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Kampfradler, Vermüllung und Hate-Speech : Respekt – ein Fremdwort in unserer Zeit

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wir lehren Achtsamkeit und Rücksicht, doch gelebt wird eine neue Ruppigkeit. Respektlosigkeit bricht sich Bahn. Die Jungen ahmen nur die Alten nach. Wer nach Grenzen ruft, gilt als Spießer.

shz.de von
erstellt am 13.Sep.2015 | 11:48 Uhr

Dass der Hund der „beste Freund des Menschen“ ist, hat schon was. Auch mir macht der Vierbeiner viel Freude und erspart den Fitnesstrainer. Und doch habe ich zunehmend Verständnis für, sagen wir es vorsichtig, „Hundeskeptiker“. Nein, ich meine nicht die Hundehasser, die vergiftete Köder oder Wurst mit Rasierklingen auslegen. Das ist versuchter Tiermord und gehört entsprechend bestraft. Aber derlei Extreme sind auch ein Warnsignal: Seitdem fanatische „Tierschützer“ auch noch sieche Straßenköter aus Rumänien oder Spanien „importieren“, ist etwas aus der Balance geraten. Zu viele Hunde machen zu viel Dreck und werden mancherorts zur Plage. Vor allem dort, wo ihnen der natürliche Auslauf fehlt. Auch wenn Hunde zunehmend als Kinderersatz herhalten müssen: Die Spielwiese ist kein Ersatz für Wald und Flur. Das sollte auch ohne Verbotshinweise einsichtig sein.

In manchen Kommunen übersteigt die Hundesteuer bereits die Gewerbesteuer. Ein fetter Einnahmeposten, den man nach Belieben nach oben schrauben kann. Je mehr, desto besser. Außer bei „Kampfhunden“ wird nicht gefragt, ob das Tier auch artgerecht gehalten wird. Gibt’s Ärger, begnügt sich die Verwaltung mit ein paar Schildern gegen Hundekot oder Erinnerungen an die Leinenpflicht. Fertig. Die egoistischen Ich-linge wissen diese staatliche Gleichgültigkeit zu nutzen. Für sich.

Kampfradler

Man sieht diese Typen mit den spitz ausgefahrenen Ellbogen zunehmend auch auf zwei Rädern. Klar, wer selbst häufig im Sattel sitzt, bringt mitunter Verständnis auf, wenn die Verkehrsregeln etwas flexibel ausgelegt werden. Der Radler bremst eben nicht gern. Doch auch hier ist es wie mit den Hunden: Es sind inzwischen einfach zu viele, für die Rücksichtnahme ein Fremdwort ist. Seitdem auch noch der Rentnertross auf den flotten E-Bikes durch die Fußgängerzonen eilig zur nächsten Versorgungsstation donnert, sinkt die Nachsicht rapide. Das umweltfreundliche Verkehrsmittel wird zum Ärgernis.

Erst recht, wenn immer mehr Testosteron übersäuerte Mountainbiker durch die Wälder preschen und sich weder um Wanderer noch Begrenzungen scheren. Auch hier schaukeln sich Aversionen hoch, wie man nicht nur an den „Fallenstellern“ in Erholungsgebieten wie dem Schwarzwald sieht. Manchmal ist eben einfach zu wenig Raum für zu viele Zeitgenossen, die ihren Naturhunger möglichst schrankenlos ausleben wollen. Am besten alle zur gleichen Zeit am Wochenende, wenn die Städter aufs Land fliehen, auf dem sie aber sonst nicht mehr leben wollen, weil ihnen dort die hippen Kneipen und die 24-Stunden-Kita fehlen.

Vermüllung

Oder die Grillplätze mit schöner Aussicht. Heute kann man ja selbst den Spätsommer nicht überleben, ohne Fleisch über qualmender Holzkohle zu räuchern. Die Feinstaubbelastung ist sicher jedes Mal höher als an den Hauptverkehrsadern der Ballungszentren, die von der EU regelmäßig zur Risikozonen für die Atemwege erklärt werden. Notfalls wird auf dem Balkon gebruzzelt oder in den städtischen Freizeitparks. Gerne in lauter Gesellschaft und mit noch mehr Bier. Den Müll lässt man liegen. Voller Bauch trägt nicht gern. Wozu gibt es schließlich kommunale Reinigungsdienste? Das sagen vor allem diejenigen, die selbst keinen Euro dafür aufbringen und reichlich Zeit zum Saubermachen hätten. Aber auch rund um Schulen, in denen so inbrünstig Nachhaltigkeit und Achtsamkeit gelehrt werden, sieht es nicht besser aus.

