zur Navigation springen
Schleswig-Holstein

25. September 2017 | 02:51 Uhr

Salzwiesen – die große Klima-Hoffnung

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Im Nationalpark Wattenmeer vergraben Ökologen Teebeutel, um zu erforschen, wie viel Kohlenstoff die Marschen speichern können

Gummistiefel, ein kleiner Spaten und handelsübliche Teebeutel: Mit einer erstaunlich einfachen Methode wollen zwei Wissenschaftler der Universität Hamburg die Klimaforschung vorantreiben. Die zwei Ökologen Stefanie Nolte und Peter Müller haben im Sönke-Nissen-Koog in Nordfriesland und dem Dieksanderkoog in Dithmarschen 280 Teebeutel vergraben. Nach drei Monaten buddelten sie den Grünen und Rooibos-Tee wieder aus, trockneten und wogen die Beutelchen, um zu sehen, wie viel des Pflanzenmaterials zersetzt wurde. Je weniger, desto besser für die Umwelt: Dann bleibt mehr des klimaschädlichen Gases Kohlendioxid in den Pflanzenresten gebunden.

Dass ausgerechnet die Salzwiesen unter die Lupe genommen werden, kommt nicht von ungefähr. Die Marsch ist ein wichtiger Kohlenstoffspeicher – effektiver als der tropische Regenwald. Und das 12  000 Hektar große Marschenland im Nationalpark Wattenmeer bringt laut Stefanie Nolte gute Voraussetzungen mit, weltweit sogar zu den Böden mit der besten CO2-Speicherfähigkeit zu zählen. Stefanie Nolte: „Schon flächenmäßig ist Schleswig-Holsteins Westküste geeignet, viel CO2 zu speichern.“ Die Pflanzen betreiben Photosynthese, bei der sie das klimaschädliche Gas aufnehmen und binden. Wenn sie verrotten, wird Kohlenstoffdioxid wieder freigesetzt. „Dieser Kreislauf läuft unterschiedlich schnell ab. In nassen, kalten Böden wie in Dithmarschen werden Pflanzen langsamer zersetzt, das umweltschädliche Gas bleibt also länger gebunden.“ Ob das Land vor Dithmarschens und Nordfrieslands Deichen wirklich zu den Spitzenreitern der CO2-Senker gezählt werden kann, steht noch nicht fest. Die Daten werden noch ausgewertet.

Ergebnisse werden aus der ganzen Welt an der Uni Hamburg erwartet. Denn um den weltweiten CO2-Kreislauf besser zu verstehen, müssen mehr Informationen über die Zersetzungsraten in unterschiedlichen Marschböden gesammelt werden. Stefanie Nolte und ihr Kollege vergruben deshalb nicht nur in Dithmarschen und Nordfriesland Tee, sondern verschickten rund 2000 Teebeutel in alle Welt, unter anderem nach Argentinien, China, Kanada, Spanien, Italien und Frankreich. Wegen der unterschiedlichen Vegetation in diesen Marschen könne man aber bei Abbau-Unterschieden nicht zweifelsfrei Rückschlüsse auf den Boden ziehen. Aus diesem Grund greifen die Forscher auf Teebeutel als einheitliche Messtechnik zurück: „Unterschiedliche Pflanzen haben eine unterschiedliche Qualität, Apfelschalen verrotten beispielsweise schnell, Eichenblätter langsam“, macht Stefanie Nolte an einem Beispiel deutlich. „Deshalb benutzten wir Teebeutel, immer Grünen und Rooibos-Tee vom selben Hersteller.“ Mit den erhobenen Daten wird der so genannte Tea Bag Index bestimmt, der von Forschern der Universität Utrecht entwickelt wurde.

Aber auch ein und derselbe Boden hat unterschiedliche Zersetzungsraten, so Stefanie Nolte. „Es macht beispielsweise einen Unterschied, ob das Land beweidet wird oder nicht. Die Nationalparkverwaltung möchte wissen, wie man die Marschen am besten managt. Wir liefern die wissenschaftliche Information.“

Wie sich die Ergebnisse auf das Management der Wiesen auswirken werden, könne man noch nicht sagen, so Martin Stock, Fachmann für Salzwiesen beim Nationalpark Wattenmeer Schleswig-Holstein. Zuerst müssen die Ergebnisse vorliegen. „Wenn die Salzwiesen des Nationalparks möglichst viel Kohlenstoff in den Böden speichern können, dann wären sie von großer globaler Bedeutung. Wenn der Nationalpark mit seinen Naturgegebenheiten dazu beiträgt, dass CO2 gebunden wird, dann bekommt er eine bedeutende Funktionalität in Sachen Klimaschutz.“

Das Teebeutel-Experiment ist Teil des Projektes Interface (Interaktion von Fischen, Pflanzen, Kohlenstoff und Sediment), an dem die Uni Hamburg mit allen drei deutschen Wattenmeer-Nationalparken arbeitet. Über das Projekt möchte der Nationalpark herausfinden, ob von dem gebundenen Kohlenstoff auch die Fische in den Salzwasserprielen profitieren. Untersucht wird außerdem, inwieweit sich Überflutungshäufigkeit, Entwässerung und Beweidung auf die Nahrungsmenge und -qualität sowie die Gebietsnutzung durch die Fische auswirken.

Ergebnisse darüber, wie sehr die Marschen im Nationalpark Wattenmeer den Klimawandel eindämmen, gebe es wohl erst im Herbst. Stefanie Nolte: „Bis dahin gilt: Abwarten und Teetrinken!“

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen