zur Navigation springen
Schleswig-Holstein

19. November 2017 | 09:54 Uhr

Pestizide : Razzia auf dem Feld

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Experten streiten über die Zulassung des Pflanzenschutzmittels Glyphosat. Noch ist unklar, ob das Mittel schädlich ist.

Eigentlich ist es die Zeit, in der alles blüht und gedeiht. Die dunkelgelben Felder, die in den vergangenen Wochen hier und da zu sehen waren, passten sich vom Weiten gar nicht so schlecht in das farbenfrohe Frühlingserwachen der Landschaft ein. Doch wer diesen Feldern näher kam, stellte schon bald fest: Dort blüht und gedeiht gar nichts. Alles welkt. Es ist, als hätte sich bereits der Herbst auf die Felder gelegt.

Glyphosat killt alle Pflanzen

Die Ursache für dieses Welken ist das Pflanzenschutzmittel Glyphosat – auch bekannt unter dem ersten Markennamen „Roundup“, was so viel wie „Razzia“ heißt. Doch eine Razzia ist es eigentlich nicht, die dort auf dem Feld stattgefunden hat. Denn Glyphosat tötet nicht nur die unerwünschten Unkräuter ab, es lässt ausnahmslos alle Pflanzen eingehen, die gerade auf dem Feld wachsen. Für viele Landwirte ist das die einfachste und beste Lösung, um die Felder für den Fruchtanbau vorzubereiten. Denn das Glyphosat wirkt nur kurze Zeit und auch nur bei Pflanzen, die bereits aus der Erde sprießen und den Wirkstoff so über ihre Blätter aufnehmen können.

Der Tod in der Zelle

Glyphosat gehört zu den Phosphonaten und findet breite Anwendung in Pflanzenschutzmitteln. Erstmals wurde es 1974 unter dem Handelsnamen „Roundup” auf dem Markt eingeführt. In der europäischen Landwirtschaft wird es hauptsächlich dazu benutzt, Unkräuter vor oder nach dem Anbau von Feldfrüchten (z.B. Wintergetreide, Raps, Sonnenblumen, Mais und Zuckerrüben), in Obst- oder Weinanlagen, zu bekämpfen.

Einmal über die Blätter aufgenommen, hindert das Mittel die Pflanzen daran, bestimmte Aminosäuren zu bilden, die für den Stoffwechsel nötig sind. Dadurch sterben die Pflanzen ab. Schon kurze Zeit nach der Glyphosat-Behandlung können auf dem dann freien Acker neue Pflanzen ausgesät werden und konkurrenzlos wachsen und gedeihen.

 

Diese Eigenschaften haben Glyphosat seit der Einführung in den 1970er Jahren zum weltweit wichtigsten Pflanzenschutzmittel gemacht. In Deutschland wird bereits auf fast 40 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen Glyphosat eingesetzt – insgesamt waren es in den letzten Jahren 5000 bis 6000 Tonnen.

Dunkelgelbe Felder

Wenn ganze Felder sich in dem dunklen Gelb färben, geht es aber meist nicht nur um die Bekämpfung einzelner Unkräuter. „Das sind die Zwischenfrüchte“, erklärt Hans-Dieter Blanck, Vorstandsmitglied des schleswig-holsteinischen Bauernverbandes. Diese Pflanzen werden zwischen dem Anbau der eigentlichen Feldfrucht ausgebracht, um den Stickstoff im Boden zu binden. Dadurch werde unter anderem auch erreicht, dass sich weniger gewässerschädigendes Nitrat bildet, betont Blanck.

Doch wenn der Winter wie in diesem Jahr nicht besonders frostig ist, dann verrotten diese Pflanzen nicht von allein. Sie müssen im Frühjahr irgendwie anders wieder vom Acker entfernt werden. „Es wird immer gefordert, dass wir diese Zwischenfrüchte anbauen, aber kein Mensch sagt, wie die nachher wieder abgebaut werden soll“, ärgert Blanck sich. Grundsätzlich gibt es dafür ohnehin nur zwei Methoden: Entweder sie werden tief in den Boden eingepflügt, oder die Pflanzen werden mit Pflanzenschutzmittel bespritzt. Letzteres geht schneller, schont den Boden und verbraucht weniger Treibstoff.

Dass welkende Pflanzen im Frühling keine besonders vertrauensfördernde Symbolik haben, weiß auch Klaus-Dieter Blanck. „Ich habe überhaupt kein Verständnis dafür, dass diese Felder noch nicht schwarz gemacht wurden“, sagt er und meint damit das Hexeln der Pflanzenteile und die oberflächliche Einarbeitung in den Boden. Doch ist es lediglich die Optik, die stört? Ist das Problem gelöst, wenn es von der Oberfläche verschwindet?

