Volkskunde Schleswig : Schildkröt-Schönheiten und Botox-Barbie

Klönen in Korbsesseln: Ein Schildkröt-Puppen-Trio mitten in der neuen Ausstellung in der Volkskunde: „Puppenleben“. Foto: Filz
Klönen in Korbsesseln: Ein Schildkröt-Puppen-Trio mitten in der neuen Ausstellung in der Volkskunde: „Puppenleben“. Foto: Filz

Puppen von Schildkröt und Kruse, Barbie im Ferrari, Miniatur-Kochgeschirr: Die neue Schleswiger Ausstellung "Puppenleben" zeigt rund 200 Exponate, die Erinnerungen wecken.

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02. Dezember 2008, 03:38 Uhr

Schleswig | Ein Spielzeug-Wunderland. Satte Träume tanzen in der Luft, zum Greifen nah. Kind sein, wenigstens für eine Stunde und auf 200 Quadratmetern. Ein vor Gemütlichkeit strotzendes Puppenleben liegt vor uns und rollt den rosaroten Teppich aus zum Glücklichsein. Kein Platz für bloß verstohlene Rückblicke. Tief einatmen. In der Puppenküche mit offener Herdstelle und Speisekammer ists angerichtet. Daneben ist ein Schätzchen von 1845 erwacht und zeigt, was in ihm steckt: "Nähkästchen für heranwachsende Damen". Andere Zeiten, Sitten, Liebhaber-Stücke. Zum Schluss wartet die Barbie von 2007 auf uns, mit Plastik-Endlosbeinen, Mandel-Manga-Augen und Botox-aufgemotztem Kussmund.
Vom Biedermeier in die Star-Wars-Ära
Gut 200 Exponate zeigt Schleswigs Volkskunde-Museum jetzt auf dem Hesterberg. Die neue Ausstellung "Puppenleben" wird zur Reise vom Biedermeier durch die Gründerjahre und Wirtschaftswunderzeit bis hin zur Star-Wars-Ära. In diesem Jahr trägt die Itzehoer Sammlerin Angelika Salzwedel zur volkskundlichen Weihnachts-Sonderschau mit historischem Spielzeug bei. 126 Puppen stammen aus ihrem Besitz. Hinzu kommen Miniatur-Möbel aus dem Museumsbestand, sagt Leiter Dr. Carsten Fleischhauer, der mit dem Querschnitt durch klassisches Mädchen-Spielzeug als Repräsentanten der Alltagskultur neue Spitzenzahlen schreiben will. Jährlich rund 25 000 Besucher zählt die Stiftung Landesmuseen für ihren Hesterberg-Komplex, in diesem Jahr rechnet Fleischhauer mit insgesamt zirka 40 000. Allein 22 000 Fans wollten die jüngste Schau rund um historisches Blechspielzeug sehen.

Jetzt zeigt das Wunderland thematisch sortierten Puppen-Alltag: "Wohnkultur", "Rollenbilder", "Spiegel der Warenwelt", "Puppen als Markenartikel". Für welche Summe ist die Schau versichert? Fleischhauer schweigt lächelnd. Und übrigens: Das Anfassen der Stücke bleibt verwehrt. Nähern dürfen sich nur kostbare Erinnerungen. Die schlüpfen hinter Vitrinenglas, zur Strickkleidchen-Parade, zum elektrischen Herd, Plastik-Nierentisch, Tiefkühler und senfgelbem Bad-Interieur vor blauer Kachelwand.
Kruse-Dackel und Kaufmannsläden
Ein Leben wie aus Bilderbüchern, mit den Rhythmen der Jahrhunderte. Nicht leblos wie Sammelsurium-Kataloge für Schöngeister, sondern lebhaft dank der Kinder, die wirklich spielten. Wie das Mädchen, das mal die fünf Zentimeter winzige Spindel in seiner Hand hielt und den Käthe-Kruse-Dackel streichelte. Wie die kleine Angelika Salzwedel, die ihre Schildkröt-Puppe nicht aus den Augen ließ, die sie nach Kriegsende erhalten hatte - auf dem Schwarzmarkt, eingetauscht gegen Lebensmittel, ein Püppchen als Handelsware fürs Gemüt. Wie der Junge, der "Robot Mr. T" anno 1986 durch Teppichflusen marschieren ließ. Und wie die Kinder der 70er, die Brühwürfel-Päckchen ins oberste Regal ihrer Kaufmannsläden sortierten.

Ware auf die Waage. Die orangefarbene Registrierkasse springt auf. Im Spielzeug-Wunderland ist die süße Zeit zurück.

Ausstellung bis zum 11. Januar. Schleswig, Volkskunde-Museum, Hesterberg, Körnerhaus (EG)

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