Kinder- und Jugendhaus St. Franziskus : Schliessung auf Nordstrand: „Ich bleib’ bis zum letzten Tag“

Hoffen auf ein Wunder zur Rettung ihres Zuhauses: Die Bewohner des St. Franziskus-Hauses Larissa Naubur (links) und Charlotte Siebertz mit ihren Kindern Kai und Frida.
Hoffen auf ein Wunder zur Rettung ihres Zuhauses: Die Bewohner des St. Franziskus-Hauses Larissa Naubur (links) und Charlotte Siebertz mit ihren Kindern Kai und Frida.

Anfang des Jahres ist ein heftiger Streit um den Erhalt des Kinder- und Jugendhauses St. Franziskus auf Nordstrand entbrannt. Nun steht die endgültige Schließung für den 31. Juli fest. Doch der Kampf geht weiter.

shz.de von
10. Mai 2015, 09:54 Uhr

Wenn Charlotte Siebertz von ihrem Zuhause erzählt, stehen ihr die Tränen in den Augen. „Niemand weiß, wie es weitergehen soll. Alle sind gereizt, und es gibt viel öfter Streit als früher.“ Die 29-Jährige wohnt mit ihrer vier Monate alten Tochter Frida im Kinder- und Jugendhaus St. Franziskus auf Nordstrand. Seit Ende Januar steht fest: Der Caritas-Verband möchte das Haus aufgeben, das er erst 2006 übernommen hat und in dem zeitweise bis zu 50 Kinder, Jugendliche und junge Mütter aus schwierigen Familien-Verhältnissen ein neues Zuhause fanden.

Schon zwei Mal – in den Jahren 2006 und 2011 – stand das Heim kurz vor der Schließung. Diesmal scheint es keinen Ausweg mehr zu geben: Vergangene Woche gab Caritas-Direktorin Angelika Berger den Toresschluss am 31. Juli bekannt. Sie bedauere die Schließung dieser alten und traditionsreichen Einrichtung, sehe aber „aufgrund der baulichen Situation, der nicht mehr zeitgemäßen Konzeption der gemeinsamen Unterbringung unterschiedlichster Alters- und Bedarfsgemeinschaften in einem Hause und der nicht garantieren Auslastung keine andere Lösung“, sagte Berger auf Anfrage von Schleswig-Holstein am Sonntag.

Das Erzbistum Hamburg, dem das Grundstück und die Immobilie des Heims gehören, vertraut auf die Einschätzung der Caritas. Man trage die Entscheidung der Schließung mit, sagt Generalvikar Ansgar Thim, der mit der Angelegenheit betraut ist. Aufgrund des Alters des Gebäudes – es stammt aus den 1970er-Jahren – sei eine Sanierung nicht sinnvoll. Für die Erneuerung von Leitungen und Elektrik und die Sanierung der Fassade würden laut eines Gutachtens mindestens 1,7 Millionen Euro anfallen. Ein Neubau sei für das Erzbistum nicht finanzierbar.

Seit Anfang des Jahres werden die Bewohner des Franziskus-Heims daher in Einrichtungen anderer Träger verlegt. Wohnten im Dezember 2014 noch 43 Mütter, Kinder und Jugendliche in dem Haus, sind es jetzt nur noch 14. Vier sollen noch in diesem Monat in eine eigene Wohnung umziehen. Von ehemals 29 Mitarbeitern sind derzeit noch 18 in der Einrichtung tätig.

„Der Abschied ist jedes Mal schwer“, sagt Charlotte Siebertz, die im vergangenen Jahr aus Wiesbaden in das St. Franziskus-Haus kam und nun zusammen mit Tochter Frida eine der letzten Bewohnerinnen ist. Zum Interview müssen wir Siebertz an einem neutralen Ort treffen. Ein Besuch in dem Heim sei „aufgrund der besonderen Schutzwürdigkeit“ der Bewohner derzeit nicht möglich, heißt es vom Caritas-Verband. Die Mitarbeiter inklusive des Heimleiters Ulf Hamann sind mit einem Redeverbot gegenüber der Presse belegt, wie sie auf Anfrage bestätigen.