EU sagt „Jein“ zu Glyphosat

Der schleswig-holsteinische Bauernverband sieht in der Anwendung des Pflanzenschutzmittels keine Probleme. Glyphosat sei das am besten untersuchte Pflanzenschutzmittel, es sei abbaubar und toxikologisch harmlos, so Blanck. Mit dieser Einschätzung ist er zwar nicht allein. Doch obwohl es zu Glyphosat so viele Studien gibt wie wohl zu keinem anderen Pflanzenschutzmittel, ist über die „Harmlosigkeit“ des Mittels eine heftige Diskussion entbrannt: Die Zulassung für Glyphosat wurde bereits zwei Mal um einige Monate verlängert, weil sich die EU-Mitgliedsländer nicht auf eine grundsätzliches „Ja“ oder „Nein“ zum Pflanzenschutzmittel einigen können. Ende dieses Jahres läuft die letzte Frist aus. Bis dahin muss die EU-Kommission in Abstimmung mit allen Mitgliedsländern die Zulassung verlängern oder ablehnen.

Studien mit konträren Ergebnissen

Obwohl diverse Behörden und Institutionen sich in den letzten Jahren intensiv mit Wirkung und Folgen des Glyphosateinsatzes beschäftigt haben, herrscht momentan weniger Klarheit denn je: Die Internationale Behörde für Krebsforschung, die zur Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehört, hält Glyphosat für potenziell krebsauslösend. Andere WHO-Experten, die das Glyphosat zusammen mit der Welternährungsorganisation FAO untersucht hatten, sehen hingegen keine gesundheitliche Gefahr. Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hält das Mittel für harmlos, sieht sich allerdings immer wieder mit Kritik zu seiner Methodik konfrontiert. Wer sich in die Tiefen dieses Streits begibt, fühlt sich schon bald recht verloren: Hier wird die Zahl der Versuchstiere kritisiert, dort die Tumoranfälligkeit der Rattenart. Hier bemängeln die Gegner, dass Studien von Glyphosat-Herstellern finanziert wurden, dort wird darauf hingewiesen, dass die Hersteller verpflichtet sind, mit solchen Studien die Unbedenklichkeit ihres Mittels nachzuweisen. Gegner und Befürworter von Glyphosat werfen sich gegenseitig vor, „Junk-Science“ zu produzieren – eine Art „Fake news“ der Wissenschaft.

In den hitzigen Debatten um eine mögliche Gesundheitsgefährdung durch das Pflanzengift geriet die Frage nach den ökologischen Folgen oft in den Hintergrund. Denn gerade weil Glyphosat so hervorragend alle unerwünschten Pflanzen bekämpft, kann es große Auswirkungen auf die Artenvielfalt haben. Zwar schränkt jeder Ackerbau und jedes Pflanzenschutzmittel die Biodiversität ein. Doch das zusätzliche Problem beim Glyphosat ist sein durchschlagender Erfolg: Wenn auch nur auf einem Drittel der 160  000 Quadratkilometer landwirtschaftlicher Fläche in Deutschland Glyphosat zum Einsatz kommt, dann sind das riesige Gebiete, die jedes Jahr totgespritzt werden. Welche Folgen das bei langfristiger Anwendung hat, weiß man noch gar nicht. Hinzu kommt der oft nicht sachgemäße Einsatz in privaten Gärten, der in den vergangenen Jahren erheblich angestiegen ist und für den Schleswig-Holstein 2013 im Bundesrat ein grundsätzliches Verbot gefordert hat.

Ohne Glyphosat höhere Kosten

Doch eine Landwirtschaft ganz ohne den Einsatz von Glyphosat würde viele Änderungen mit sich bringen. Denn die Alternativen sind schnell benannt: Entweder es kommen andere Pflanzenschutzmittel zum Einsatz, die in der Regel aber giftiger oder weniger wirksam sind. Oder das Unkraut wird wie in alten Zeiten untergepflügt. Das bedeutet allerdings, dass mit einem schweren Trecker rund 30 Zentimeter Boden umgedreht werden müssen – ein Einsatz, der viel Treibstoff frisst, viel CO² in die Luft bläst und auch für den Boden nicht unbedingt von Vorteil ist. Zumindest kurzfristig wären weniger Ertrag und höhere Kosten die Folge.

Doch sollte sich die EU am Ende für eine Neuzulassung von Glyphosat entscheiden – und danach sieht es im Moment aus – dann sollte die Diskussion um den Einsatz des Pflanzenschutzmittels nicht aufhören. Vielleicht wäre dann die Gelegenheit, die Debatte auf eine sachliche Ebene zurückzuführen und sich zu fragen, wie eine moderne und gesunde Landwirtschaft aussehen sollte.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen