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Milchpreise seit 2012 : Quotenknick 2016: Wie die Milch zur Ramschware wurde

vom
Aus der Onlineredaktion

Ist das konventionelle System der Milchwirtschaft aus dem Ruder gelaufen? Ein Blick auf Preisentwicklung und entscheidende Einflussfaktoren.

shz.de von
erstellt am 18.Mai.2016 | 18:14 Uhr

Es ist ein existenzielles Jahr für Deutschlands Milchbauern. 1000 Betriebe, so die Prognose des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter, könnten aufgrund des ruinösen Preisniveaus allein in Schleswig-Holstein Stall und Tor für immer schließen. Und die Milchpreise purzeln bundesweit weiter. Am Mittwoch wurde bekannt, dass eine Meierei in Nordrhein-Westfallen nur noch 15 Cent pro Kilo Rohmilch bietet. Unter diesen Umständen ist es unmöglich, das schnell verderbliche Produkt ohne Verluste zu vertreiben. Kostendeckend sei erst ein Milchpreis von 40 Cent je Liter, betont der Bauernverband. Wir haben uns die Preisentwicklung der letzten Jahre angesehen. Die grafische Darstellung zeigt die Dringlichkeit der Situation.

Preis in € je 100 kg, ab Hof bei 4,0 Prozent Fett und 3,4 Prozent Eiweiß (Quelle: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung):

 

2013 erreichen die Milchpreise einen Allzeitrekord von über 41 Euro pro 100 kg. Dieser Preisschub wird getragen von der stark wachsenden Nachfrage der Chinesen nach europäischer Milch als Trend-Produkt. Der Melamin-Skandal von 2008 wirkt weiter, so dass Milchpulver für Säuglinge am gelben Fluss weiter gefragt ist. Die Milcherzeuger und der Bauernverband hoffen, sich einen dauerhaften Absatzmarkt geschaffen zu haben. Doch wird übersehen, dass dem Markt natürliche Grenzen gesetzt sind. Denn über 90 Prozent der Chinesen vertragen gar keine Milch. Weil ihnen das Enzym Laktase fehlt, bekommen sie davon Bauchschmerzen.

Die Milchviehhalter bereiten sich getragen von Euphorie auf das Ende des Quotensystems zum 31.03.2015 vor. Die Branche setzt offensichtlich auf Expansion, investiert und kurbelt die Produktion an, wie man an den Kurven für 2014, 2015 und 2016 erkennen kann. Bis zum Frühjahr 2014 haben die Preise ein hohes Niveau, dann steigt das Angebot saisonal bedingt, und der nationale Preis bricht ein. Zudem endet allmählich die Hochpreisphase am Weltmarkt. Da die Russland-Nachfrage durch den Moskauer Importstopp auch noch einbricht und auch die EU-Binnennachfrage ebenfalls zurückgeht, fallen die Exporte bei erhöhter Produktion sogar geringer aus als im Vorjahr.

Nach zwei guten Jahren für die Milchbauern stellt sich 2015 die Krise ein. Zum 31. Mai fällt die Milchquote weg, was laut der Kurve zunächst keinen größeren Effekt auf die Produktionsmenge hat. Die Discounter eröffnen im Mai des Jahres eine neue Runde im Preiskampf und drücken den Verkaufspreis für einen Liter Vollmilch von 59 auf 55 Cent. Die Preise gehen 2015 durchschnittlich um ein Viertel zurück. Bei leichter Abschwächung des Exports ist das Angebot schneller gewachsen als die Nachfrage. Die Abwärtsbewegung bleibt effektiv bis März 2016 erhalten und eskaliert im Mai. Biologisch bedingt erreicht die Produktion im Frühjahr wie immer ihren Höhepunkt. Der von vielen Ökonomen erwartete Quotenknick kommt ein Jahr später.

Die Milchpreisenwicklung in Schleswig-Holstein

Preis in € je 100 kg, ab Hof bei 4,0 Prozent Fett und 3,4 Prozent Eiweiß (Quelle für Daten bis März: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung):

*Der Extremwert von 19 Cent im Mai 2016 bezieht sich einzig auf die Insel Pellworm. Auf dem Festland liegen die Preise noch über 20 Cent.

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