Anne Dorthe Bøjgaard : Reservemutter für harte Männer

Panzerfahrten gehören für Anne Dorthe Bøjgaard dazu wie Teilnahme an Märschen: 'Ich will wissen, wovon die Soldaten reden.' Foto: privat
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Panzerfahrten gehören für Anne Dorthe Bøjgaard dazu wie Teilnahme an Märschen: "Ich will wissen, wovon die Soldaten reden." Foto: privat

Früher betreute sie Soldaten im Kosovo und in Afghanistan, heute leitet Anne Dorthe Bøjgaard Nielsen ein Soldatenheim in Sonderburg. Die harten Jungs dürfen sich bei ihr ausweinen.

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11. August 2011, 09:02 Uhr

Sonderburg | Anne Dorthe Bøjgaard Nielsen leitet seit einem Jahr das Soldaterhjem in Sonderburg. Sie ist für viele Soldaten "Reservemutter", und das ist sie auch für Soldaten fern der Heimat, wo sie mehrere Wochen mit ihnen gelebt hat - ob in Bosnien, im Kosovo oder in Afghanistan. Für ihre Arbeit im Kosovo musste sie als Zivilistin vorab sogar einen militärischen Grundkurs absolvieren.
Der Speiseraum hat leichten Mensa-Charakter, aber das Wohnzimmer eine Tür weiter lädt ein, sich in den Sessel zu fläzen oder eingemummelt in eine Decke ein Nickerchen zu halten, eben ganz wie zu Hause. Und das ist Absicht. Darauf setzt Anne Dorthe Bøjgaard Nielsen, die seit vergangenem Jahr das Soldatenheim an der Gerlachs Gade 2 leitet.
"Ich möchte ihnen ein Heim schaffen, in dem sie entspannen können"
Ist ein Soldat der Kaserne verschnupft, fühlt sich körperlich oder psychisch elend, dann ist er bei Anne Dorthe an der richtigen Adresse. Sie umsorgt sie, tröstet sie und hört ihnen zu, wenn sie Probleme am Arbeitsplatz oder Liebeskummer haben. "Ich möchte ihnen ein Heim schaffen, in dem sie entspannen können. Ja, ich bin schon irgendwie ihre Reservemutter", meint sie lachend, dabei ist sie selbst erst 41 Jahre jung. Dann ergänzt sie: "Es macht Spaß, als Mutter gebraucht zu werden. Besonders abends kommen sie und wollen gerne reden. Das zeigt auch, dass sie mir vertrauen." Und als Mutter sei man nun mal rund um die Uhr im Einsatz. Denn es komme vor, dass Soldaten auch außerhalb der Öffnungszeit des Soldatenheims jemanden zum Reden brauchen. Dann sei es ihr egal, dass Arbeit liegen bleibe.
Um das Soldatendasein besser verstehen zu können, scheut sie sich auch nicht, an militärischen Übungen teilzunehmen und mit zehn Kilo Gepäck des Nachts über 25 Kilometer durch die Walachei zu marschieren. Ihr Engagement für den Verein christlicher Männer (KFUM), das vor 20 Jahren begann, hat die gelernte technische Assistentin über die Soldatenmission 1997 für ein halbes Jahr nach Mostar in Bosnien geführt, ins Soldatenlager der EU. Sie hat im Soldatenheim der Niederlande gearbeitet, "denn Dänemark hatte damals kein eigenes", wie sie sich erinnert. Anne Dorthe hat im Café im Lager gearbeitet, Kaffee gekocht, Kuchen gebacken. Dort hat sie erfahren, "dass du als Frau stark sein musst, wenn du etwas ausrichten willst. Du musst dich an die Männerwelt gewöhnen. Ich habe dort auch gemerkt, dass sie Hilfe brauchen. Ich bin Christin. Ich hatte das Gefühl, mit Gott im Dialog zu sein. Es bedeutet Soldaten sehr viel, dass du ihnen auch dort ein Heim schaffst. In Mostar waren 16 Nationalitäten. Ich habe mit vielen gesprochen, gehört, was sie erleben. Es macht schon Eindruck auf mich, wenn ich Männer weinen sehe."
Jeder weiß, dass er sterben kann
2008 kam eine Anfrage für die Betreuung dänischer Truppen im Kosovo. Eine Bedingung: eine militärische Grundausbildung. In einer Woche hat sie schießen gelernt, exerzieren und Erste Hilfe. Das Schießen hat der gläubigen Christin kein Problem bereitet: "Ich hoffe, dass ich nie auf jemanden schießen muss. Aber manchmal bist du dazu gezwungen, um dich zu verteidigen", erklärt sie. Im Kosovo musste sie sich an das Tragen der Uniform gewöhnen. Und dort, anders als in Bosnien, wurde sie von zwei Soldaten begleitet, wenn sie das Lager verließ, um einzukaufen. Dieses Gefühl, von Bodyguards umgeben zu sein, empfand sie als "wunderlich".
Den Jahreswechsel 2009/2010 hat sie in Afghanistan im Camp Bastian verbracht. "Auch wenn es friedensbewahrende Truppen sind, weiß jeder, dass er sterben kann. Normalerweise darf man das Lager nicht verlassen. Es gab aber ein neues Heim in Prince, das ich unbedingt sehen wollte. Das Risiko musste ich selbst tragen", erzählt sie von einer Fahrt in einem gepanzerten Wagen.
Harte Zeiten und der Duft frisch gebackenenen Kuchens
Ob sie blauäugig war? "Nee, ich möchte nur gerne wissen, was die Männer erleben, worauf sie sich einlassen. Dann kann ich mitreden, was in vielen Situationen hilft", meint Anne Dorthe zu eigenen Erfahrungen. Sie war zwar nur fünf Wochen im Camp, aber in dieser Zeit hat sie es geschafft, das Haus zum Treffpunkt der Soldaten in ein Heim zu verwandeln: "Damals gab es 15 verletzte und einen getöteten Soldaten. Das war eine sehr harte Zeit. Umso mehr brauchst du einen Ruhepol. Und wenn es nach frisch gebackenem Kuchen riecht, freut man sich einfach."
Zwei Aussprüche haben sich in ihr Gedächtnis gegraben. Ein Soldat hat ihr gesagt: Wenn ihm etwas auf der Seele brenne, würde er zur Reservemutter gehen, dann erst zum Feldpastor und dann als Drittes zum Psychologen.

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