Neumünster : Richter mit spitzer Feder

Andreas Martins, neutraler Strafrichter am Amtsgericht Neumünster. Foto: Heggen
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Andreas Martins, neutraler Strafrichter am Amtsgericht Neumünster. Foto: Heggen

Zwei Seelen stecken in seiner Brust: Tagsüber ist Andreas Martins neutraler Strafrichter am Amtsgericht Neumünster. Abends nimmt er in seinen Karikaturen die Kieler Politik aufs Korn.

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22. November 2011, 07:44 Uhr

Neumünster | Blond, braunäugig, schön - Heidi Klum ist der Traum vieler Männer. Andreas Martins (52) ist da die große Ausnahme. Makellose Schönheit findet er langweilig. Der Grund: "Glatte Gesichter bieten keine Angriffsflächen." Und die braucht der Direktor des Amtsgerichts Neumünster, um seiner große Leidenschaft nachzugehen: Karikaturen zeichnen.
Extrem große oder kleine Nasen, eine hohe Stirn, Kulleraugen - das sind Charakteristika, die der gebürtige Kieler an Menschen schätzt. Kollegen, Professoren, Politiker, Familienangehörige, sie alle sind vor der spitzen Feder des Strafrichters nicht sicher. Die humorigen Bilder, inzwischen mehrere Hundert an der Zahl, entstehen meist in nur wenigen Minuten.
"Die Gelegenheit für die Umsetzung habe ich nicht immer"
Als Schüler und Student zeichnete Martins während des Unterrichts und in den Vorlesungen. Für ihn war das ein unstillbarer Trieb. So setzte er Lehrern, Mitschülern und Kieler Jura-Professoren auf seine Weise ein Denkmal. "Aus mancher Vorlesung nahm ich eher eine Karikatur mit als zusätzliches Wissen."
Später als Staatsanwalt in Kiel zeichnete er im Gerichtssaal Richter und Anwälte. Sein jetziges Amt als Strafrichter und Direktor des Amtsgerichts Neumünster lässt ihm dazu keinen Raum mehr. Trotzdem gab er das Zeichnen nicht auf. "Eigentlich zeichne ich ständig, zumindest im Kopf. Wenn ich ein interessantes Gesicht sehe, juckt es mich in den Fingern. Aber die Gelegenheit für die Umsetzung habe ich nicht immer." Die muss bis nach der Arbeit warten. Als Ausgleich zu seinem Richteramt quasi, in dem Martins neutral und unparteiisch agieren muss. Abends jedoch, wenn er die Richterrobe ausgezogen hat, nimmt Martins in seinen Bleistiftzeichnungen beispielsweise die Kieler Politik aufs Korn.
"Learning by doing"
Klaus Schlie, Christian von Boetticher und Co. - sie alle schlummern in verschiedensten Posen zu den unterschiedlichsten Themen fein säuberlich eingescannt auf seiner heimischen Festplatte. Und zierten schon einige Ausstellungen an Gerichten im Land, die Martins mit seinen Großkopf-Karikaturen bestückte. Kein Wunder: Wirken Martins Karikaturen doch sehr professionell. Den weinenden von Boetticher, den siegessicher lächelnden Jost de Jager - man erkennt sie sofort. Charakterzüge schnell zu erfassen und auf Papier zu bannen, ist Martins in Fleisch und Blut übergegangen.
Dabei hat er sich das Zeichnen ausschließlich selbst beigebracht. "Learning by doing" eben. Ob er nie daran dachte, sein Hobby zum Beruf zu machen? Oh doch, der Richter dachte daran. Kurz vor dem Abitur ermunterte ihn seine Kunstlehrerin, sich an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg zu bewerben. Martins begann von einer Zeichnerkarriere bei Walt Disney zu träumen. Doch als die Hochschule ihn ablehnte, warf er derartige Pläne über Bord - und entschied sich für ein Jurastudium. Was er bis heute nicht bereut habe, schließlich liebe er seinen Beruf, sagt Martins. Genauso wie das Zeichnen.
Inzwischen fertigt er auch Auftragsarbeiten auf der Grundlage von Fotos an. Und freut sich, wenn die Menschen sich in seinen Karikaturen wiedererkennen. Was allerdings auffällt: Die Damenwelt reagiert empfindlicher auf seine Werke als Männer. Martins: "Frauen lassen sich meistens nicht gern karikieren, wollen die bereits große Nase nicht noch vergrößert haben. Sie haben in dieser Hinsicht weniger Humor als Männer."

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