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Gewalt gegen Ehefrau : Säure-Angriff-Opfer: „Ich habe Träume, in denen er mir etwas antut“

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Vor Gericht schildert eine Hamburgerin, wie ihr Noch-Mann sie mit Säure überschüttet hat. Die Tat hat ihre Stimmbänder bis heute geschädigt.

shz.de von
erstellt am 10.Mai.2017 | 17:30 Uhr

Hamburg | Der Kehlkopf der Frau ist durch ein Ödem so stark geschwollen, dass sie ins künstliche Koma gelegt werden muss, um ein Ersticken zu verhindern. Stofffetzen ihres BHs haben sich in ihre Haut gefressen, ihre Stimmbänder weisen Verätzungen auf. Fast zwei Wochen liegt sie auf der Intensivstation - das Martyrium, das die zierliche Frau mit den schulterlangen braunen Haaren am Mittwoch vor dem Hamburger Landgericht schildert, lässt die Zuhörer schaudern. „Man kann noch nicht sagen, ob ich für immer heiser bleiben werde“, sagt die 46-Jährige am Mittwoch vor dem Hamburger Landgericht mit Tränen in den Augen. Sie ist im Prozess gegen ihren Noch-Ehemann als Zeugin geladen.

Laut Anklageschrift sucht der 56-Jährige  Armin B. sie am 7. November 2016 an ihrem Arbeitsplatz in einem Hamburger Jobcenter auf. Er legt ihr ein Anwaltsschreiben vor. Während sie es liest, schüttet er ihr mit den Worten „damit du weißt, was Trennungsschmerzen sind“ unvermittelt Salzsäure über Gesicht und Oberkörper. Es habe sich zunächst angefühlt wie kaltes Wasser, berichtet die Arbeitsvermittlerin. Dann habe es angefangen zu brennen und zu schmerzen.

„Ich habe meine Augen instinktiv zugelassen und bin zu meiner Kollegin ins Nebenbüro gekrabbelt“, berichtet sie. Ihre Kollegin habe sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmt. „Sie sagte: ,Verflucht nochmal, was ist das denn für Zeug, das dampft ja richtig'“, erinnert sich das Opfer. Mehrere Mitarbeiter leisten erste Hilfe. Immer wieder schütten sie Wasser über die Verletzte, bis der Rettungsdienst eintrifft und verhindern damit Schlimmeres. Äußerlich hat die Attacke keine Spuren hinterlassen, langes Sprechen fällt der Frau aber noch immer schwer. Ob sie weiterhin ihren Beruf in der Beratung ausüben kann, ist unklar.

Opfer und Täter lernen sich 2001 in Hamburg-Altona kennen. Die Beziehung der beiden sei von Anfang an schwierig gewesen, berichtet die Frau. Dennoch bleibt sie bei ihm, das Paar bekommt zwei gemeinsame Söhne. Im Februar 2016 trennt sie sich schließlich von dem Mann. In den darauffolgenden Monaten wird sie immer wieder von dem Angeklagten beleidigt und bedroht. Der fängt an zu trinken, hört seine Noch-Ehefrau heimlich ab, hackt sich in ihren E-Mail Account bei der Arbeit und schickt in ihrem Namen Nachrichten an Freunde und Vorgesetzte. Handgreiflich wird er jedoch nie. Daher habe sie auch am Tattag nicht mit einem Angriff gerechnet, sagt die Frau.

Die beiden Söhne sind heute elf und dreizehn Jahre alt. Gemeinsam mit einem Kinder- und Jugendpsychiater schreiben sie kurz nach der Tat einen Brief an ihren Vater. „Du hast die Todesstrafe verdient“, schreibt der Älteste darin. Die Mutter berichtet, ihr Sohn habe seitdem große Angst um sie. „Er sagt immer: ,Mama, ich beschütze dich'.“ Während der Aussage seiner Noch-Ehefrau sitzt der Angeklagte regungslos da.

Nachdem sie den Gerichtssaal wieder verlassen hat, wird er noch einmal zu seiner Aussage vom vergangenen Prozesstag befragt. Wie bereits zuvor gibt er an, die Salzsäure nicht mit der Intention ins Jobcenter gebracht zu haben, um seine Frau zu verletzen. Bei dem Angriff habe es sich um eine Kurzschlussreaktion gehandelt. Die Staatsanwaltschaft ist da anderer Meinung. Laut Anklageschrift wollte er seine Frau absichtlich verunstalten und nahm eine Erblindung des Opfers in Kauf. Er muss sich daher wegen gefährlicher sowie versuchter schwerer Körperverletzung verantworten.

Mitte März hat die Frau mit ihrer Wiedereingliederung in den Beruf begonnen. Nebenbei macht sie eine Psychotherapie und nimmt Antidepressiva. „Sonst würde ich es nicht schaffen“, sagt sie. „Ich habe Träume, in denen er mir etwas antut.“

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