SHMF in Neumünster : Prachtvoll – aber ohne Leichtigkeit: „Tenorissimo“ Jonas Kaufmann

Jonas Kaufmann besitzt unwiderstehliche Bühnenpräsenz und eine unverwechselbare Stimme.
Jonas Kaufmann besitzt unwiderstehliche Bühnenpräsenz und eine unverwechselbare Stimme.

Der Tenorstar trat mit den Symphonikern Hamburg in der Holstenhalle auf.

shz.de von
19. Juli 2018, 19:03 Uhr

Neumünster | Gala-Abende mit Opernstars gehorchen eigenen Gesetzen: die Reduzierung musiktheatralischer Handlungen auf eine einzige Ariensituation und damit der alleinige Fokus auf Stimme und Persönlichkeit des Sängers. Das SHMF lockte mit dem wohl begehrtesten Tenorstar unserer Tage die Fans in die Holstenhalle zu Neumünster: Jonas Kaufmann verzückte dort in Begleitung der reichlich rustikalen Symphoniker Hamburg unter Jochen Rieder seine Fans mit einem Opernhäppchen-Programm, das im interessanten ersten Teil Französisches, nach der Pause reinen Wagner offerierte. Man konzentrierte sich also auf die unverwechselbare Stimme dieses charismatischen Sängers, die samtweich jederzeit für sich einzunehmen verstand.

Kaufmann besitzt eine unwiderstehliche Bühnenpräsenz, mit der er jeder seiner Opernfiguren individuelle Prägnanz einhaucht und den Minidramen aus den weitgehend unbekannteren französischen Opern fesselnde Bedeutung zumisst. Seine sehnlichst erwarteten Höhenausflüge „saßen“ zwar stets, endeten aber aufgrund enormen Atemdrucks meist angestrengt im Fortissimo. Dadurch wirkte sein Vortrag zwar effektvoll und leidenschaftlich, was aber für die geforderte Phrasierungs-Eleganz im französischen Fach hinderlich war.

Schlacken beim Orchester

Massenets „Werther“, den Kaufmann als Zugabe präsentierte, passte exakt in diese fast veristisch anmutende Vortragweise, die „Blumenarie“ aus Carmen dagegen weniger. Denn hier ging’s hinab in zarteste Pianogefilde, die von Kaufmann nur mit allerlei technischen Tricks bewältigt werden konnten. Für solche Passagen fehlte ihm die Leichtigkeit, die Schlankheit seiner im übrigen prachtvollen Stimme. Die setzte er gekonnt in der Richard Wagner vorbehaltenen Sektion ein: Da gab es einen imposanten Hochdruck-Siegmund mit elektrisierenden „Wälse-Rufen“ nebst jubelnde „Winterstürme“ als Zugabe sowie eine erfurchtsgebietende „Gralserzählung“, während Walthers Preislied aus den „Meistersingern“ nicht ganz so „morgentlich-leuchtend“ daherkam wie vielleicht erhofft.

Diverse Wünsche blieben allerdings im Hinblick auf das Orchester offen, das dieses vielschichtige Programm mit arg wechselhaftem Fortune allzu großzügig begleitete. Das Auditorium ließ sich davon seine Festtagsstimmung nicht verleiden, überhörte diverse Schlacken höflich und wusste seinen „Tenorissimo“ gebührend zu feiern.

 

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