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Interview mit SH-Wirtschaftsminister : Reinhard Meyer: „Ich wollte Bagel-Unternehmer werden“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wirtschaftsminister Reinhard Meyer über seine frühere Karriereplanung, die Zukunft des schleswig-holsteinischen Unternehmertums und Gründe, warum kleine Betriebe weiter gefragt sind.

shz.de von
erstellt am 16.Apr.2016 | 08:45 Uhr

Herr Meyer, stellen wir uns folgendes Szenario vor: Sie sind nicht Politiker, sondern Tischler. Sind Sie ein Typ Mensch, der einen Betrieb übernehmen würde?

Wenn ich vorhätte, eine Existenz zu gründen, wäre es auf jeden Fall klug, ein Unternehmen zu übernehmen, weil ich dann auf einen guten Mitarbeiter- und einen festen Kundenstamm bauen könnte. Das würde ich mir gut überlegen. Es ist auf jeden Fall eine gute Alternative zur eigenen Existenzgründung. Wenn Sie generell die Frage stellen: Würden Sie sich selbstständig machen...

... würde Ihre Antwort wie lauten?

Dass ich das in der Tat schon mal vorhatte. Meine Frau und ich waren Mitte der 90er Jahre in den USA, seinerzeit kam in Kalifornien in der Ernährungsbranche die Gesundheitswelle. Überall gab es dort Bagel-Shops – in Deutschland aber nicht. Das war eine gute Geschäftsidee.Wir haben uns überlegt, wie man das in Hamburg umsetzen kann. Eine Bagel-Maschine konnte man kaufen, man brauchte also Kapital. Allerdings hätten wir auch einen entsprechenden Meister im Betrieb haben müssen – und den hatten wir nicht. Deswegen haben wir an der Stelle aufgegeben.

Eigentlich schade, oder?

Wir haben uns ernsthaft damit auseinandergesetzt. In der Hamburger Innenstadt hätte man das gut machen können. Ende der 90er Jahre ist dann auch der erste Bagel-Shop in Hamburg entstanden. Der war richtig erfolgreich. Da haben wir etwas wehmütig draufgeschaut.

Derzeit haben wir einen Fachkräftemangel, der wohl noch zunehmen wird. Halbwegs gut qualifizierte Mitarbeiter haben einen ziemlich sicheren Job, wenig Konkurrenz und in vielen Branchen ein anständiges Einkommen. Was sind die Gründe, warum sich diese Menschen trotzdem überlegen sollten, ein Unternehmen zu übernehmen?

Vor allem zwei Dinge sind dabei wichtig: Zum einen müssen die Menschen Persönlichkeit haben, alle Chancen und Risiken einzugehen, die damit verbunden sind. Das kann man weder lehren noch erlernen. Man muss sich selbst einschätzen können.

Und zum anderen?

Man muss den Mut haben, diesen Schritt dann auch zu gehen. Unternehmer zu sein, bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, aber auch die Freiheit zu haben, ein Unternehmen zu gestalten. Die hat man als abhängig Angestellter so nicht.

Wie unterstützt das Land Menschen, die daran denken, Unternehmer zu werden?

Wir sehen, dass es für Unternehmensnachfolger nicht ganz einfach ist. Sie werden von der Bank oftmals anders behandelt als ihre Vorgänger. Zukünftige Unternehmer müssen sich gut vorbereiten. Sie müssen nicht nur die Geschäftsidee und das Handwerkliche im Blick haben, sondern auch das Kaufmännische. Das muss stimmen. Sie müssen sich im Vorfeld informieren, sich fortbilden und den Sachverstand einholen. Wir als Land bieten mit unserer Förderfamilie – Investitionsbank, Mittelständische Beteiligungsgesellschaft und Bürgschaftsbank – eigene Förderprodukte mit zinsgünstigen Krediten. Wir haben ein neues Programm aufgelegt, um ganz gezielt Unternehmensnachfolgen in Schleswig-Holstein fördern zu können. Oder wir treten als Bürgen auf, um eine Finanzierung in die Unternehmensnachfolge hineinzubekommen.


Sprechen wir über die Übergeber-Seite: Viele abgebende Unternehmer haben Schwierigkeiten loszulassen.

Ich erlebe, wenn ich in Unternehmen gehe, sehr unterschiedliche Aussagen. Manche sind vorbereitet, andere eher nicht. Ich habe zum Beispiel ein Unternehmen erlebt, in dem der Senior-Chef weit über 60 Jahre alt war, auf eine Person zeigte und sagte: Das ist mein Sohn, der ist über 40, aber der ist noch nicht so weit…

Es ist ein hoch emotionales Thema...

Natürlich ist es emotional, aber man muss rational auch Folgendes betrachten: Wenn ich als Unternehmensinhaber keinen Nachfolger finde, was passiert dann mit den Vermögensbeständen? Nehmen wir mal das Beispiel des Tischlers, das Sie zu Beginn ansprachen. Findet er keinen Nachfolger, hat der Betrieb irgendwann keinen Wert mehr. Da muss man auch an seine eigene Altersvorsorge denken. Wenn das Unternehmen fortgeführt wird und ich es veräußern kann, ist das eine ganz andere Perspektive, als wenn ich das Unternehmen einfach auflöse.

Müsste man seitens der Politik nicht auch viel stärker in Bereiche wie Besteuerung von Unternehmen und Besteuerung von Grund und Boden reingehen? Gerade für viele alte Unternehmen ist es ein Problem, dass der Grund sehr viel mehr wert ist, als das Unternehmen, das darauf steht. Bei der Unternehmensübergabe bekommen viele das Problem, dass sie sehr viel mehr für den Grund und Boden bezahlen müssen.

