Nahost-Konflikt : Reaktionen aus SH und Hamburg: Viele Jüdische Mitbürger haben Angst

Am Rande der Palästinenser-Demo am vergangenen Wochenende in Flensburg soll ein Pro-Israrel-Aktivist antisemitisch beleidigt worden sein.
Am Rande der Palästinenser-Demo am vergangenen Wochenende in Flensburg soll ein Pro-Israrel-Aktivist antisemitisch beleidigt worden sein.

In den jüdischen Gemeinden im Norden herrscht eine große Verunsicherung. Wir haben einige Stimmen gesammelt.

Avatar_shz von
17. Mai 2021, 18:12 Uhr

Kiel/Elmshorn/Hamburg | Für den Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein, Walter Blender, ist die angespannte Situation unter den Mitgliedern regelrecht spürbar. „Es ist nicht nur ein allgemeines Unwohlsein oder Unbehagen, das viele befällt. Besonders diejenigen, die sich in ihrer Stadt engagieren, von denen bekannt ist, dass sie Juden sind, die haben Angst“, sagt Blender.

Jüdische Mitbürger erleben Drei-Fronten-Krieg

Die Gemeindemitglieder würden zunehmend arabische Geschäfte meiden. „Wir kämpfen einen Drei-Fronten-Krieg“, beschreibt Blender die Situation der jüdischen Bürger in Schleswig-Holstein. Gegen die Neo-Nazis, gegen den importierten arabisch geprägten Antisemitismus und gegen eine unbestimmte, unterschwellige Abneigung gegen alles Jüdische im Allgemeinen.

Weiterlesen: Jüdische Gemeinde und Palästinensischer Verein äußern sich zu Vorfall

Die neun jüdischen Gemeinden in Schleswig-Holstein zählen knapp 1800 Mitglieder, viele von ihnen hätten familiäre Verbindungen nach Israel. „Man kann und wir sind auch in unseren Gemeinden über das System Israel geteilter Meinung“, sagt Blender. Einig sei man sich aber, dass kein Staat der Welt das Recht habe, Raketen auf ein anderes zu schießen. Nicht eine, nicht zehn und nicht Tausende – wie zurzeit die Hamas auf Israel. Daher habe der Staat Israel jedes Recht sich zu verteidigen. Zudem zeige die offensichtliche Gleichsetzung von jüdischen Bürgern hier in Schleswig-Holstein mit dem Staat Israel, dass Deutschland mit Blick auf den importierten Judenhass aus dem arabischen Raum viel zu spät reagiert habe. „Das ist ein Missbrauch des Gastrechtes“, betont Blender.

Die hasserfüllten Parolen, die antisemitistischen Ausfälle der letzten Tage, das ist sehr heftig. Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein, Walter Blender
 

Shawuot mit sehr gedämpfter Stimmung begangen

In der Jüdischen Gemeinde Elmshorn wurde gestern das jüdische Fest Schawuot begangen, das an die Übergabe der Tora am Berg Sinai erinnert. „Die Stimmung war wegen der Ereignisse in Israel sehr gedämpft“, erklärt Alisa Fuhlbrügge, die erste Vorsitzende der Gemeinde. Man habe die Feier auch genutzt, um über Sicherheitsmaßnahmen zu informieren. Es gehe darum, wie sich die Gemeindemitglieder verhalten sollen, wenn sie gebeten werden, Fremde in die Synagoge mitzunehmen, was sie tun sollen bei Angriffen auf der Straße oder wenn sie in eine Demonstration hineingeraten. „Es geht dabei darum, sofort den Rückweg anzutreten“, erklärt Fuhlbrügge.

Auf keinen Fall sollte man mit diesen Menschen versuchen zu diskutieren oder versuchen, aufzuklären. Das ist jetzt der falsche Zeitpunkt dafür. Alisa Fuhlbrügge
 

In Elmshorn tut die Gemeinde viel für den Schutz ihrer Mitglieder. Der Standort der Gemeinderäume ist nicht öffentlich bekannt und wird regelmäßig von der Polizei überwacht. Beim Gottesdienst gestern waren zwei Beamte anwesend.

Auch der frühere Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU), seit 2020 Landesbeauftragter für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, ist durch die antisemitistischen Ausfälle alarmiert. „Es ist so unanständig, was passiert. Das zeigt, dass Kriege nie eine gerechte Sache sind“, so Carstensen gestern. Konstantin von Notz, Fraktionsvize der Grünen im Deutschen Bundestag nannte den auf Demonstrationen in deutschen Städten zutage getretenen Judenhass „maximal empörend und erschreckend“. Darauf müssten kommunale Ordnungsbehörden, Polizei und Justiz mit Entschlossenheit und rechtlicher Schärfe reagieren.

In Hamburg Hetze besonders gegen junge Gemeindemitglieder

Stefan Hensel tritt ab 1. Juli sein Amt als Antisemitismusbeauftragter der Stadt Hamburg an. Er beobachtet die Lage in der Hansestadt genau. „So eine Situation wie in Gelsenkirchen hatten wir in Hamburg noch nicht“, sagt er. In der Stadt im Ruhrgebiet hatten fast 200 Menschen vor einer Synagoge demonstriert und antisemitische Parolen gerufen. „Gerade auf Social Media schlägt die Situation aber Wellen“, betont Hensel. Besonders junge Jüdinnen und Juden würden online Drohungen erhalten. Der designierte Antisemitismusbeauftragte betont:

Jüdische Bürger von Hamburg sind keine Stellvertreter des Staates Israel. Stefan Hensel
 

Ein Sprecher der Innenbehörde berichtet, dass die Stimmung bei einer Demonstration in Hamburg-Altona am Wochenende aufgeheizt gewesen sei: „Die Polizei schreitet aber bei antisemitischen Parolen konsequent ein.“ Die Stadt Hamburg befinde sich im engen Austausch mit den jüdischen Gemeinden. Bestehende Schutzkonzepte würden bei Bedarf angepasst. Solch ein Bedarf bestand bei der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hamburgs. Vorsitzende Galina Jarkova: „Am vergangenen Freitag hatten wir einen unangenehmen Anruf, ein Mann hat ins Telefon geschrien, wir würden auf seine Kinder schießen.“ Die Polizei habe die Sicherheitsmaßnahmen als Reaktion verstärkt.

Es ist eine schwierige Situation, wir müssen Ruhe bewahren. Galina Jarkova


 
zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert