Von Ratzeburg bis Schleswig : Sanierungs-Drama: Falscher Mörtel lässt Kirchen in SH bröckeln

shz+ Logo
Domprobst Gert-Axel Reuß zeigt, welche Schäden am Mauerwerk des Turms deutlich zu sehen sind.

Domprobst Gert-Axel Reuß zeigt, welche Schäden am Mauerwerk des Turms deutlich zu sehen sind.

Vielen Gotteshäusern im Land steht eine Millionen-Sanierung bevor. Daran sollen Fachleute nicht ganz unschuldig sein.

Exklusiv für
shz+ Nutzer
shz+ Logo

Annika Kühl von
06. September 2019, 15:38 Uhr

Kiel/Ratzeburg | Der Wind zieht unangenehm im Nacken, das Gerüst klappert. 46 Meter hoch ist er, der Ratzeburger Domturm – auf der Hälfte fühlt er sich bereits so an, wie man sich den Mount Everst vorstellt. So in unmittelbarer Nähe zu dem riesigen Romanik-Bau wirkt alles andere auf einmal ganz klein. Der Aufstieg kostet Kraft, kurze Verschnaufpause am Glockenfenster.

Hier liegen zwei Igelhäute – offenbar die Überreste eines Uhu-Festmahls. Der hat in 26 Meter Höhe seine Ruhe, denn hier oben kommt normalerweise niemand zufällig vorbei. Ein Umstand, der dem Dom zum Verhängnis wurde.

Erst vor Kurzem wurde das Dach komplett saniert. Als das Gerüst für diese Arbeiten aufgestellt wurde und damit auch die Steine am Turm begutachtet werden konnten, der Schock: Das Mauerwerk ist zum Teil in desolatem Zustand, „eine böse Überraschung“ wie Domprobst und Hausherr Gert-Axel Reuß es formuliert.

Hier und da ist ein Klonken oder Rascheln zu vernehmen – nur der Flügelschlag einer Möwe? Oder doch fallendes Gestein? Und tatsächlich: Kleinere und größere Gesteinsbrocken liegen auf den Platten des Gerüsts.

Gert-Axel Reuß zieht einen losen Stein aus dem Mauerwerk.
Annika Kühl

Gert-Axel Reuß zieht einen losen Stein aus dem Mauerwerk.

 

Der Dom wurde im 12. Jahrhundert erbaut, als eines der wenigen romanischen und großen Gotteshäuser in Schleswig-Holstein. Gut zu sehen sollte er sein, „herausragend und repräsentativ. So etwas wie das Bankenhochhaus des Frühmittelalters“, erklärt Reuß.

Vermeidbare Schäden

Die meisten der zum Teil lasierten oder geschwärzten Backsteine haben 800 Jahre auf dem Buckel. Doch beim genaueren Hinschauen ist zu erkennen, dass ausgerechnet genau diese widerstandsfähigen Steine im Laufe der vergangenen 50 Jahre porös geworden und mit einer Salzkruste bedeckt sind.

Der Dom auf der Halbinsel in Ratzeburg. /Archivbild
imago images / allOver-MEV

Der Dom auf der Halbinsel in Ratzeburg. /Archivbild

 

Dass das Wetter dem Mauerwerk zusetzt, ist nichts Ungewöhnliches. Doch der Ratzeburger Dom ist nur eine von mehr als 37 Kirchen im Land, die alleine zur Zeit am Mauerwerk saniert werden müssen – und das oftmals auf Grund vermeidbarer Schäden.

Ein prominentes Beispiel ist der Schleswiger Dom, der mit einem regelrechten Sanierungsdrama für Schlagzeilen gesorgt hatte.

Weiterlesen: Dom-Sanierung wird 3,2 Millionen Euro teurer

Auch die Lübecker Marien- und St. Petrikirche wurden und werden für mehrere Millionen Euro saniert. Besonders desaströs ist die Lage auf der Halbinsel Eiderstedt: Hier sind die meisten der 18 Kirchen marode, einige sind sogar einsturzgefährdet. Das wird aus der Auskunft der Kirchenkreise deutlich.

Aktuell und erst kürzlich sanierte Kirchen in Schleswig-Holstein:

kircheninsh.jpg

Der Teufel steckt im Mörtel

Beim Ratzeburger Dom sei vor allen Dingen das Wetter für die Schäden verantwortlich, erklärt der Domprobst. Die meisten der sanierungsbedürftigen Kirchen im Land haben jedoch ein anderes Problem. Und das ist das Material. „Bezogen auf die Mauerwerkssanierungen der alten Kirchen kann man ganze Romane erzählen“, sagt Reuß. Und über den richtigen und falschen Mörtel auch. Fakt ist: Die Zusammensetzung dieses Ziegelklebers ist maßgeblich für den Erhalt oder Verfall alter Gemäuer.

