Zwei Jahre Sexualstrafrechtsreform : Rund sechs pro Tag: So alltäglich sind Sexualdelikte in SH

Im November 2016 wurde das Sexualstrafrecht um den Grundsatz „Nein heißt Nein“ erweitert.

Im November 2016 wurde das Sexualstrafrecht unter anderem um den Grundsatz „Nein heißt Nein“ erweitert.

Vergewaltigungen, sexuelle Belästigung, Nötigungen und Übergriffe: Wer sind die Opfer, wer die Täter? Ein Blick in die Statistik.

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09. November 2018, 16:45 Uhr

Kiel | Vor zwei Jahren wurde das Sexualstrafrecht grundlegend reformiert. Bis zum 10. November 2016 war es vollkommen legal, einer fremden Person auf der Straße aus heiterem Himmel in den Schritt oder an die Brüste zu greifen. Sex mit jemandem zu haben, der oder die Einvernehmen und Ablehnung nicht eindeutig äußern kann? Aus juristischer Sicht bis vor zwei Jahren keine Straftat.

„Nein heißt Nein“ ist eine Errungenschaft für die sexuelle Selbstbestimmung, für die Frauen seit Jahrzehnten kämpfen. Die Vorfälle der Silvesternacht, bei der überwiegend ausländische junge Männer Frauen in hohem Maße sexuell belästigt haben, hat letztendlich dafür gesorgt, dass die Forderungen für eine Verschärfung des Sexualstrafrechts Gehör in der Bevölkerung fand.

Auch wenn diese Reform noch nicht den Endzustand einer geschlechtergerechten Welt schafft, in der man sich einig ist, dass nur „Ja“ auch „Ja“ bedeutet, so ist sie vor allem für Frauen ein bedeutender und längst überfälliger Schritt in die richtige Richtung. Denn Sexualdelikte, besonders gegen Frauen, gehören in unserer Gesellschaft zum Alltag. Auch in Schleswig-Holstein.

shz.de hat die aktuellste Kriminalstatistik des Landeskriminalamtes (LKA) mit Blick auf Sexualdelikte in Schleswig-Holstein näher unter die Lupe genommen. Wer sind die Opfer, wer die Täterinnen und Täter?

Pro Tag werden in Schleswig-Holstein knapp sechs Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung angezeigt.

In Schleswig-Holstein wurden im Jahr 2017 2154 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung (also Sexualdelikte) erfasst. Im Schnitt sind das rund sechs angezeigte Fälle pro Tag. Aufgeklärt wurden insgesamt 1750 von ihnen.

Unter die Kategorie Sexualdelikte, fallen Straftaten wie zum Beispiel sexuelle Belästigung, Vergewaltigung, sexuelle Nötigung/Übergriffe, der sexuelle Missbrauch von Kindern, Exhibitionismus (zum Beispiel das Entblößen der Genitalien in der Öffentlichkeit) und das Ausnutzen sexueller Neigungen (zum Beispiel Zuhälterei).

Anstieg der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung
 

Sexuelle Belästigung ist erst seit Ende 2016 eine Straftat.

Die Zahl der erfassten Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung erlebte 2017 mit 2154 einen deutlichen Anstieg. Dieser Zuwachs lässt sich überwiegend mit der Reform des Sexualstrafrechts vom 10. November 2016 erklären. Die Reform beinhaltet ein Gesetz, das sexuelle Belästigung erstmals unter Strafe stellt.

Das neue Gesetz für sexuelle Belästigung (§ 184i StGB)

Am 10. November 2016 wurde das Strafgesetzbuch um einen Paragrafen (§184i StGB) erweitert, der die sexuelle Belästigung unter Strafe stellt. Dieser neue Paragraf beinhaltet Handlungen, die die Schwelle der sexuellen Nötigung (§177 StGB) noch nicht überschreiten, aber trotzdem die sexuelle Selbstbestimmung des Opfers verletzen.

