Serie „Der Einsatz meines Lebens“ : Rettungsflieger aus Rendsburg berichtet: Dramatische Rettung einer Zweijährigen

Ein sehr kurzer Rettungsflug samt Punktlandung zu einem lebensgefährlich verletzten Mädchen: Diesen Einsatz wird Benedikt Estrup nicht vergessen.
Ein sehr kurzer Rettungsflug samt Punktlandung zu einem lebensgefährlich verletzten Mädchen: Diesen Einsatz wird Benedikt Estrup nicht vergessen.

In einer Serie schildern Retter aus Schleswig-Holstein den Einsatz, der ihr Leben geprägt hat. Heute: Benedikt Estrup (35) aus Rendsburg.

shz.de von
09. Januar 2018, 14:34 Uhr

Rendsburg | Der Einsatz meines Lebens ist noch gar nicht so lange her. Vor ein paar Monaten sollten wir zu einem Verkehrsunfall mit einem zweieinhalb Jahre alten Kind – direkt in Rendsburg, nur einen Kilometer Luftlinie von unserer Station entfernt. Ich habe mich kurz mit dem Notarzt besprochen, ob es Sinn macht, dass wir mit dem Hubschrauber fliegen. Denn in der Stadt ist es schwer für uns zu landen und mit dem Auto kann man meist genauso schnell am Patienten sein, deswegen sind solche Einsätze in Rendsburg für uns eher selten.

Wir haben entschieden, dass der Arzt erstmal mit dem Rettungswagen hinfährt, und wir hinterherkommen, wenn er uns brauchen sollte. Nur drei Minuten später hat er uns dann angerufen und gesagt: „Es ist wohl besser, wenn ihr kommt. Die Polizei hat schon alles abgesperrt.“

Bis die Motoren laufen, brauchen wir etwa eineinhalb Minuten, die reine Flugzeit betrug in diesem Fall vielleicht zwanzig Sekunden. Wir drehen dann über dem Landeplatz immer noch eine Runde, um zu kontrollieren, ob wirklich alles abgesperrt ist. Dann sind wir runter, was in diesem Fall gar nicht so leicht war, denn am Thormannplatz kreuzen mehrere Straßen und dort stehen viele Bäume und Straßenlaternen. Da ist es nicht leicht, eine große Maschine wie unsere zu landen. Ich kann nur nach vorne und nach rechts sehen, der Notfallsanitäter, der neben mir sitzt, weist mich dann mit ein. Wenn er die Tür öffnet, kann er auch nach links und nach hinten sehen.

Zunächst konnte ich nicht erkennen, was genau passiert war, habe nur Polizei und Rettungswagen gesehen. Ich bleibe nach der Landung meist beim Hubschrauber. Dann kommen oft Passanten und wollen wissen, was los ist. Ich habe aber auch erst erfahren, dass das Mädchen von einem Auto erfasst und mitgeschleift worden ist, als es die Kollegen wenige Minuten nach der Landung auf der Trage zur Maschine gebracht haben. Sie hat geweint, und ich habe nur gedacht: „Die arme Maus.“

Wir sind dann sofort los und haben das Mädchen in acht Minuten ins Universitätsklinikum nach Kiel geflogen. Es musste schnell gehen, das Kind hatte einen doppelten Schädelbasisbruch und zunächst sah es gar nicht gut aus.

Der Notfallsanitäter und der Notarzt haben die Kleine dann in die Klinik gebracht. Ich habe Kinder in ihrem Alter, meine Tochter ist vier, mein Sohn ein Jahr alt. Einsätze, in denen Kinder betroffen sind, nehmen einen bei aller Professionalität immer besonders mit. Auf dem Rückflug habe ich den Arzt gefragt, wie er die Lage einschätzt. Er hat gesagt, dass bei Kindern die Knochen noch elastischer sind, und er hofft, dass alles gut wird.

Ich habe schon häufig Verletzte geflogen. Ich war 14 Jahre bei der Bundeswehr, fürs Internationale Rote Kreuz bin ich in Afrika geflogen, da habe ich auch manchmal Angeschossene im Hubschrauber gehabt. Ich wollte aber immer schon Rettungsflieger werden, weil der Job eine besondere Herausforderung ist – man weiß nie, was auf einen zukommt.

Manchmal lassen einen die Ereignisse oder die Bilder, die man während eines Einsatzes gesehen hat, nicht los. Auch an das kleine Mädchen musste ich immer wieder denken. Einige Tage später habe ich dann die diensthabende Notärztin gebeten, nachzufragen, wie es dem Kind geht. Die Nachricht war überraschend und hat mich vielleicht deshalb besonders gefreut. Die Notärztin hat gesagt: „Das Mädchen ist schon wieder von der Intensivstation runter. Und sie hat schon wieder gelacht.“

Dieser Artikel ist der letzte Teil einer Serie auf shz.de.

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