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Schleswig-Holstein

25. November 2017 | 12:40 Uhr

Roboter pflegen Rentner

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Norddeutsche Biotechnologie-Branche will gemeinsam mit Japanern Gesundheitsprobleme lösen – auch mit umstrittenen Methoden

shz.de von
erstellt am 17.Mai.2016 | 18:27 Uhr

Eine Kinderstimme bittet im Fahrstuhl um Geduld. Es sei sehr voll, doch allzu lange müsse sich niemand beengt fühlen, tröstet die Stimme die Passagiere auf Japanisch. Es ist kein ganz gewöhnlicher Fahrstuhl, der da im japanischen Kobe verkehrt. Und es ist auch kein ganz gewöhnliches Gebäude in der 7-1-26 Minatojima-minami-machi. Hier ist das Zuhause des Superrechners „K“. 2011 galt er als der schnellste der Welt. Derzeit zählt das Rechner-Netzwerk noch immer zu den Top-5 und ist in der Lage, mit seiner ungeheuren Leistung unter anderem das Nervensystem des menschlichen Gehirns zu simulieren.

Unternehmen aus Hamburg und Schleswig-Holstein könnten in Zukunft verstärkt von dieser Rechenkraft profitieren – und längst nicht nur davon. Das Life Science Nord Cluster (LSN) – ein Verbund norddeutscher Unternehmen aus dem Bereich der Bio- und Medizintechnologie, der für rund 40  000 Beschäftigte in den beiden Bundesländern und zehn Prozent der norddeutschen Exporte steht – sowie sein Gegenstück, das Kobe Biomedical Innovation Cluster (KBI), haben im Beisein von Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig und Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (beide SPD) in Japan eine entsprechende Kooperationsvereinbarung unterzeichnet. Für manchen Betrieb aus dem Land dürfte damit das Tor zu einer neuen Welt aufgestoßen werden.

„Japan ist das Mekka der Stammzellenforschung“, sagt Hinrich Habeck, Geschäftsführer des LSN. Für ihn ist besonders dieser Punkt ein sehr wichtiger. Anders als in Deutschland wird in Japan nicht nur mit Stammzellen von Pflanzen oder Tieren, sondern ebenso mit jenen von Menschen geforscht, es werden Therapien entwickelt und man versucht, Antworten auf Fragen aller Art zu finden. In Deutschland ist dergleichen zurzeit kaum möglich. Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) stellt mit Blick auf die Situation dann auch klar, dass etwas passieren müsse. Aus der Branche selbst wird von einem regelrechten Brain-Drain berichtet – die oftmals geschätzten Experten und Fachkräfte gehen Deutschland und Schleswig-Holstein in diesem Feld den Schilderungen zufolge derzeit verloren.

Für Hinrich Habeck hat die Diskussion um die Stammzellenforschung eine familiäre Dimension. Gehören doch die Grünen zu jenen Parteien, die bislang am vehementesten Widerstand gegen eine Lockerung der Verbote hierzulande leisten. Und bei ihnen bemüht sich derzeit um das Amt des Spitzenkandidaten für die nächste Bundestagswahl ausgerechnet Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck – Hinrichs Bruder.

„Die Herausforderungen für unsere Gesellschaften in Deutschland und Japan sind ähnlich“, sagt Hinrich Habeck mit Blick auf das neue Bündnis und seine Bedeutung. Bei der Überalterung der Gesellschaft seien Japan und die Bundesrepublik weltweit die Nummer eins und zwei. „Es gibt viele medizinische Herausforderungen, die sich daraus ergeben.“

Tatsächlich wird die Bevölkerungszahl des Inselstaates in den kommenden Jahrzehnten rasant sinken. Die Regierung von Premierminister Shinzo Abe in Tokio kämpft verbissen gegen diese Entwicklung an. Doch die Erfolge sind überschaubar. Bis 2060 wird das derzeit noch fast 130 Millionen Menschen zählende Volk laut Prognosen auf deutlich unter 100 Millionen schrumpfen. Deutschland wird Wissenschaftlern zufolge in 40 Jahren gut 13 Millionen Einwohner weniger zählen als heute. In Schleswig-Holstein wird die Zahl der Menschen bis dahin von 2,8 auf 2,3 Millionen zurückgehen. Der Zuzug der Flüchtlinge ändert an all diesen Entwicklungen nach Einschätzung des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden bislang nur wenig.

Im Alltag reagiert Japan vor allem mit High-Tech auf die Folgen der Entwicklung. Zuwanderung als Alternative kommt für viele immer noch nicht in Frage. Nur gut zwei Prozent der Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund. Statt Menschen aus fremden Ländern ziehen Roboter in den Alltag ein. In der Pflege und im Einzelhandel sehen japanische Experten Potenzial für Roboter wie den Humanoiden „Otonaroid“ oder den mit einem Tablet vor dem Bauch herumfahrenden „Pepper“. In Schleswig-Holsteins Partnerprovinz Hyogo wurde vor gut sechs Jahren der erste Roboter entwickelt, der in Friseursalons das Haarewaschen übernehmen kann.

Es bleibt abzuwarten, ob manches hiervon für das nördlichste Bundesland in Zukunft als Vorbild dient. In einem Bereich könnte Schleswig-Holstein jedoch umgekehrt zur Blaupause für seine Partnerpräfektur werden. Trotz Fukushima setzt das „Land der aufgehenden Sonne“ nämlich bislang auf Atomkraft. Dauerhaft bleiben muss das keineswegs – so lassen sich die Worte von Hyogos Gouverneur Toshizo Ido in Kobe deuten. Während Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig ihm den Verdienstorden des Landes überreicht – es war der siebte in Albigs Amtszeit – erkundigt sich der 70-Jährige nach der Energiewende in der Norddeutschland. „Die Diskussion, die nach Fukushima eingesetzt hat, ist erkennbar noch nicht zu Ende“, sagt Albig später. „Ich habe angeboten, dass wir überall dort, wo es gewünscht ist, auch Hilfestellung geben können.“

Bis dahin bleibt es bei den sogenannten Lebenswissenschaften: Im Herbst sollen die japanischen Vertreter Schleswig-Holstein besuchen, berichtet Habeck am Flughafen in Osaka. Der Dreamliner von Boeing wird im Hintergrund bereit gemacht für den Rückflug. Im Februar wollen Vertreter des LSN wieder nach Fernost fliegen.

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