Voraussetzung hierfür ist der Körperkontakt. Täterinnen beziehungsweise Täter müssen ihre Opfer also in sexuell bestimmter Weise körperlich berühren und dadurch belästigen. Verbale Belästigungen fallen nicht unter diesen Paragrafen.

Vergewaltigungen und sexuelle Nötigung/Übergriffe
 

Im Jahr 2017 wurden 517 Fälle von Vergewaltigung oder sexueller Nötigung erfasst – im Schnitt 1,4 pro Tag. Das sind fast doppelt so viele wie im Vorjahr (265 Fälle 2016). Auch hier lässt sich der Anstieg der Straftaten unter anderem mit der Reform des Sexualstrafrechts erklären.

Übrigens: Die Vergewaltigung in der Ehe wurde erst 1997 unter Strafe gestellt.

Seit November 2016 wird sexueller Missbrauch nicht mehr nur bestraft, wenn Täterinnen oder Täter Gewalt angewendet oder angedroht haben. Sondern auch, wenn der sexuelle Akt von dem Opfer nicht gewollt war („Nein heißt Nein“). Auch wenn das Opfer, beispielsweise wegen Trunkenheit, nicht mehr in der Lage ist, seinen Willen oder Widerwillen zu äußern, ist die sexuelle Handlung strafbar (sexueller Missbrauch Widerstandsunfähiger).

Wer sind die Opfer?

In der Kriminalstatistik werden Opferangaben nur zu ausgewählten Delikten gemacht. Auf Anfrage von shz.de beim LKA für die Opferzahlen von Sexualdelikten 2017 insgesamt zeigt sich ein klares Opferbild: In 89 Prozent der angezeigten Vergehen 2017 waren die Opfer weiblich.

In ausgewählten Delikten der Statistik zeigt sich, dass rund 93,6 Prozent der Opfer von Vergewaltigung und sexueller Nötigung im Jahr 2017 weiblich sind – 6,3 Prozent männlich. Beim sexuellen Missbrauch von Kindern ist der Anteil männlicher Opfer etwas höher: 17,9 Prozent der Opfer sind Jungen, 82,1 Prozent Mädchen.

Wer sind die Täterinnen beziehungsweise Täter?

Für die 1750 aufgeklärten Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung wurden insgesamt 1526 Tatverdächtige ermittelt. 1489 (97,6 Prozent) von ihnen sind männlich – 2,4 Prozent sind weiblich.
 

In insgesamt 334 Fällen (21,9 Prozent) haben die Tatverdächtigen keine deutsche Staatsbürgerschaft. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt 7,72 Prozent (Stand 31.12.2017). Warum ist der Anteil nichtdeutscher Mitbürger an den Tatverdächtigen proportional zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung höher als unter jenen mit deutscher Staatszugehörigkeit?

Auf Nachfrage beim Landeskriminalamt nennt Pressesprecher Uwe Keller verschiedene Gründe, die das Ungleichgewicht erklären können. Er verweist dabei auf eine KfN-Studie (Analyse der Entwicklung der Kriminalität von Zugewanderten in Schleswig-Holstein). Demnach sei anzunehmen, dass die Wahrscheinlichkeit angezeigt zu werden unter Nichtdeutschen höher ist, als unter Deutschen. „Gerade bei den Sexualdelikten mit einem hohen Dunkelfeld kann diese Annahme die Ergebnisse deutlich beeinflussen“, so Keller.

Es sei außerdem davon auszugehen, so Keller, dass Nichtdeutsche einen tendenziell geringeren sozioökonomischen Status und geringere Teilhabechancen haben.

Ein weiterer Grund ließe sich durch die unterschiedlichen Alters- und Geschlechtsstrukturen beider Bevölkerungsgruppen erklären. Der Anteil an jungen Männern ist unter den nichtdeutschen Mitbürgerinnen und Mitbürgern erheblich größer als unter deutschen. In allen bislang untersuchten Kulturen werden Männer – und vorallem junge Männer – häufiger kriminell als andere Bevölkerungsgruppen. Das zeigt auch die Kriminalstatistik.

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