Gewalt an Grundschulen : Reden und boxen: Sozialarbeit an der Brennpunktschule

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Schulsozialarbeiter und Schulassistenz vermitteln zwischen Schülern, Eltern und Lehrern. Und geraten zwischen Fronten.

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05. August 2019, 12:49 Uhr

Schleswig-Holstein | Die roten Boxhandschuhe sehen riesig aus an den kleinen Händen der Zweitklässlerin. In der letzten Pause hatte sie einen Streit, jetzt will sie ihren Frust an dem Boxsack auslassen. In Raum 11 geht das. Schulassistent Markus Rohwer hält den schwarzen Ledersack fest, während das Mädchen lachend einen Schlag nach dem nächsten setzt.

Dieser Raum 11 ist eine „pädagogische Insel innerhalb der Grundschule“, sagt Rohwer. Und es ist sein Hauptquartier und das von Schulsozialarbeiter Tobias Hansen. Hier wird nicht nur geboxt,  auch Elterngespräche finden hier statt. Hier wird Kindern zugehört und sich mit Eltern auseinandergesetzt, hier können sie ihre Probleme besprechen. Hier wird nach Lösungen gesucht. Zum Beispiel wenn Ahmed aus der 3c, nachdem er von einer Mitschülerin im Unterricht fies beleidigt und geschlagen wurde, um Unterstützung bittet. Hier sitzt auch die Mutter, deren siebenjähriger Sohn sich nicht von ihr trennen kann, sodass er jeden Morgen beim Abschied von ihr hysterisch weint.

Aber es geht nicht nur um Ärger und Probleme. Der Raum bietet auch eine kurze Auszeit vom System Schule. Zwischen den Schreibtischen stehen Musikinstrumente und ein Nintendo. Durch gutes Verhalten kann man sich einen Gutschein verdienen und darf auch mal in der Pause eine Runde an die Konsole.  Das ist Teil des Belohnungssystems an dieser Brennpunktschule in Schleswig-Holstein.

sh:z-Reporterin Dana Ruhnke hat von Oktober 2018 bis April 2019 in der Klasse 3c einmal wöchentlich die Schulbank gedrückt. Die Grundschule steht in Schleswig-Holstein und gilt als Brennpunktschule, ihr Name soll auch deshalb in dieser Reportage nicht genannt werden. Sie steht beispielhaft für die Herausforderungen und Chancen im Mikrokosmos Schule, für die kleinen und großen Rückschläge und Erfolge. Auch die Lehrer und Schüler haben eigentlich andere Namen. Der Name von Schulleiter Detlef V. wurde auf seinen Wunsch gekürzt.


Markus Rohwer arbeitet seit 2016 an dieser Schule - mit 20 Wochenstunden bei über 200 Schülern. Die meisten von ihnen kommen aus sozial schwachen und bildungsfernen Elternhäusern. Viele sind verhaltensauffällig, haben besonderen Förderbedarf oder Sprachschwierigkeiten. Seit über einem Jahr hat er im Raum 11 Unterstützung von Tobias Hansen. Der Schwerpunkt des Schulsozialarbeiters ist die Zusammenarbeit mit den Eltern. Er ist 18 Wochenstunden im Einsatz.

Oberste Priorität haben für Markus Rohwer Krisenintervention und Konfliktbearbeitung. Dabei gerät er immer mal wieder selbst zwischen die Fronten.

„Wenn ein Kind austickt, ist es oft erstmal in einem Tunnel, schlägt und tritt auf alles ein, was ihm in die Quere kommt.“

Schulassistenz:

Im Jahr 2015 hat das Land in Schleswig-Holstein die Position der Schulassistenz an Grundschulen eingeführt. Seit 2018 werden 13,8 Millionen Euro dafür zur Verfügung gestellt. Aktuell sind 340 Schulassistenten direkt beim Land angestellt, 270 weitere bei Schulträgern oder freien Trägern. Ziel von Schulassistenten ist es, die Lernbedingungen an der Schule allgemein zu verbessern und als zusätzliche pädagogische Kraft auch für eine Entlastung der Lehrer zu sorgen. Dabei fördern die Fachkräfte das soziale Lernen der Schüler, damit diese dauerhaft am normalen Schulbetrieb teilhaben können. Dies erfolgt teilweise auch in befristeten Maßnahmen, wie etwa Fußballgruppen oder Schwimmkursen.Wie sich die Aufgaben konkret verteilen, kann in der Praxis je nach Schule ein wenig unterschiedlich sein. Eine Kernaufgabe des Schulassistenten an dieser Brennpunktschule ist die Krisenintervention. Er begleitet auch Schüler, die zwischenzeitlich etwa vom Unterricht ausgeschlossen sind, bringt Zuspätkommer in die Klassen und unterstützt auch manchmal die Lehrer im Unterricht. Schulassistenten sind aber auch Gesprächspartner für Schüler und Lehrer und unterstützen damit die Schulsozialarbeit.