Wir haben sicherlich ein Steuersystem, das für solche Fälle nicht sonderlich gut ausgestattet ist. Das merken Sie auch an der aktuellen Debatte um die Erbschafts- und Schenkungssteuer. Es ist in einem mittelstandsgeprägten Land wie Schleswig-Holstein ein wichtiges Thema. Wir haben größere Mittelständler, die an der Schwelle sind, an der sie Probleme mit den Freigrenzen bekommen. Wenn dann ein Familienmitglied, das eigentlich Lust auf eine Übernahme hätte, aus pekuniären Gründen darauf verzichtet und überlegt, das Unternehmen an einen Finanzinvestor zu verkaufen, ist das sicherlich ein Problem.

Wie groß sind die Änderungsmöglichkeiten für Schleswig-Holstein?

Insgesamt können wir die Steuerpolitik nicht von Schleswig-Holstein aus ändern. Das ist ein dickes Brett. Aber die Wirtschaft muss wieder mittelstandsfreundlicher werden. Gerade beim Thema Unternehmensnachfolge fällt auf, dass wir in Deutschland nicht sonderlich gut aufgestellt sind. Wir haben in der Steuerpolitik in den letzten Jahrzehnten unheimlich viel für große Unternehmen gemacht, aber was den Mittelstand angeht, ist es schon schwieriger. Sie können aber auch nicht durch ein oder zwei Steueranträge im Bundesrat grundsätzlich etwas an dem Problem ändern, dass wir jahrzehntelang ein Steuersystem aufgebaut haben, das eher großen Unternehmen zugute kommt als dem Mittelstand.
 

Wirtschaftsminister Reinhard Meyer will das Thema Unternehmensnachfolge stärker in den Fokus der Öffentlichkeit bringen.
Wirtschaftsminister Reinhard Meyer will das Thema Unternehmensnachfolge stärker in den Fokus der Öffentlichkeit bringen. Foto: Marcus Dewanger

 

Gerade Schleswig-Holstein hat einen hohen Anteil an mittelständischen Unternehmen. Wie weit steht die Zukunft des Landes auf dem Spiel?

Wir müssen noch aktiver darauf hinweisen, dass Unternehmen Arbeitsplätze schaffen und sichern, dass Wertschöpfung und Kaufkraft entstehen und natürlich, dass es ganz, ganz wichtig ist, bestehende Unternehmen zu erhalten.

Eine Studie der Unternehmerberatung HWB Kiel sagt, dass in Schleswig-Holstein in den kommenden zehn Jahren 3500 Betriebe ohne Chef dastehen könnten. Nimmt man Hamburg dazu, sind es 7000. Machen Ihnen diese Zahlen Angst?

Nein. Angst sollte man nicht haben. Aber es ist ein klarer Auftrag, sich noch mehr um dieses Thema zu kümmern. Das kann Politik nicht alleine. Eine wichtige Aufgabe kommt auch auf die Kammern zu. Das nehmen die auch an und sprechen sehr frühzeitig mit Mitgliedern, wie die Zukunft des Unternehmens aussehen könnte. Die Kammern begleiten die bürokratischen Prozesse. Zudem müssen wir die Unternehmensnachfolge weiter bei jeder Gelegenheit thematisieren.

Kommen wir nochmal auf das Beispiel des Tischlers. Wie viele Tischler brauchen wir in Schleswig-Holstein? Oder anders gefragt: Ist eine Konsolidierung eine Möglichkeit, dem Problem der fehlenden Unternehmensnachfolger zu begegnen?
Es gäbe dann nicht mehr eine Vielzahl von kleinen Unternehmen mit zwei oder drei Mitarbeitern, sondern wenige, aber dafür größere.

Da unterschätzt man einen Markt, den es bei Tischlereien gibt, aber auch in anderen Branchen. Speziell in Schleswig-Holstein sind wir mit unseren kleinen und mittleren Unternehmen stark. Bis dahin, dass wir im industriellen Bereich sehr viele Spezialanfertigungen machen. Das ist der Kern der Kompetenz, die wir in Schleswig-Holstein haben. Das heißt: Wir werden – auch wenn es möglicherweise Konzentrationsprozesse im Markt gibt – immer Unternehmen brauchen, die drei oder vier Mitarbeiter haben und von Spezialanfertigungen leben. Das wird es immer geben. Die Nachfrage danach ist da. Großtischlereien, um bei dem Beispiel zu bleiben, könnten das gar nicht hinbekommen. Ein gutes Beispiel ist die Produktion der Innenausstattung von Mega-Yachten.Vor wenigen Wochen war ich bei der Kröger-Werft in Schacht-Audorf im Kreis Rendsburg-Eckernförde. Spannend, was die dort allein in diesem Segment anbieten. Das können größere gar nicht.

Abschlussfrage: Wie gerne und mit welchem Gefühl gehen Sie jetzt Bagels essen?

Ich esse nach wie vor sehr gerne Bagels. Manchmal denke ich schon daran, wie es geworden wäre, wenn wir den Laden wirklich aufgezogen hätten. Wären wir heute noch am Markt? Oder wären wir es nicht? Wenn wir den Plan wirklich umgesetzt hätten, müsste ich auf jeden Fall jetzt damit beginnen, mich nach einem Nachfolger umzugucken.

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