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Schleswig-Holstein als preußische Provinz : Schleswig und Kiel: Städte-Duell um die Macht

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vor 150 Jahren annektiert Preußen die Herzogtümer Schleswig und Holstein. Doch von wo soll die neue Provinz geformt werden?

shz.de von
erstellt am 11.Jun.2016 | 18:35 Uhr

Dass der höchste Repräsentant der werdenden preußischen Provinz Schleswig-Holstein erst einmal das Kieler Schloss bezieht, liegt auf der Hand: Am Abend des 11. Juni 1866, einem heißen Tag mit kräftigem Gewitter über der Förde, trifft der neue Oberpräsident Carl von Scheel-Plessen von seinem Wohnort Altona dort ein. Schon die Symbolik des Machtübergangs verlangt, dass der 55-jährige Baron das Schloss in Besitz nimmt.

Denn noch vier Tage vorher hat dort der österreichische Statthalter in Holstein, Ludwig von Gablenz, residiert. Aus Schleswig einrückende preußische Truppen haben ihn außer Landes gedrängt. Holsteins Verwaltung durch die Donaumonarchie – eine kurzzeitige Folge des gemeinsamen Siegs von Österreichern und Preußen gegen Schleswig-Holsteins einst dänische Herrscher 1864 – ist Geschichte.

Knall auf Fall muss Scheel-Plessen zunächst nur für Holstein eine neue Regierung einsetzen. Denn für das bisherige Herzogtum Schleswig gibt es bereits eine in preußischen Diensten: Von Schloss Gottorf in der Stadt Schleswig aus lenkt der Zivilkommissar Constantin von Zedlitz diese Verwaltung. Bei Scheel-Plessens ersten Gehversuchen im neuen Amt zwar eine Entlastung. Aber auf Dauer will der dieses Zedlitz-Regiment mit einem gewissen Eigenleben nicht an seiner Seite dulden. Der Oberpräsident ist Anführer für ganz Schleswig-Holstein, und möchte daher überall durchregieren. Obendrein verlange der „Up ewig ungedeelt“-Gedanke beider Gebiete eine einheitliche Regierung, argumentiert Scheel-Plessen gegenüber seinen Chefs in Berlin.

Die kauen länger auf dem Vorstoß herum; finden im Vergleich zu ihren anderen Provinzen Schleswig-Holstein für nur einen Regierungsbezirk eigentlich zu groß. Immerhin beträgt die Nord-Süd-Ausdehnung rund 230 Kilometer; Schleswig reicht anders als der heutige Landesteil noch gut 70 Kilometer nördlich über Flensburg hinaus.

<p>Im Kieler Schloss residiert Schleswig-Holsteins Oberpräsident von 1866 bis 1879 und dann wieder von 1917 an.</p>

Im Kieler Schloss residiert Schleswig-Holsteins Oberpräsident von 1866 bis 1879 und dann wieder von 1917 an.

Foto: Landesbibliothek

Bis zum September 1868 bleibt es daher bei einer Zweiteilung: Zedlitz macht auf Gottorf weiter; Oberpräsident Scheel-Plessen wird in Kiel zugleich Chef einer zweiten Regierung für Holstein. Letztlich aber gibt Berlin Scheel-Plessens Ruf nach einer einzigen Regierung nach. In der Hinsicht baut es auf die Vertrautheit dieses Landeskindes mit den Eigenarten des hohen Nordens. Doch ein Triumph auf ganzer Linie ist das für Scheel-Plessen trotzdem nicht. Mit seiner Empfehlung Kiels als Regierungssitz für ganz Schleswig-Holstein vermag er sich nicht durchzusetzen. Für den Oberpräsidenten war es keine Frage, dass Kiel „als Mittelpunkt des sozialen und politischen Lebens“ dazu am besten geeignet wäre, hat er an Ministerpräsident Otto von Bismarck geschrieben. Noch dazu könne die Regierung dort auf die Kompetenzen der Universität zurückgreifen. Schließlich der weitere Horizont dieser lebendigen Stadt: „Der regere persönliche Verkehr mit gebildeten, nicht zur Regierung selber gehörigen Kreisen ist geeignet, der Entstehung eines Geistes bureaukratischer Abgeschlossenheit vorzubeugen“, wirbt Scheel-Plessen. Soll heißen: Ganz anders als in der kleinen, abgelegenen Stadt Schleswig, die als Konkurrent im Rennen ist.

Für die trommelt Scheel-Plessens Widersacher Zedlitz. Der Altpreuße hat bereits gezeigt, dass es sich von dort aus zur Zufriedenheit Berlins verwalten lässt. Zedlitz genießt wiederum besonderes Vertrauen in der preußischen Hauptstadt, weil er sich als Abgesandter der ersten Stunde nach dem Ende der dänischen Ära bewährt hat.

Die schleswigsche Bevölkerung fühle sich nur allzu leicht als Stiefkind, rapportiert er nach Berlin. Sie könne nur zu guten Preußen gemacht werden, wenn die Schleistadt als einstige Capitale des Herzogtums Schleswig zum Zuge komme. Für die Stadt Schleswig spricht ebenfalls die Historie. Die einstigen Gottorfer Herzöge lenkten von dort aus lange auch weite Teile Holsteins; später saß dort der dänische Statthalter für die Herzogtümer. Am stärksten gewichten die Entscheider in Berlin ein aktuelles Argument. Ein einheitlicher Regierungssitz in Kiel – also Holstein – könne dänischerseits als preußisches Desinteresse am einstigen Herzogtum Schleswig missverstanden werden.

Pikant ist das deshalb, weil die Nordgrenze keineswegs als gesichert gelten kann. Unter internationalem Druck musste Preußen Schleswigs nördlichen, national gemischten Distrikten eine Volksabstimmung über einen Anschluss an Dänemark in Aussicht stellen. So ist es im Friedensvertrag von Prag verbrieft, der die Verhältnisse in Schleswig-Holstein nach dem Ausscheiden Österreichs neu regelt. Allenfalls das ebenfalls schleswigsche Flensburg kann man sich in Berlin noch als Alternative zur Schleistadt vorstellen.

Das Ende vom Lied: Alleiniger Regierungssitz für Schleswig-Holstein wird ab Herbst 1868 die Stadt Schleswig, und die Aufsicht über die Regierung führt formell Oberpräsident Scheel-Plessen. Er selbst behält als Amts- und Wohnsitz trotzdem das Schloss in seiner Geburtsstadt Kiel. In keiner anderen preußischen Provinz gibt es eine solch eigentümliche Trennung.

Als Chef für die operative Verwaltungsarbeit wird in Schleswig noch ein Regierungspräsident zwischengeschaltet: Alexander Julius Elwanger. In drei Abteilungen ist sein Apparat untergliedert: eine für Inneres, eine für Medizinalangelegenheiten, Kirchen und Schulen, eine für Steuern, Domänen und Forsten. Für Zedlitz ist auch gesorgt: Er ist im Frühjahr 1868 als Regierungspräsident ins schlesische Liegnitz versetzt worden. Da war für einen erfahrenen Mann gerade etwas frei.

Erst elf Jahre später werden die Kräfte von Oberpräsidium und Regierung auch in Schleswig-Holstein gebündelt, und zwar beide an der Schlei. Da zieht die Regierung aus dem zweiten Stock von Schloss Gottorf aus, weil das wachsende Militär das Gebäude vollständig als Kaserne nutzen will. Fertiggestellt ist direkt gegenüber ein noch monumentalerer Palast im Stil der italienischen Neo-Renaissance: das neue Regierungsgebäude Schleswig-Holsteins. Machtsymbol einer auf ewig zu verstehenden preußischen Einverleibung des Nordens, vom Volksmund wegen seiner Größe und der Farbe der Klinkersteine „Roter Elefant“ genannt. Von vornherein mit eingeplant sind dort Amtsräume und Dienstwohnung auch des Oberpräsidenten.

Scheel-Plessen allerdings ist bei der Einweihung 1879 bereits 68 Jahre alt. Das nimmt er als persönliches Argument gegen Schleswig: Er geht in Pension und macht den Ortswechsel nicht mehr mit. Sein Nachfolger Carl Heinrich von Boetticher residiert als erster Oberpräsident in Schleswig.

Schon dessen Nachfolger Georg von Steinmann wird allerdings dafür sorgen, dass nie Ruhe in die Kiel-Schleswig-Debatte einkehrt. Wegen Arbeitsüberlastung wirbt er für eine zweite Regierung speziell für Holstein in Kiel. 1889 wird dieser Vorstoß vom preußischen Abgeordnetenhaus mit knapper Mehrheit sogar angenommen, aus finanziellen Gründen aber nie umgesetzt.

1904 und 1907 gibt es Anläufe, zumindest den Oberpräsidenten nach Kiel ziehen zu lassen. In Schleswig fehlten ihm Berührungsmöglichkeiten mit dem politischen, wirtschaftlichen und Verkehrsleben der Provinz, heißt es zur Begründung. Trotz starker Befürworter in der preußischen Ministerialbürokratie kommt es aber beide Male am Ende doch nicht dazu. 1904 sogar denkbar knapp nicht: mit fünf Nein- gegen vier Ja-Stimmen ist eine Abstimmung der preußischen Minister in Berlin dazu ausgegangen.

Erst in einer Sondersituation kommt es dann doch so weit: 1917, „aus Kriegsgründen“, wie es heißt. Kiel als Zentrum der kaiserlichen Marine hat bei den Schlachtplänen eine Schlüsselrolle inne. Da wechselt das Oberpräsidium tatsächlich zurück nach Kiel. Die Regierung bleibt in Schleswig – und die anfängliche Zweiteilung ist wiederhergestellt.

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