Neuer Grünen-Vorsitzender : Robert Habeck im Interview: „Mein Lebensmittelpunkt bleibt Flensburg“

Das neue grüne Führungsduo: Die Brandenburgerin Annalena Baerbock und der Kieler Umweltminister Robert Habeck.
Das neue grüne Führungsduo: Die Brandenburgerin Annalena Baerbock und der Kieler Umweltminister Robert Habeck.

Der neue Grünen-Chef Habeck spricht über seine Kollegin Baerbock, seine Pläne für Berlin und seine Nachfolge in Kiel.

shz.de von
29. Januar 2018, 11:18 Uhr

Robert Habeck jubelte, als habe er für seine geliebte SG Flensburg-Handewitt gerade ein großes Spiel gewonnen, die nach vorn gestreckten Arme abwechselnd rauf und runter, wie Handballer oder Fußballer es tun, wenn sie sich ihren Fans nach einem Sieg präsentieren. Nur dass Habeck kein Sportler ist, sondern Politiker. Und dass Habeck gerade kein Spiel gewonnen hat, sondern eine Wahl: Die Grünen haben den Kieler Umweltminister am Sonnabend auf ihrem Parteitag in Hannover mit 81 Prozent der Stimmen zum neuen Bundeschef gemacht. Der schleswig-holsteinische Umweltminister, den es nach Berlin zieht, gab shz.de ein Interview.

 

Herr Habeck, das Motto des Grünen-Parteitags lautete „Und das ist erst der Anfang“. Was kommt denn jetzt als nächstes?
Als erstes werden Annalena Baerbock und ich uns zurückziehen. Unsere Zusammenarbeit wird auf Loyalität und Vertrauen aufbauen.

In Ihrer Bewerbungsrede haben Sie ein Garantiesystem gefordert, das jeden Menschen sozial absichern soll. Was schlagen Sie vor?
Dass die Absicherung bei Arbeitslosigkeit, Rente oder Erziehungszeit vom vorherigen Lohn abhängt, stärkt das Gefühl von Ungerechtigkeit. Daher wären eine Garantierente und eine Kinder-Grundsicherung richtige Schritte.

Ein Grundeinkommen, wie man es in Schleswig-Holstein diskutiert, wollen Sie nicht?
Ich persönlich fände eine Debatte über ein bedingungsloses Grundeinkommen gut, weil es den Menschen mehr Würde gäbe und den Druck, jede Arbeit zu jedem Preis machen zu müssen, mindert. Aber das kann man nicht einfach morgen einführen. Wir starten jetzt allerdings die Arbeit an einem neuen Grundsatzprogramm – und da müssen wir die Frage neu stellen, wie wir soziale Sicherheit und Anerkennung gewährleisten, wenn es nicht mehr von der eigenen Leistung abhängt, ob man einen Job hat oder nicht.

Kommen wir zu Ihrem Wahlergebnis. Sind Sie mit den 81 Prozent Zustimmung zufrieden?
Ja. Das ist ein gutes, für die Grünen ein sehr gutes Ergebnis. Aber die Partei hat sich auch nicht besoffen gewählt. Immerhin fast 20 Prozent haben erst mal Zweifel angemeldet, ob ich der Richtige bin. Ich habe vielen Leuten viel zugemutet. Daher wäre ein noch besseres Ergebnis verlogen gewesen.

Die Grünen haben Ihnen auch mit großer Mehrheit die Übergangsfrist gewährt, in der Sie noch acht Monate lang Minister in Kiel bleiben können. Sie sind jetzt der neue starke Mann der Partei – oder?
Ich bin Teil einer Doppelspitze mit Annalena Baerbock, die einen unglaublich starken Auftritt auf dem Parteitag hatte. Sie ist eine echte Powerfrau und ich freue mich sehr auf die gemeinsame Arbeit mit ihr.

Erstmals führen jetzt zwei Realos die Partei an. Hat die Partei ihre Flügelkämpfe überwunden?

Es ist eher ein Zeichen dafür, dass die Leute nach dem wählen, was sie in einem Menschen sehen. In diesem Sinne sind die Flügel tatsächlich weniger wichtig gewesen. Das Fantastische an Politik ist, dass sie live ist, allen Skripten und Strategie-Runden zum Trotz. Einigungen oder Streit entstehen in den konkreten Momenten, manchmal innerhalb von Sekunden. Und ob man Bundesvorsitzende wird oder nicht, entschied sich im Fall von Annalena während einer Rede auf der Parteitagsbühne in zehn Minuten. Das hat nichts mit Flügeln zu tun.

Wenn es nicht zu einer großen Koalition kommt, sondern zu Neuwahlen – wollen Sie dann Spitzenkandidat der Grünen werden? Oder lassen Sie Cem Özdemir noch mal den Vortritt?
Ich habe jetzt gerade erst einen neuen Job angetreten und nur eine ungefähre Vorstellung, was alles auf mich zukommt. Da mache ich mir noch keine Gedanken über einen zweiten.

Sie können jetzt noch acht Monate lang Umweltminister in Kiel bleiben. Werden Sie die voll ausschöpfen oder wollen Sie das Amt so schnell wie möglich abgeben?
Beides nicht. Ich möchte bestimmte Dinge noch gern verantwortlich abschließen. Das Wichtigste ist die neue Phase der Windkraftplanung, die bis zu den Sommerferien stehen soll. Und dann hängt es wesentlich von dem Nachfolger oder der Nachfolgerin ab, wann der oder die so weit ist.

Wer soll es denn werden? Jetzt können Sie es ja sagen.
Es steht noch niemand fest. Viele Leute sind geeignet. Aber viele haben auch gesagt, dass sie andere Pläne haben. Wir haben zum Glück keinen Druck und müssen nicht spekulieren. So etwas muss reifen. Es geht ja nicht nur um eine organisatorische Übergabe – die kann man in einem Monat machen. Sondern die Person muss zur besonderen Konstellation und zum besonderen Auftrag der Jamaika-Koalition passen, der heißt: Wir wollen die Gesellschaft mit unserer Politik mitnehmen.


Über Ihren Freund Konstantin von Notz wird ja schon spekuliert. Wäre er ein guter Nachfolger?
Wie gesagt, es gibt keinen Grund für Spekulationen.


Wenn Sie kein Minister in Schleswig-Holstein mehr sind – ziehen Sie dann nach Berlin um?

Ich habe natürlich keine Lust, auf dem Bürgersteig zu schlafen. Irgendeine Bude werde ich mir suchen. Aber mein Lebensmittelpunkt und der meiner Familie bleibt Flensburg.

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