Schulsozialarbeit:

Schulsozialarbeit gibt es seit 2011 in Schleswig-Holstein. Auch sie finanziert sich aus Landesmitteln. 2018 gab es dafür 4,6 Millionen Euro. Zudem wurden den Kreisen und kreisfreien Städten jährlich 13,2 Millionen Euro zur Weiterleitung an Schulträger für Maßnahmen der Schulsozialarbeit zur Verfügung gestellt. Die Kernaufgabe von Schulsozialarbeitern ist es, die pädagogische Arbeit vor Ort zu unterstützen. Sie organisieren dafür auch Projekte und offene Angebote, wie Schwimmkurse oder Leseprojekte. Der Schulsozialarbeiter an dieser Schule fungiert ganz stark als Dolmetscher zwischen Schule und Eltern. Er berät die Eltern, bietet Einzelfallhilfe. Außerdem vernetzt er sich mit anderen Trägern, die beispielsweise Jugendarbeit anbieten. Der Ansatz ist etwas präventiver - aber natürlich unterstützt der Schulsozialarbeiter hier auch bei Kriseninterventionen.

Schulbegleitung:

Schulbegleitung gibt es schon sehr lange. Anfangs ging es dabei aber noch um rein pflegerische Hilfe. Erst seit den 90er-Jahren wurde der Einsatz dieser Kräfte auch auf den Bereich der Jugendhilfe ausgeweitet. Schulbegleiter sind in den meisten Gegenden nur für ein Kind zuständig, das entweder körperlich, geistig oder seelisch behindert ist. Sie unterstützen es langfristig bei der Teilhabe am Unterricht in der Klasse, je nach Bedürfnissen also entweder pflegerisch oder bei der Organisation von Arbeitsmaterialien, beim Erklären der Aufgaben und bei der Konzentration. Wichtig ist: Schulbegleiter sollen keine pädagogischen oder inhaltlichen Aufgaben übernehmen. Die Kosten für Schulbegleitung übernehmen die Kreise und kreisfreien Städte. Hier sind auch die Anträge - beim Sozial- oder Jugendamt - zu stellen. Meist sind die Hilfskräfte bei freien Trägern wie etwa AWO oder Diakonie angestellt.

 

Für das Schuljahr 2017/18 hat der Pädagoge Buch geführt. 105 Mal musste er bei heftigen Streitigkeiten zwischen Schülern intervenieren. In den meisten Fällen waren körperliche Auseinandersetzungen dabei. Durchschnittlich also drei Kriseninterventionen pro Woche. In 24 Fällen waren Schüler der jetzigen 3c beteiligt – eine Klasse mit besonders vielen verhaltensauffälligen und förderbedürftigen Kindern. „Ich bekomme aber längst nicht jeden Streit mit.“

Immer wieder entstehen neue Konflikte. Auch durch die große Zahl an Flüchtlingskindern, die an die Schule gekommen sind. Sieben der insgesamt 21 Kinder aus der 3c stammen aus Syrien. Viele von ihnen seien traumatisiert, sagt Rohwer.

„Die Gruppen sind zudem teilweise untereinander verfeindet. Sunniten, Kurden, Schiiten – das tragen einige Kinder in die Schule“, so der Erzieher. Diese Unterschiede musste er erstmal lernen. Auch das ist Teil des Jobs geworden.

So erlebte Reporterin Dana Ruhnke die Zeit an der Schule:

Zusammen mit dem Rektor der Schule hat das Duo eine Reihe von Maßnahmen und Projekten ins Leben gerufen, um Lern- und Schulatmosphäre zu verbessern, gewalttätigem Verhalten vorzubeugen und entgegenzusteuern und zu einem besseren Gelingen von Inklusion und Integration beizutragen.

Soziales Lernen steht bei all dem im Vordergrund. Als Grundvoraussetzung für alles Weitere.

Diese Möglichkeiten hat die Schule für ein friedliches Miteinander entwickelt:

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In diesem Jahr sei die Lage etwas ruhiger geworden, sagen beide. Weil viele problematische Kinder die Schule nach der vierten Klasse verlassen haben – aber auch, weil die beiden sich ein Standing bei den Kindern erarbeitet haben. „Unsere Arbeit kommt an, aber es ist anstrengend und manchmal auch sehr frustrierend“, so Tobias Hansen.

„Ein Tischler weiß am Ende des Tages, was er geschafft hat. Wir arbeiten manchmal ein Jahr lang mit einem Kind, und am Ende entgleitet es doch.“

Weiterlesen: So lief die Recherche an der Schule

Auch deshalb, weil es einige Kinder an dieser Schule gebe, die im Endeffekt nicht beschulbar sind, meint sein Kollege Markus Rohwer: „Diese Kinder sind krank. Ich bin Pädagoge, kein Psychologe und kein Arzt.“

Wenn auch Schulsozialarbeiter und Schulassistenz an ihre Grenzen kommen, springt das Förderzentrum ein. Sofern ein Kind einen Förderbedarf hat. Wie das System funktioniert, erfahren Sie hier.

Lesen Sie alle Teile unserer Reportage auf schule.shz.de.

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