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Gefährlicher Trend : Polizei warnt vor Todesfalle Selfie: „Die Gleise sind tabu!“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Selfies im Gleisbett sind symbolträchtig – und gefährlich. Die Bundespolizei blickt mit Sorge auf die Osterferien.

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erstellt am 07.Apr.2017 | 15:40 Uhr

Flensburg/Bredstedt | Sie sind beste Freundinnen. Das wollen die Jugendlichen der Welt mitteilen. Wie geht das besser als mit einem Fotobeweis gepostet in den sozialen Netzwerken? Und damit die Botschaft gut rüberkommt, braucht es einen symbolträchtigen Ort. „Viele suchen sich leider die Gleise aus“, sagt Hanspeter Schwartz. Die schier endlosen Schienen stehen für unendliche Freundschaft, junge Mädchen posieren hier händchenhaltend oder die Finger zu Herzchen formend für die Smartphone-Kamera. „Dabei sind die Schienen der schlechteste Ort, den es dafür gibt!“ Der Sprecher der Bundespolizei meint es bitterernst: „Die Gleise sind lebensgefährlich.“

Für einen interessanten Social-Media-Auftritt gehen manche Nutzer zu weit. Durch waghalsige Aktionen bringen sie nicht nur sich selbst in Gefahr, sondern beschäftigen die Rettungskräfte oder gefährden andere Menschen.

Trotz dieser offensichtlichen Gefahr riskieren immer wieder Jugendliche ihr Leben für das perfekte Bild. Insbesondere Mädchen zwischen zwölf und 16 Jahren suchten sich die Gleise für das Selfie mit der besten Freundin aus, sagt Schwartz. Unter anderem habe es bereits Fälle in Neumünster oder auf der Marschbahn-Strecke bei Bredstedt gegeben, erzählt er. „Zum Glück ist noch nichts passiert.“

Die Meldung „Person im Gleis“ hat für die Beamten dennoch höchste Priorität. Wird ein solcher Fall gemeldet, rückt die Bundespolizei sofort aus, mit Blaulicht, Sirene und allem Drum und Dran. „Weil es so gefährlich ist. Wir nehmen das hammer ernst!“

Man könne die Züge nicht hören, merke nicht, ob ein Güterzug herangerast komme – teilweise brettern die Züge mit über 120 Stundenkilometern durchs Land. Selbst bei Windstille höre man sie zu spät, warnt die Bundespolizei in einem offiziellen Flyer zu dem Thema. Die Jugendlichen seien durch die perfekte Inszenierung des Bildes vollkommen von ihrer Umwelt abgelenkt, weiß Schwartz. „Ganz plötzlich ist der Zug dann da – und er kann nicht ausweichen“, verdeutlicht der Polizeisprecher.

Durch sein Gewicht habe er außerdem eine enorme Schubmasse und brauche bei der hohen Geschwindigkeit fast einen Kilometer, bis er zum Stehen komme. Wenn der Zugführer denn überhaupt sieht, dass sich Menschen auf den Schienen aufhalten – im schlimmsten Fall sogar noch hinter einer Kurve. „Da ist der Unfall fast schon vorprogrammiert.“ Auch auf die Fahrpläne könne man sich nicht verlassen, warnt die Bundespolizei – immer wieder würden Sonderzüge eingesetzt, die in keinem öffentlich einsehbaren Plan zu finden sind.

Und auch wenn nichts passiert, müssten die waghalsigen Knipser mit Ärger rechnen: In sozialen Netzwerken fallen die Bilder auf; die Jugendlichen werden von Freunden, Bekannten oder Nachbarn identifiziert und dann von der Polizei aufgesucht. Auch die Eltern würden informiert: „Viele wissen gar nicht, dass ihre Kinder solch gefährliche Dinge machen, und fallen vom Glauben ab“, sagt Schwartz.

Doch es gehe den Beamten nicht darum, mit erhobenem Zeigefinger den Spielverderber zu geben. Auch das Drohen mit Strafen sei für die Bundespolizisten nicht der Kern ihrer Warnungen, man wolle schlicht echte Gefahrensituationen vermeiden. Dennoch: Rechtlich wäre es zunächst als Ordnungswidrigkeit einzustufen, wenn man sich im Gleisbereich aufhält, sagt Schwartz. Doch spätestens wenn ein Zug bremsen müsse, bekomme ein solcher Fall schnell eine andere Qualität. Durch eine Schnellbremsung von 100 auf null km/h würden auch die Reisenden im Zug gefährdet, „und da sind wir schon im Bereich Straftatbestand – das ist ein gefährlicher Eingriff in den Bahnverkehr“. Möglicherweise folgen dann noch Regressforderungen des Bahnunternehmens, wenn es zu Verspätungen kommt.

Doch so weit wolle man es aber gar nicht kommen lassen, sagt Schwartz – die Bundespolizei appelliere an den gesunden Menschenverstand und an die Eltern, noch einmal auf Gefahren hinzuweisen, und man warne im Internet, mit Flyern oder bei Besuchen in den Schulen vor der lebensgefährlichen Jagd nach dem vermeintlich perfekten Bild.

Belastbare Zahlen über die durch den Selfie-Wahn ausgelöste Einsätze gebe es zwar nicht, sagt Schwartz. Sie würden in der Statistik werde nicht einzeln aufgeschlüsselt. Auch wenn solche Einsätze noch nicht an der Tagesordnung seien, bereiten ihm die beginnenden Osterferien Sorge. „Wir können nicht ausschließen, dass die Einsatzzahlen in der Ferienzeit wieder steigen.“ Es sei potenziell mehr Zeit für Aktionen solcher Art. Er stellt noch einmal klar: „Die Schienen sind kein Abenteuerspielplatz. Gleise sind tabu!“

Doch nicht nur Schienen, auch das Klettern auf Masten kann bei Jugendlichen für falschen Ehrgeiz sorgen, ein spektakuläres Bild zu schießen. Schwartz erinnert an einen tragischen Fall vor etwa einem Monat in Bremen: Ein 14-Jähriger war auf einen Mast am Bahngleis geklettert, um aus fünf Metern Höhe ein interessantes Foto zu machen. Das Ergebnis: Er erlitt einen Schlag von der 15.000 Volt starken Oberleitung und stürzte brennend zu Boden. Der Jugendliche schwebte in Lebensgefahr und lag im künstlichen Koma. Zwei Tage später war er außer Lebensgefahr.

Seit zwei oder drei Jahren bemerkt Schwartz einen Anstieg solcher Situationen, bei denen sich Menschen für ein Selfie in Gefahr bringen. Das deckt sich anscheinend mit dem Eindruck der Deutschen Bahn, die im Dezember 2015 mit einem Video vor dem Selfie-Schießen im Gleis warnte.

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