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Überkapazitäten und fallende Frachtraten : Schiffsfonds: Anleger müssen Gelder zurückzahlen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Viele Schiffsfonds gerieten in den letzten Jahren in schweres Fahrwasser. Das bekamen vor allem die Anleger zu spüren.

shz.de von
erstellt am 09.Jan.2016 | 18:34 Uhr

Ihre Jobs gehören zu den gefährlichsten der Welt. Jedes Jahr sterbende Dutzende Arbeiter in Chittagong beim Zerlegen alter Schiffe. Ein sieben Kilometer langer Strandabschnitt am Rande von Bangladeschs zweitgrößter Stadt gilt als Zentrum der weltweiten Abwrackindustrie. 200.000 Menschen schlachten auf dem Schiffsfriedhof heruntergekommene Ozeanriesen aus – oftmals ohne die notwendige Schutz- oder Arbeitskleidung.

Schiffsfonds spielen heute kaum noch eine Rolle. Wo sie neu auftauchen, agieren sie als Käufer von Zweitmarktschiffen. Sie übernehmen also jene Schiffe, die in Not geratene Investoren losschlagen mussten.

Manches Schiff, das hier auseinandergenommen wird, fuhr mal für deutsche Anleger über die Weltmeere. Für Menschen, die ihr Geld in Schiffsfonds investiert hatten – mit im Gepäck, das Versprechen von steuerlichen Vorteilen und einer guten Altersvorsorge.

Der Traum von der Seefahrt endete für viele im Albtraum; mit Schiffbruch und Untergang. Rund 30 Milliarden Euro haben Deutschlands Anleger in den vergangenen Jahren in Schiffsfonds gesteckt – mindestens 450 dieser geschlossenen Fonds sind inzwischen pleite. Der Schaden beläuft sich auf rund 10 Milliarden Euro. Überkapazitäten und fallende Frachtraten wurden den Anlegern zum Verhängnis.

Doch nicht nur sehen viele von ihnen große Teile ihres Geldes nicht mehr wieder – von den einst erhofften Renditen ganz zu schweigen. Bereits bezahlte Ausschüttungen werden von den Schiffsfonds inzwischen sogar zurückgefordert. Seit 2014 werden daher Klagen an Anleger verschickt.

Wer als Anleger Geld auf einem Sparbuch oder mit Aktienfonds anspart, Zinsen und Dividenden erhält, für den mutet gerade Letzteres ziemlich bizarr an. Doch die Konstruktion der Schiffsfonds ist speziell.

In den ersten Jahren verdienen die Schiffe, die die Fonds kaufen, nämlich kein Geld. Um Anleger in dieser Zeit bei Laune zu halten – und sie nicht nur von Abschreibungsmodellen profitieren zu lassen – zahlten die Fonds nicht genutztes Kapital an sie aus. In der Krise erinnern sich die Manager nun genau an dieses Geld – und holen es sich zurück. „Kaum einer hat verstanden, dass die Ausschüttungen keine Gewinne sind“, sagt Michael Herte von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein in Kiel. „Da ist der normale Verbraucher absolut überfordert.“

Die rechtlichen Konstrukte, auf die sich die Fonds berufen, sind sehr unterschiedlich. Mitunter wurden die Zahlungen an die Anleger schlicht als zinsloses Darlehen deklariert – das jetzt in der Not vom Fonds aufgekündigt und zurückgefordert wird. Gemeinsam ist allen Varianten, dass das Geld letztlich Kapital des Unternehmens gewesen und geblieben ist. Zumindest aus Sicht der jeweiligen Manager und Verwaltungsgesellschaften.

Die Möglichkeiten mancher Fonds gegen die eigenen Anleger und Geldgeber dabei mit Klagen vorzugehen, sind praktisch unbegrenzt. „Die Fonds bekommen Prozess-Kosten-Hilfe“, sagt Herte. Zumindest manche von ihnen. Unter bestimmten Umständen sei das möglich.

Die Schiffsfond seien an Menschen verkauft worden, die eine „pfiffige Geldanlage“ suchten, so Herte. Bis heute hätten manche davon aber nicht verstanden, dass sie Miteigentümer werden.

„Die Banken haben bei Schiffsfonds sehr gut verdient.“ Dass sie Provisionen von zehn bis 15 Prozent für die Vermittlung erhielten, sei oftmals erst später klar gewesen. Auch für viele Emissionshäuser, die die Schiffsfonds aufgelegt haben, wurden die Probleme mit den einst populären Anlageprodukten erst später zur Belastung. Bei den Fonds selbst verdienten sie an Gebühren. Bis heute. Denn wo der Schiffsfonds nicht abgewickelt wurde, fließt das Geld für die Verwaltung weiter.

Doch die Branche traf der Image-Verlust hart. Bis heute hält die Konsoldierungswelle an. „Das Geschäft mit dem Publikum hat deutlich gelitten unter der immer noch anhaltenden Vertrauenskrise“, beklagte Anfang 2014 Oliver Porr, damals Geschäftsführer beim Bundesverbands Sachwerte und Investmentvermögen(BSI), ein ursprünglich auf Anbieter geschlossener Fonds spezialisierter Branchenverband. Seit 2013 hat der Gesetzgeber mit dem Kapitalanlagegesetzbuch die Regeln für geschlossenen Fonds und ihre Anbieter verschärft. Vorher gab es kaum Regeln für die Produkte, die zum grauen Kapitalmarkt zählten. „Heutzutage einem Verbraucher einen geschlossenen Fonds zu verkaufen, ist nicht mehr gerade einfach“, bekennt auch Herte in Kiel. Die Anbieter müssen so unter anderem der Bankenaufsicht Bafin Prospekte vorlegen, die auf Plausibilität geprüft werden.

Der Markt für geschlossene Fonds insgesamt verzeichnete zuletzt zwar wieder Wachstum – aber an das Niveau vor der Krise der Schiffsfonds reicht es nicht heran. Und statt Schiffen sind heute Immobilien gefragt. Und Flugzeuge. 2014 hatten allein die Mitglieder des BSI, die gut 6o Prozent des Marktes ausmachen, Flugzeugfonds mit sieben Milliarden Euro unter ihrer Verwaltung. Eine weitere halbe Milliarden planten Fondsmanager demnach in 2014 und 2015 mit neuen Fonds einzusammeln.

 

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