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Drogensucht : Psychisch krank: Zahl der Schwerbehinderten in SH hat sich verdoppelt

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Langzeit-Schäden durch Seelenleiden und Drogen steigen. Seit 2003 stieg die Zahl der Betroffenen um 125 Prozent.

shz.de von
erstellt am 07.Feb.2017 | 15:19 Uhr

Kiel | Zudröhnen, bis sich der Alltag nicht mehr ohne Hilfe verrichten lässt: Immer mehr Schleswig-Holsteiner tragen durch eine Suchterkrankung eine Schwerbehinderung davon. Die Zahl der Betroffenen hat sich seit dem Jahr 2003 auf 1378 mehr als verdoppelt. Das geht aus dem neuen Psychiatriebericht des Landessozialministeriums hervor.

Zugleich ist die Entwicklung nur ein Ausschnitt eines größeren Problems: Auch die Zahl der Schwerbehinderungen durch psychische Leiden jeglicher Art ist massiv gestiegen: zwischen 2003 und 2015 um 125 Prozent. 21.050 Schleswig-Holsteiner sind betroffen. 57 Prozent aller Fälle gehen auf Neurosen oder Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen zurück. 36 Prozent sind durch Psychosen bedingt. Die Suchterkrankungen erreichen einen Anteil von sieben Prozent.

Das Sozialministerium sieht eine Ursache für den steilen Anstieg in einer „zunehmenden Entstigmatisierung psychischer Störungen“. Daher gebe es mehr Diagnosen. Der Präsident der Psychotherapeuten-Kammer, Oswald Rogner, teilt diese Einschätzung: „Das Tabu, zum Therapeuten zu gehen, hat sich verkleinert.“ Viele psychische Leiden wie etwa Depressionen könnten chronisch sein, erklärt Rogner. „Das kann ein Ausmaß annehmen, dass man das gewöhnliche Tagwerk nicht mehr geregelt bekommt“ – und das ist dann der Ansatzpunkt, um beim Landesamt für soziale Dienste eine Anerkennung als Schwerbehinderter zu beantragen. Als weiteren Grund für den Trend nennt Rogner „Dauerstress durch die heutige Arbeitswelt, in der in wesentlich kürzerer Zeit immer mehr geleistet werden soll“.

Schwerbehinderungen durch Sucht führt der Kammerpräsident unter anderem darauf zurück, dass zunehmend verschiedene Wirkstoffe von ein- und derselben Person konsumiert würden. Die Kombination etwa von Designerdrogen mit Cannabis oder Alkohol bringe umfassende chemische Prozesse mit sich. „Zum Teil kann so etwas richtige Psychosen auslösen und eventuell zu Veränderungen der Hirnstruktur führen“, weiß Rogner.

„Polytox“ (viel-giftig) nennt Björn Malchow von der Landesstelle für Suchtfragen solche Kombinationen. „Aus der Mischung entstehen dann starke Beeinträchtigungen.“ Malchow verweist auf Statistiken der Rentenversicherung Bund, nach der die Bewilligung von Reha-Maßnahmen zur Entwöhnung Süchtiger rückläufig ist. Das erschwere eine Rückkehr ins normale Leben. Ein Schwerbehindertenstatus könne ein Weg sein, aus anderen Finanztöpfen gewisse Unterstützung zu beziehen.

Der Geschäftsführer des Landesbeauftragten für Behinderte, Dirk Mitzloff, fordert angesichts der boomenden Zahl psychisch bedingter Schwerbehinderungen: „Das darf die Landesregierung nicht einfach nur im Psychiatriebericht zur Kenntnis nehmen. Wir erwarten, dass sie gegensteuert.“

Das Sozialministerium verweist auf erste Ansätze. So wurde zum Jahreswechsel die ambulante und tagesklinische Versorgung in der Psychiatrie um 148 Plätze ausgebaut. Die Wiedereingliederung in den Beruf werde erleichtert. Das Land dränge zudem auf Bundesebene darauf, Arbeitsschutzmaßnahmen im Hinblick auf psychische Belastungen zu stärken.

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