Polizei als Opfer

Hier hilft dann nicht einmal der Kant’sche Imperativ. Also der Appell, sich stets so zu verhalten, dass dieses Verhalten zum allgemeinen Gesetz werden könnte. Denn Regeln sind immer für die anderen da. Polizei und Ordnungsdienste können ein traurig’ Lied davon singen, wie schwer es ist, Vorschriften gegen hartnäckige Rüpel durchzusetzen. Sie werden beleidigt und mitunter regelrecht attackiert. Mehr als 62  000 Polizisten wurden im vergangenen Jahr Opfer von Straftaten. Das sind 6,3 Prozent mehr als 2013, wie aus dem aktuellen Bericht des Bundeskriminalamtes (BKA) hervorgeht. Mit rund 22  000 Fällen nimmt der Widerstand gegen die Staatsgewalt den größten Teil der gegen Sicherheitsbeamte gerichteten Delikte ein. Doch eine Gesetzesinitiative der CDU, um Angriffe auf Polizisten, Feuerwehrleute und sonstige Rettungskräfte schärfer zu bestrafen, scheitert am Widerstand der Grünen, die heute in neun Bundesländern mitregieren.

Grüne Nachsicht

Das ist sogar konsequent: Es waren die Grünen, die „zivilen Ungehorsam“ salonfähig gemacht haben und „Gewalt gegen Sachen“ tolerieren, so lange es sich um Bahnhöfe oder Atomanlagen handelt. Gewalt gegen alle Ausformungen des Kapitalismus, wie bei den Ausschreitungen gegen die EZB-Einweihung in Frankfurt oder im Hamburger Schanzenviertel, wird von der politischen Linken stets als „Akt des Widerstandes“ gerechtfertigt. Erst jetzt, da die Saat des „zivilen Ungehorsams“ vor Flüchtlingsheimen aufgeht, wird auch von den Autoritäten-Verächtern nach dem starken Staat gerufen. Plötzlich soll das Demonstrationsrecht eingeschränkt und eine „Null-Toleranz-Strategie“ verfolgt werden. Aber eben nur nach Rechts. Denn zugleich werden die Schläger der „Antifa“ zu Widerstandskämpfern gegen Nazis stilisiert – oder was immer die selbst ernannten „Antifaschisten“ dafür halten. Auch so wird das Vertrauen in den Rechtsstaat erschüttert. Und der Boden für Selbstjustiz bereitet?

Die etwas feineren Rüpel halten sich mit verbalen Ausfällen oder gar tätlichen Angriffen zurück. Sie drohen stattdessen mit dem Rechtsanwalt. Die zählen auch deshalb offenbar zur am schnellsten wachsenden Berufsgruppe. Wo gestern noch eine normale Wohnung Platz für eine Familie in bester City-Lage bot, hängt heute das Advokaten-Schild. Und weil es so viel zu klagen dann doch wieder nicht gibt, drängt das Zuviel an Juristen in die Politik, um den Rechtsstaat zum Rechtsmittelstaat auszubauen.

Arme Lehrer

Dem Gemeinwesen bekommt das nicht. Vielmehr kommt das Gefühl auf, dass Frechheit siegt. Dass man nur dreist genug sein muss, um sich durchzusetzen. Dass der Rücksichtsvolle am Ende tatsächlich der Dumme ist. Das lernen schon die Jungen, wenn ihre Eltern bei Lehrern vorstellig werden, um bessere Noten einzufordern. Pädagogen und Erzieher werden nicht mehr aus Autoritäten anerkannt, sondern als Dienstleister gering geschätzt. Diese Respektlosigkeit schlägt sich bis zu den Schülern durch. Nur im Kino johlen sie Elyas M’Barek zu, der jetzt in „Fuck ju Göhte2“ wieder das Gegenstück zum deutschen Soft-Pädagogen gibt. Im wirklichen Bildungsleben würde derlei Robustheit mit einer Klage der Eltern und Rüge des Kultusministeriums geahndet.

Hass im Netz

Im Internet gehört das verbale Rüpeln bereits zum Stilmittel. Je anonymer der Absender, desto aggressiver der Ton. Hier wird krakeelt, beleidigt, diffamiert. In den (Un-)Sozialen Medien gedeiht der Hass, von Rechts bis Links. Agitation ersetzt Information. Trolle toben sich aus. Doch einerlei, ob im Park oder in der Schule, ob im Netz oder im richtigen Leben: Überall ist zu spüren, dass die über Jahrzehnte gepflegte Verächtlichmachung von Recht, Ordnung, Anstand oder Schamhaftigkeit als spießige Sekundärtugenden nicht ohne Folgen geblieben ist. Nicht nur in sozial problematischen Schichten. Nein, es gibt auch eine Wohlstandsverwahrlosung. Regelverletzung ist auch in sogenannten „bürgerlichen Kreisen“ chic, solange sie einem selbst nützt. Oder wie es der Vollzugsbeamte resigniert sagt: „Das Problem hängt am oberen Ende der Leine!“

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