All das drücke auf die Stimmung im Heim, sagt Charlotte Siebertz. Trotzdem steht für sie fest: „Ich bleibe bis zum letzten Tag.“ Das Heim sei für sie ihr zweites Zuhause, mit den Betreuern sei sie vom ersten Tag an sehr gut klar gekommen, habe die Probleme aus ihrem früheren Leben vergessen können.

Heimleiter Ulf Hamann habe versichert, dass nach einem schönen Platz in einer anderen Einrichtung für sie gesucht werde. „Aber das ist kein Trost für mich.“ Genau wie Siebertz hätten viele der Bewohner, die bereits verlegt wurden, nicht aus dem Heim weggewollt, weil sie zum Beispiel durch Schulfreunde auf Nordstrand verwurzelt seien. „Aber uns fragt ja keiner.“

Das Schicksal der Heimbewohner hat inzwischen eine Welle der Solidarität hervorgerufen. Angestoßen durch eine Facebook-Gruppe, die eine ehemalige Bewohnerin im Januar gründete, wurde eine Bürgerinitiative gegründet, die nach eigenen Angaben über 600 Mitglieder zählt, davon 40 besonders aktive. „Für die Kinder, Jugendlichen und Mütter ist es ein erneutes Trauma, wenn sie aus ihrer Umgebung und aus ihrer Heimfamilie herausgerissen werden“, sagt die Sprecherin der Initiative, Sabine Marya. Der Kirche und dem Caritas-Verband wirft die Rantumerin „unchristliches Handeln“ vor. „Dem Erzbistum Hamburg scheint es nur um das Geld und nicht um die Kinder zu gehen.“

Fast täglich verfassen Mitglieder der Initiative offene Briefe nicht nur an das Erzbistum, sondern auch an das Jugendamt Nordfriesland, die Sozialministerin, den Ministerpräsidenten oder den Bundespräsidenten. Ein Mitglied aus dem Kreis Pinneberg hält seit einigen Wochen jeden Sonntag Mahnwache vor dem Hamburger Marien-Dom: „Das Erzbistum Hamburg deportiert Kinder aus ihrem Zuhause“, ist auf einem seiner Protest-Plakate zu lesen. Gleichzeitig beklagen die Aktivisten die mangelnde Dialog-Bereitschaft des Erzbistums.

Die kann Dr. Uwe Krüger nicht bestätigen. Auf dem Arzt, bei dem viele Heimbewohner in Behandlung sind, ruhten in den vergangenen Wochen viele Hoffnungen. Er hatte angekündigt, die Immobilie kaufen zu wollen. Seine Bedingung ist allerdings, dass sich ein geeigneter Träger findet, der den Heimbetrieb fortführt. „Alleine kann ich das nicht schultern.“

Er habe mehrere Gespräche mit Vertretern des Erzbistums geführt, sagt Krüger. Dort habe man einem Verkauf an ihn prinzipiell offen gegenübergestanden. Eine Renovierung würde Krüger nicht scheuen, zumal er den Bedarf nicht ganz so hoch einschätzt wie die Kirche.

Das Problem ist jedoch: Bislang hat niemand Interesse. Krüger habe mit insgesamt fünf Organisationen gesprochen. Namen will er nicht verraten. Nur so viel: „Alle haben abgesagt, weil das Haus mit über 50 Plätzen zu groß sei.“ Damit scheine sich das Argument der Caritas zu bestätigen, dass das Konzept des Heims nicht mehr zukunftsfähig sei.

Sollte sich jedoch in letzter Minute noch ein Träger finden: Krüger wäre weiterhin zum Kauf der Immobilie bereit. „Auch für Konzepte eines Mehrgenerationenhauses oder einer Einrichtung für behinderte Kinder wäre ich offen.“ Im Moment sei jedoch kein Träger und damit keine Rettung in Sicht. Für diesen Fall plant das Erzbistum den Abriss der Gebäude des St. Franziskus-Hauses.

Von dieser „Horror-Vision“ möchten sich die verbliebenen Heimbewohner im Moment noch kein Bild machen. Charlotte Siebertz: „Ich hoffe, dass ein Wunder passiert, und dass wir hier bleiben können.“

Homepage der Bürgerinitiative für den Erhalt des Heims: www.mein-offener-brief.de

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen