Sesshafte Wölfe in SH? : Schafsrisse: Zwei junge Wolfsbrüder sorgen in Pinneberg und Eiderstedt für Aufsehen

Eekholt: Zwei Wölfe stehen im Wildpark Eekholt im Gehege. Hungrige Wölfe sind ein Problem für Schafhalter. Auch Menschen fühlen sich bedroht. Seit drei Monaten sorgen zwei junge Wolfsbrüder im Norden für Aufsehen.

Eekholt: Zwei Wölfe stehen im Wildpark Eekholt im Gehege. Hungrige Wölfe sind ein Problem für Schafhalter. Auch Menschen fühlen sich bedroht. Seit drei Monaten sorgen zwei junge Wolfsbrüder im Norden für Aufsehen.

Hungrige Wölfe sind ein Problem für Schafhalter. Für ein ganzes Rudel soll SH aber der falsche Lebensraum sein.

shz.de von
25. August 2018, 13:11 Uhr

Flintbek | Das klägliche Blöken dutzender Schafe dringt durch die Nacht. Unruhig drängt sich die Herde zusammen. Die Tiere riechen ihren Feind: ein hungriger Wolf, der auf leisen Pfoten durch die Dunkelheit streicht. Tote Lämmer zeugen am nächsten Morgen von seinem Mahl. „Die Stimmung auf Eiderstedt unter den Schafhaltern ist sehr gereizt“, sagt Martin Schmidt vom Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR). „Die wollen den Wolf nicht, sie sagen, er gehört nicht hierher.“ Doch der Wolf ist streng geschützt.

Er darf nicht geschossen werden. „Wir können nur Zäune bereit stellen und Entschädigungen geben“, sagt Schmidt. In Schleswig-Holstein ist der Wolf auch 18 Jahre nach seiner Rückkehr nach Deutschland noch nicht wieder heimisch geworden.

„Ein Wolf gilt erst als sesshaft, wenn er mindestens sechs Monate nachgewiesen wurde.“
 

Bislang war er im nördlichsten Bundesland nur auf „Stippvisite“. Seit der ersten Sichtung eines Wolfs im April 2007 bei Süsel wurde der Wolf bislang knapp hundert Mal gesehen beziehungsweise seine Spuren entdeckt. „Ein Wolf gilt erst als sesshaft, wenn er mindestens sechs Monate nachgewiesen wurde“, sagt Wolf-Gunthram Freiherr von Schenck vom Wolfsinformationszentrum.

Zwei Jungwölfe Leben seit drei Monaten hier

Seit rund drei Monaten sorgen zwei junge Wolfsrüden für Aufregung. „Mindestens zwei“, sagt Schmidt. Denn noch seien nicht alle DNA-Spuren ausgewertet worden. Die beiden sind Geschwister, ein Jahr alt, und aus Dänemark eingewandert. Der eine lebt im Raum Pinneberg/Segeberg, sein Bruder ist auf Eiderstedt unterwegs, sagt Landesamt-Sprecher Schmidt. „Es sind Einzeltiere. Sie probieren sich erstmal aus.“ Sie seien noch zu jung, um ein Rudel zu bilden.

In der Karte sehen Sie die Wolfsnachweise seit 2007. Die verschiedenen Farben weisen auf das Jahr hin. Klicken Sie auf die Symbole, um mehr zu erfahren.

Zu wenig ungenutzte Waldgebiete für Wölfe

Außerdem sagen Experten, dass das waldarme Schleswig-Holstein kein „Wolfs-Land“ ist. „Es gibt zu wenig Rückzugsräume – also ungenutzte Waldgebiete.“ Wenn der Wolf einzeln durchzieht, mache ihm das nichts aus. Ein Rudel brauche jedoch Rückzugsräume, um in Ruhe die Jungtiere aufziehen zu können. Dafür würde sich Schleswig-Holstein nicht eignen. „Ob das letztendlich so kommt, oder ob nicht doch irgend ein Wolf in irgendeiner Ecke ein ihm passendes Revier findet, kann niemand wirklich präzise vorhersagen“, sagt Schmidt.

Wölfe jagen schwache Tiere

Ein Wolf in der Freiheit braucht laut von Schenck täglich rund drei Kilogramm Nahrung: „Bezogen auf ein durchschnittlich 100 Hektar großes Jagdrevier braucht ein Wolf ein halbes Reh auf 100 Hektar pro Jahr. Außerdem frisst kein Wolf sein Revier leer, sagt er. „Ein Wolf jagt selektiv: Er schnappt sich nicht die schnellen, gesunden, Kraft strotzenden Tiere, sondern jagt die schwachen, kranken überalterten oder verletzten Tiere – ähnlich wie ein Jäger, der auch darauf achtet, einen möglichst gesunden Wildbestand zu haben.“

„Es ist nicht so, dass sie uns den Wildbestand auffressen“, bestätigt der Vizepräsident des Landesjagdverbands, Andreas-Peter Ehlers. Viele Menschen würden jedoch Probleme mit dem Wolf haben, sagt er. „Nicht die Menschen, die in der Großstadt wohnen, und als Touristen alles ganz toll finden, sondern die Menschen vor Ort, die permanent damit direkt konfrontiert sind.“

„Wir müssen das Thema Wolf neu und realistisch denken.“
 

Der umweltpolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion Oliver Kumbartzky fordert entsprechen: „Wir müssen das Thema Wolf neu und realistisch denken.“ Seine Rückkehr dürfe nicht den Schutz der Weidetiere und der Menschen außer Acht lassen. Kumbartzky will eine Veränderung des Wolfsmanagements: „Wir brauchen in Schleswig-Holstein ein einheitliches und transparentes Monitoring nach dem niedersächsischen Modell“, sagt er. Das bedeute laufend aktualisierte Monitoringberichte, die Suchräume und Beobachtungsgebiete aufzeigen.

Die Leute beruhigen sich wieder

Martin Schmidt glaubt, dass sich die Gemüter beruhigen werden. Eine ähnliche Situation habe es in Sachsen vor zehn Jahren gegeben: „Das waren damals zwei, drei Jahre kribbelige Geschichten, aber inzwischen spricht kein Mensch mehr darüber. Die Schafhalter wissen, dass es ohne Zäune nicht geht, dass sie entschädigt werden für Risse, und dass der Wolf überwiegend Wildtiere nimmt: Es ist ein Nebeneinander. Ich denke, da kommen wir auch hin: Es ist nicht der Untergang des Abendlandes“, sagt Schmidt.

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