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„Bandidos“ Neumünster : Rocker-Affäre: Neue Vorwürfe gegen Polizei sorgen für Ärger

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Trotz angeblicher Beweise soll ein „Bandido“-Boss nicht angeklagt worden sein. Die Ermittler weisen die Darstellung zurück.

Ist der Präsident der „Bandidos“ Neumünster nach einer Messerstecherei nicht angeklagt worden, obwohl Mobilfunkdaten ihn belasteten? Über einen entsprechenden Bericht der „Kieler Nachrichten“ herrscht in Ermittlerkreisen Verärgerung. Der Zeitung zufolge soll der Präsident nach dem Überfall im Schnellrestaurant Subway geschützt worden sein, weil er als Informant für die Polizei arbeitete. Unabhängig voneinander haben mehrere Ermittler diese Darstellung jetzt zurückgewiesen.

„Die ausgewerteten Mobilfunkdaten ergaben eben gerade keine belastbaren Beweise“, betont einer der Beamten. Grund ist die Größe einer Funkzelle, die selbst im innerstädtischen Bereich bis zu zwei Kilometern betragen kann und damit keine Aussage zur exakten Position erlaubt. Allein die Anwesenheit in einer Funkzelle reiche also nicht als Beweis. Das bestätigte später auch ein Experte im Prozess.

Der Präsident galt zwar zunächst als Beschuldigter, wie alle 14 „Bandidos“, die kurz nach der Tat im Clubhaus vorläufig festgenommen wurden, doch Anklage erhob die Staatsanwaltschaft nur gegen vier von ihnen. Bei diesen Rockern gab es Beweise, die über die Information „Handy in Tatortnähe“ hinausgingen.

Beim ehemaligen NPD-Landesvorsitzenden und „Bandidos“-Vize Peter Borchert (als einziger unmaskiert) waren es unter anderem die Aussage einer Zeugin und Blutspritzer eines Opfers auf seiner Cargohose. Bei Thomas K. war es die Aussage einer Subway-Angestellten und einer weiteren Zeugin, die sein Muttermal beschrieb. Bei Ralf D. hatte eine Zeugin dessen Auto gesehen und Nils H. wurde sogar von einer Polizistin beobachtet. Letztlich wurde aber nur Peter Borchert zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt – unter anderem, weil bei den drei anderen „Bandidos“ die Zeugen im Prozess ihre Aussagen zurückzogen oder sie dem Gericht als Beweis nicht ausreichten.

Wegen des Ablaufs des Überfalls konnten die Ermittler des Landeskriminalamts dem „Bandidos“-Präsidenten auch nicht nachweisen, dass er den Auftrag für den Angriff gegeben hat. Damals, am 13. Januar 2010, waren drei Rocker der verfeindeten „Red Devils“ ins Subway gekommen und hatten Sandwiches bestellt. Die Angestellte Bianca B. griff zum Handy und informierte um 19.19 Uhr (20 Minuten vor der Tat) per SMS „Bandido“ Thomas K., mit dem sie eine Beziehung hatte. Der rief seinen Präsidenten und weitere „Bandidos“ an. Das ergab die Auswertung der sogenannten retrograden Verkehrsdaten (angerufene Telefonnummern, Beginn und Ende der Verbindung). Doch abgehört wurden die Telefonate der Rocker nicht, weshalb unklar war, was gesprochen wurde. „Eine Anstiftung oder eine Beihilfe dazu konnte dem ,Bandidos‘-Chef deshalb nicht nachgewiesen werden“, so ein Ermittler.

Laut Anklage stürmten dann mindestens acht „Bandidos“, jeweils bewaffnet mit einem Messer und auch Schlagstöcken, ins Subway. Der Rocker-Präsident soll aber erst am Tatort eingetroffen sein, als die drei Opfer bereits am Boden lagen. Zeugen haben ihn nicht als einen der Täter identifiziert, auch nicht die Subway-Angestellte Bianca B., die ihn kannte und in einer ersten Vernehmung freimütig den SMS-Kontakt mit Thomas K. zugab.

Dass der „Bandidos“-Präsident bewusst nicht angeklagt wurde, um geschützt zu bleiben, weisen die Ermittler zurück. Er sei durch die ermittelten Fakten „schlicht nicht an den Tatort gekriegt worden“, wie es in der Sprache der Polizei heißt. Fakt ist allerdings: Wäre ihm eine strafbare Tatbeteiligung nachgewiesen worden, hätte er die Zusicherung der Vertraulichkeit verloren, die für Informanten gilt. Dann wäre der Präsident in Lebensgefahr gewesen – und die Polizei in einer Zwickmühle.

Im Innen- und Rechtsausschuss des Landtags, der sich mit dem Fall befasst, will der SPD-Politiker Kai Dolgner „Klarheit durch Akteneinsicht“. Er hat angekündigt, in der kommenden Woche ein Aktenvorlagebegehren einzubringen. „Wird der Antrag angenommen, muss das zuständige Ministerium die angeforderten Akten vorlegen“, sagt Tobias Rischer, Pressesprecher des Landtages. Allerdings könne die Landesregierung die Vorlage einzelner Aktenbestandteile ablehnen, wenn sie Geheimhaltungsgründe sieht.

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erstellt am 15.Jun.2017 | 07:46 Uhr

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