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Kaufkraft-Vergleich : Schleswig-Holsteiner können sich mehr leisten als Hamburger

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Kaufkraft der Schleswig-Holsteiner ist höher als die unserer Nachbarn in Hamburg. Die Gründe erläutert eine Studie.

shz.de von
erstellt am 06.Dez.2016 | 08:36 Uhr

Kiel/Hamburg | Die Menschen in Schleswig-Holstein können sich trotz niedrigerer Einkommen mehr leisten als die Nachbarn im wirtschaftsstarken Hamburg – und sind auch deutlich seltener von Armut bedroht als die Bürger der Hansestadt. Das geht aus einer neuen Untersuchung hervor, die das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Berlin vorgestellt hat. Der Grund für das scheinbar widersinnige Ergebnis ist das Preisniveau, das die Kölner IW-Forscher in ihrer Studie mit berücksichtigt haben: Es ist in Hamburg neun Prozent höher als im nördlichsten Bundesland.

Zwar lag das mittlere Pro-Kopf-Nettoeinkommen in Hamburg zuletzt mit 1608 Euro über dem in Schleswig-Holstein mit 1587 Euro. Doch bezieht man mit ein, dass auch die Ausgaben der Bürger in Hamburg höher sind, dreht sich die Reihenfolge um: Gemessen am bundesweiten Preisniveau liegt die mittlere Kaufkraft der Schleswig-Holsteiner noch immer bei 1582 Euro – denn die Lebenshaltung ist hier nur minimal teurer als in ganz Deutschland. In Hamburg dagegen beträgt die Kaufkraft nicht zuletzt wegen der hohen Mieten nur 1474 Euro.

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Auch die Lücke beim Armutsrisiko ist zwischen den beiden Nachbarländern groß und in den letzten beiden Jahren sogar gewachsen. Als armutsgefährdet gilt in der IW-Studie, wer weniger als 60 Prozent der mittleren Kaufkraft in Deutschland zur Verfügung hat. Während das in Hamburg inzwischen gut 20 Prozent sind und damit ein Prozentpunkt mehr als vor zwei Jahren, sind es in Schleswig Holstein unverändert nur 14 Prozent. Damit liegt das Land hinter Bayern und Baden-Württemberg auf Platz drei. Besonders niedrig ist die Armutsgefahr hierzulande in den vier Hamburger Randkreisen mit 11,8 Prozent. An der Westküste und im nördlichen Landesteil ist sie mit 13,4 Prozent nur etwas höher, an der Ostsee mit 16,3 Prozent landesweit am höchsten (siehe Karte).

Die Entwicklung zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein ist bezeichnend für einen generellen Trend, den die IW-Forscher aus Köln feststellen: Anders als die offiziellen Daten des statistischen Bundesamts nahelegen, ist die Armutsgefahr mittlerweile in den großen Städten besonders hoch – und nicht auf dem Land oder in Ostdeutschland, wo die mittleren Einkommen zwar tendenziell niedriger sind als in westdeutschen Städten, aber die Lebenshaltungskosten erst recht.

Im reichen München etwa ist das Armutsrisiko mit 17,5 Prozent höher als in Sachsen-Anhalt, in der Finanzmetropole Frankfurt mit 23,6 Prozent höher als in Berlin. Am größten ist die Gefahr in Bremerhaven und Gelsenkirchen mit 28,5 Prozent, am niedrigsten am Bodensee mit 8,6 Prozent. „Die Armutslandkarte kann nicht mehr durch eine Dualität zwischen reichem Westen und armem Osten beschrieben werden“, resümierte IW-Geschäftsführer Hans-Peter Klös. Vielmehr lägen „die Probleme vor allem in städtischen Gebieten“ – nicht nur wegen der hohen Kosten, sondern auch weil es arme Menschen gerade in Ballungsräume ziehe.

Klös forderte daher „einen Paradigmenwechsel in der Regionalpolitik“: Die dürfe nicht länger vor allem Dörfer fördern. Vielmehr müssten mit der anstehenden Neuregelung der Regionalförderung ab 2020 „städtische Regionen mit Strukturproblemen und hoher Arbeitslosigkeit verstärkt berücksichtigt werden“, sagte Klös. Zudem forderte er von den Städten ein zügiges Ausweisen von Bauland, um die Wohnungsknappheit zu bekämpfen, niedrigere Gewerbesteuersätze sowie mehr Ganztagsbetreuung zur Unterstützung von Alleinerziehenden und mehr Sprachkurse für Flüchtlinge.

Aus Schleswig-Holsteins jährlichem Regionalfördertopf von 44 Millionen Euro erhalten bisher alle vier kreisfreien Städte Geld sowie die meisten Kreise außer Pinneberg, Segeberg und Stormarn. Bei der Zuteilung spiele das Armutsrisiko bisher „nur indirekt“ eine Rolle, sagte ein Sprecher von Wirtschaftsminister Reinhard Meyer. Es werde aber „darüber diskutiert, ob es künftig direkt einfließen sollte“. Dann würden wohl die kreisfreien Städte stärker profitieren.

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