. Michael und seine Freundin Nicola sind öfter bei Versteigerungen dabei. „Wir haben den Termin heute im Radio gehört und sind gleich hergefahren“, erzählen sie. Ihre heutige Ausbeute: drei Portemonnaies und zwei Handys. „Wir sind einfach auf gut Glück hierher gekommen, und weil es Spaß macht.“ Einiges mehr geht noch über den Tisch: MP3-Player, USB-Stick, Fotokamera und sogar ein Blutdruckmessgerät, ein Werkzeugkoffer mit Bohrmaschine und ein Schulranzen werden versteigert. Der Hammer knallt im Fünf-Minuten-Takt auf den Tisch.

Aus einem Turnbeutel kramt Stefan Adamsdotter eine braune Sporthose und ein rosafarbenes T-Shirt. Aus einem Lederrucksack fischt er einen einzelnen Schuh der Größe 45 und fragt sich laut, wer wohl mit einem Schuh nach Hause gekommen sei? Elf Euro werden am Schluss für Turnbeutel und Rucksack ausgegeben.

Benjamin ist zum ersten Mal dabei und bietet auf ein Überraschungspaket, aus dem das Ende von ein paar Krücken zu sehen ist – einfach nur, „weil es lustig ist“. Zwischen weggeworfenen Klamotten und einem Spielzeug-Schwert versteckt sich ein kleines silbernes Zigaretten-Etui. „Dafür kannst du locker einen Hunni bekommen“, mutmaßt Benjamins Sitznachbar.

Gut eine Stunde später kündigt Stefan Adamsdotter an: „Jetzt können alle, die kein Fahrrad haben wollen, gehen“. Und prompt lichten sich die Reihen. Vor allem Studenten sichern sich jetzt die Stühle ganz vorne. Ein Kinderfahrrad bekommt nur wenig Beachtung, vor allem weil es laut Adamsdotter schon „ein wenig reparaturbedürftig“ ist. Für fünf Euro wechselt es dann doch seinen Besitzer. Auch das 26-Zoll-Damenrad samt Platten bringt nicht mehr als 15 Euro ein. Ein weiteres der Marke Viktoria im Retro-Style und ebenfalls wenig Luft im Reifen erwirtschaftet 20 Euro.

Schon ein wenig spannender wird es bei einem grauen Mountainbike der Marke Focus. Da beugen sich die jungen Männer schon mal weiter nach vorne und gucken genau hin. Ein paar spannende Gebotsrunden folgen. Auktionspreis 95 Euro. „Fahrräder sind sowieso der Renner bei Versteigerungen“, sagt Klaus Petersen. Fast alles wird an diesem Tag verkauft. „Es bleibt selten etwas übrig“, weiß der Verwaltungsangestellte.

Fahrräder, Handys und alles, was über 25 Euro versteigert wird, bekommt man übrigens nur, wenn man seinen Personalausweis vorzeigt und Name und Adresse notiert.

Schon lange haben Klaus Petersen und seine Kollegen es aufgegeben, sich über Fundsachen zu wundern. „Mich erstaunt nur, dass nicht danach gesucht wird“, schüttelt er den Kopf „Viele schreiben das Verlorene einfach ab.“

Dennoch ist es nicht so, dass sich die Flensburger nicht an das Fundbüro wenden würden. „Wir bekommen gut 500 Anfragen im Monat, doch oft haben wir nicht das, wonach die Leute suchen,“ sagt Petersen. Häufig sind es auch unsere dänischen Nachbarn, die bei einem Besuch in der Stadt etwas auf Parkbänken und im Restaurant liegenlassen. Alle paar Wochen bringen Busunternehmen aus Flensburg eine Ladung der Dinge, die die Fahrer zwischen den Sitzen gefunden haben. Handtaschen, Rucksäcke, Schlüsselbunde und vieles mehr. „Da sind auch viele Dinge dabei, die richtig einen Wert haben.“ Ob es sich bei dem einen oder anderen Fundstück um Diebesgut handelt, können die Mitarbeiter nie ganz ausschließen. Regelmäßig wird deswegen ein Datenabgleich mit der Polizei gemacht und beispielsweise die Rahmennummer gefundener Räder durchgegeben.

Ebenfalls wird ein großer Aufwand betrieben, um den jeweiligen Besitzer ausfindig zu machen. Meldet sich niemand in der gesetzlichen Aufbewahrungsfrist, dann werden persönliche Daten, EC-Karten, Fotos und Papiere gelöscht oder vernichtet.

Wer im Fundamt sein Hab und Gut wiederfindet, der muss in der Regel einen Eigentumsnachweis erbringen. So fragt Klaus Petersen bei Handys beispielsweise nach dem Pin und bei Fahrrädern nach einem Kaufbeleg. Wann die Versteigerungen stattfinden, steht eine Woche vorher in der Tageszeitung und auf der städtischen Homepage. Wer möchte, kann sich einen Tag vorher ohne Anmeldung von 7.30 bis 12 Uhr die Sachen schon im Rathauskeller ansehen oder auf der Homepage die Versteigerungsliste einsehen.

Alle Einnahmen fließen in die Stadtkasse. Die Erlöse drehen sich meist um die 1000 Euro pro Versteigerung. Das Geld reicht allerdings kaum, um die Kosten der Erfassung der Gegenstände, den Verwaltungsaufwand und die Versteigerung selbst zu bezahlen. Dennoch wollen die Flensburger Rathaus-Mitarbeiter die Sachen auch nicht einfach auf den Müll werfen.

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erstellt am 02.Aug.2015 | 17:27 Uhr

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