Bis 1850 sind fast alle Kirchen mit Kalk und Gips verfugt worden. Eine Besonderheit in Schleswig-Holstein, die geografisch bedingt ist: Die damals reichen Vorkommen an Kalk (zum Beispiel vom Kalkberg in Bad Segeberg) wurden für die Baustoffe genutzt. Dann gab es jedoch eine „deutliche Veränderung im Bauwesen: Der Zement wurde eingeführt“, erklärt Gutachter und Denkmalpfleger Dr. Heiko Seidel.

Chemische Eigenschaften der Baustoffe

Der Zement gehört zu den hydraulischen Baustoffen, die unter Wasser abbinden. Kalk und Gips hingegen sind nicht hydraulische Bindemittel, die in Verbindung mit Luft trocknen und andersherum durch Wasser aufgeweicht werden können. Das ist ein Grund, warum einige Kirchen besonders an der Wetterseite Schäden am Mauerwerk aufweisen.

Zementmörtel hat laut Seidel als Klebstoff entscheidende Vorteile: Er ist berechenbar und gilt vor allen Dingen als geregelter Baustoff, für den Norm-Vorgaben zur Verarbeitung vorliegen. Das ist bei speziellen für Kirchen geeigneten Mörteln wie dem Hochbrandgips nicht der Fall.

Besonders in den 60er Jahren sei das Injektionsverfahren mit Zementmörtel eine beliebte Maßnahme bei Mauerwerkssanierungen gewesen, so der Denkmalpfleger. Dabei wird der Mörtel in die Fugen gespritzt und härtet dort aus. Das Problem: Zwischen Gips und Zement kommt es im Laufe der Jahre in Kombination mit Wasser zu einer chemischen Reaktion: der Mörtel korrodiert. Im schlimmsten Fall wird das Mauerwerk dadurch instabil.

Schleswig-Holsteins Kirchen chronisch krank

Das Injektionsverfahren mit Zementmörtel war in den vergangenen Jahrzehnten in Schleswig-Holstein beliebt. Viele Kirchen, die mit diesem Verfahren saniert wurden, seien inzwischen unheilbar krank, sagt Dr. Heiko Seidel. Die Reaktion zwischen Gips und Zement „ist nicht reversibel.“ Das sei für die Kirchengemeinden besonders dramatisch, sagt Seidel. Die Gemeinde trägt in vielen Fällen den Löwenanteil der Sanierungskosten.

Auch viele der aktuell sanierten Kirchen wurden mit dem Injektionsverfahren zu Langzeitpatienten der Baufirmen.

Bewusst falscher Mörtel verwendet

Doch die unsachgemäßen Sanierungsmaßnahmen vergangener Jahrzehnte sind offenbar nur eine Seite der Wahrheit. Nach Informationen eines Ingenieurs, der namentlich nicht genannt werden möchte, wurde in einigen Fällen mutwillig ein anderer Mörtel verwendet, als der, der für die Maßnahme ausgeschrieben war. Genau so, wie es auch beim Skandal um das Kieler ZOB-Parkhaus der Fall war.

Weiterlesen: Falscher Mörtel am Kieler ZOB-Parkhaus

Die zuständigen Architekten hätten dabei nicht unbedingt aus bösem Willen gehandelt, so der Ingenieur. Im Gegenteil hätten sie sich von dem anderen Mörtel eine bessere Haltbarkeit versprochen. In anderen Fällen sei aber auch schlicht nicht damit gerechnet worden, dass durch diese Maßnahme so schnell neue und irreversible Bauschäden entstehen würden.

„Arroganz der Gegenwart“

Ob das gängige Praxis oder die Ausnahme ist, bleibt unklar. Klar ist aber: „Die Handwerker von heute verfügen nicht über die Erfahrung und das Wissen der Handwerker aus dem Mittelalter“, sagt Domprobst Reuß. Das ist laut Mörtel-Experte Dr. Heiko Seidel auch eine Frage der Haltung: „Die Denke, man könne das mal eben so machen. Das hat man an vielen Stellen im Bereich der Denkmalpflege“, so Seidel. Es sei eine „Arroganz der Gegenwart“ und des Ingenieurswesen, zu glauben, man habe die vermeintlich besseren Techniken.

Zwar mache die Denkmalpflege Vorgaben, wie die Sanierung zu vollziehen sei, sagt Reuß. Doch durch die Ausschreibung würde eben immer das günstigste Angebot den Zuschlag bekommen. Deshalb möchte man sich bei der Dom-Sanierung für eine beschränkte Ausschreibung einsetzen, bei der nur bevorzugte Firmen berücksichtigt werden.

Die Sache der Kosten

Der Ratzeburger Dom soll kein Langzeitpatient werden. Im Klartext heißt das: kein Material von der Stange. Ein einziger Ziegel könne da schon mal schnell 20 Euro kosten, sagt Reuß.

So oder so muss der Schaden am Domturm erst noch kartiert werden. Fest steht jedoch bereits jetzt schon: Auch diese Sanierung wird Millionen kosten, zu etwa 30 Prozent wird sie von Kirchengeldern finanziert werden müssen. Bereits jetzt kostet das Gerüst etwa 10.000 Euro im Monat.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen