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Notruf vom Balkon : Polizei wehrt sich gegen Vorwürfe nach Todessturz

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Evita R. wählte den Notruf, bevor sie vom Balkon in Trappenkamp in den Tod stürzte. Reagierte die Polizistin falsch auf den Hilferuf?

shz.de von
erstellt am 30.Aug.2013 | 07:27 Uhr

Nach dem Gerichtsprozess um den Balkonsturz von Trappenkamp (Kreis Segeberg) wehrt sich die Polizei gegen den Vorwurf, für den Tod von Evita R. (18) mitverantwortlich zu sein. In der Verhandlung  war das Wortlaut-Protokoll des Notrufs verlesen worden, den die junge Frau getätigt hatte. "Über die Diktion der Beamtin, den verbalen Umgang mit der Anruferin kann man sicherlich diskutieren", sagte Segebergs Leitender Polizeidirektor Andreas Görs (51). "Aber die polizeilichen Aufgaben wurden ohne Verzug abgearbeitet."

Das Gespräch mit der Leitstelle Elmshorn, zuständig für die Kreise Segeberg und Pinneberg, hatte rund zwei Minuten gedauert. Evita R. führte es am 14. Oktober 2012 um 3.44 Uhr vom Balkon einer Wohnung im zehnten Stock eines Hochhauses. Dorthin hatte sich die junge Frau geflüchtet, nachdem zwei Männer die Party in der Wohnung überfallen hatten, auf alle Gäste einprügelten und sie mit einem Messer bedrohten.

Der Notruf macht deutlich, dass der Leitstellen-Beamtin Ortskenntnisse über Trappenkamp fehlten. Sie forderte Evita R. auf, sie solle  jemanden fragen, in welcher Straße das Hochhaus liege. Außerdem betonte die Polizistin mehrfach, Evita R. müsse "gefälligst" die Tür unten öffnen, sonst könnten die Polizisten nicht helfen.

Im Prozess vor dem Segeberger Amtsgericht sagte ein Bekannter von Evita R. aus, sie habe nicht nur versucht, vom Balkon ein Stockwerk tiefer zu klettern, um sich zu retten.  "Ihre Begründung war auch, dass die Polizei nicht ins Haus könne, weil die Klingel nicht funktioniere."

Polizeidirektor Görs hat gestern in der Leitstelle alle Unterlagen zu dem Fall gesichtet. Er sagt: "Diese Kausalkette ist nicht zutreffend. Die junge Frau war in höchster Panik, ihre Angst vor den Angreifern war maßgeblich für ihre Entscheidung." Görs betont, dass der Beamtin in der Leitstelle nicht klar gewesen sei, dass Evita R. auf dem Balkon stand. "Gleichwohl hat sie den Ernst der Lage richtig erkannt." So seien auch ohne Kenntnis der Straße sofort zwei Streifenwagen nach Trappenkamp geschickt worden. "Sie waren nach 15 Minuten am Hochhaus. Die Beamten kannten es, und auch in  der Leitstelle war der Straßenname binnen kürzester Zeit ermittelt worden."

Mit der Leitstellen-Beamtin werde nun noch einmal gesprochen. Allerdings seien schon kurz nach dem Unglück keine strafrechtlich relevanten Fakten aufgetaucht. "Was wir weiter schulen müssen, ist der psychologische Umgang mit Hilfesuchenden", gibt Görs zu. Das permanente Nachfragen nach dem Ort verteidigt er. Es sei wichtig, um Hilfe schnell organisieren zu können.

Die Leiche von Evita R. wurde erst am nächsten Tag gefunden. Die Streifenpolizisten hatten zwar nach ihr gefragt, doch auch die Partygäste wussten nicht, dass sie auf den Balkon geflüchtet war. Sie dachten, Evita R. sei nach Hause gegangen. Die Eingangstür unten stand übrigens offen.

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