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Kieler Geomar : Quallen sind viel mehr als nur glibberige Meeresbewohner

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ob Plastikfilter, Kosmetik, Fischfutter, Speise oder Dünger: Ein Forschungsprojekt in Regie des Kieler Geomar sieht viele Verwendungen für die Qualle.

shz.de von
erstellt am 10.Okt.2017 | 13:47 Uhr

Kiel | Bisher gelten Quallen nur als lästig bis gefährlich. Dr. Jamileh Javidpour vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel möchte das ändern. Die Meereswissenschaftlerin koordiniert das europaweit größte anwendungsbezogene Forschungsprojekt zu den glibberigen Meerestieren. Gerade hat die EU sechs Millionen Euro für das Vorhaben „GoJelly“ bewilligt, an dem vier Jahre lang 15 Institutionen aus acht Ländern beteiligt sind.

 

Viele Menschen haben den Eindruck, dass es in diesem Jahr an Nord- und Ostsee deutlich weniger Quallen gab – ist der Bedarf für Ihr Forschungsthema vielleicht doch nicht so groß?

Dr. Jamileh Javidpour: Dieses Jahr war an Ost- und Nordsee extrem anders, das hat uns auch überrascht. Aber das dürfte eher an natürlichen Schwankungen der Bestände liegen. Ein Grund zur Entwarnung ist das keineswegs. Die Prognosen zum Klimawandel zeigen, dass es in vielen Regionen mehr Quallen geben wird. Und in vielen Teilen Europas, darunter im Mittelmeer, haben wir in diesem Jahr erneut große Probleme mit Quallen beobachtet.

Geomar

Die Meereswissenschaftlerin Dr. Jamileh Javidpour Meeresforscherin am Geomar koordiniert das europaweit größte anwendungsbezogene Forschungsprojekt zu den Meerestieren.

 

Warum werden es denn immer mehr?

Quallen sind sehr anpassungsfähig, zum Beispiel an Temperaturveränderungen. Ihre Konkurrenten können mit dem Tempo nicht Schritt halten. Der zweitwichtigste Grund für die Vermehrung ist die Überfischung. Dadurch verschwindet die natürliche Nahrungskonkurrenz. Drittens schaffen wir Menschen zusätzliche Lebensräume durch Strukturen im Meer – etwa durch Fundamente von Offshore-Windparks und Bohrplattformen oder durch Plastikmüll. Auf all diesen Konstrukten entwickeln sich die Quallen gut. Und last but not least sind da die invasiven Arten, also zum Beispiel die Rippenqualle, die durch das Ballastwasser großer Frachtschiffe aus Amerika nach Europa eingewandert ist.

Und was für Schäden durch Quallen beobachten Sie?

Direkt für den Menschen besteht natürlich eine Gefahr durch die Giftigkeit mancher Quallenarten, wenn es zu einer Berührung kommt. Quallen verursachen aber auch wirtschaftliche Schäden. Für den Tourismus oder für Fischfarmen. Vor wenigen Tagen erst sind in Irland Tausende Lachse gestorben, nachdem Quallen in eine Zuchtanlage eingedrungen waren. Quallen haben auch bereits Kühlsysteme küstennaher Kraftwerke verstopft, so dass die Stromproduktion unterbrochen war.

Wo sich die Ausbreitung bisher also schon nicht stoppen ließ, wollen Sie nun den Spieß umdrehen und gucken, ob man den vielen Quallen nicht auch etwas Positives abgewinnen kann?

Das eine tun heißt das andere nicht lassen. Mit unserem jetzt beginnenden internationalen Forschungsprojekt „GoJelly“ jedenfalls wollen wir in erster Linie aus dem Problem eine Chance machen.

 

Welche Nutzungsmöglichkeit für Quallen kommt Ihnen denn als erstes in den Sinn?

Der Schleim, den Quallen wahrscheinlich als Abwehrmechanismus verwenden. Er besitzt eine Proteinstruktur, die Nano- und Mikropartikel abfängt. Sogar Quecksilber kann dieser Schleim einfangen. Studien haben gezeigt, dass Schleim von Quallen Mikroplastik binden kann. Wir wollen also ausprobieren, ob aus Quallen Biofilter hergestellt werden können. Die ließen sich dann in Klärwerken oder in Fabriken einsetzen, in denen Mikroplastik anfällt.

 

Und zu welchen Verwendungen taugt der Quallenkörper selbst?

Wir haben eine ganze Reihe von Produktvorstellungen aufgelistet. Durch das Collagen, das Quallen enthalten, eignen sie sich für Anti-Aging-Kosmetika. Wir werden jetzt genauer gucken, welche Quallenart in diesem Bereich wirtschaftlich wie für Partner aus der Industrie taugt. Ein Kollege von der Kieler Universität wird sich mit der Frage befassen, wie sich Quallen als Dünger in der Landwirtschaft einsetzen ließen. Und ein Teilprojekt unseres Forschungsvorhabens wird sich mit Aquakultur beschäftigen. Wenn man Quallen als Rohstoff möchte, muss man auch unabhängig von schwankenden natürlichen Vorkommen in der Lage sein, sie zu züchten oder für längere Zeit am Leben zu halten. Weil es uns um eine bessere Planbarkeit geht, zählen auch digitale Karten und eine App zur Vorhersage von Quallenblüten zu unseren Plänen.

 

Wie sieht es aus mit Quallen für den menschlichen und tierischen Verzehr?

In China werden Quallen heute schon teilweise gegessen. Wir haben in die Hände italienischer Kollegen gelegt, wie sich diese Idee für den europäischen Geschmack kompatibel machen ließe. In Dänemark gab es vor einem Monat einen kleinen Hype um Quallen-Chips, die eine dänische Forscher-Kollegin ausprobiert hat. Und Quallen als Fischfutter sind auf jeden Fall eine Option.

Jüngere Forschung hat gezeigt, dass sich mehr als 100 Fischarten von Quallen ernähren, anders als man es bisher dachte. Das ließe sich auf Fischfarmen übertragen. Derzeit werden Zuchtfische meist mit gefangenem Wildfisch gefüttert, was das Problem der Überfischung nicht mindert, sondern vergrößert. Futter aus Quallen wäre deutlich nachhaltiger und würde die Wildfischbestände schonen. Das wäre eine Win-Win-Situtation.

 

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