„Spurfix“ : Polizei in SH überführt mit neuer Folie bei Fahrerflucht

Unfallsachbearbeiter Stefan Maring klebt die Folie auf einen beschädigten Kotflügel und zieht sie danach ab. Unter dem Mikroskop enthüllt sie dann ihre Geheimnisse.
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Unfallsachbearbeiter Stefan Maring klebt die Folie auf einen beschädigten Kotflügel und zieht sie danach ab. Unter dem Mikroskop enthüllt sie dann ihre Geheimnisse.

Streifenwagen werden landesweit mit einem Schnelltest für mikroskopisch kleine Lackspuren ausgerüstet. Die Trefferquote überzeugt.

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28. März 2017, 18:51 Uhr

Kiel | Mit Methoden wie sie sonst nur bei Kapitalverbrechen eingesetzt werden, will die Polizei in Schleswig-Holstein künftig Autofahrer überführen, die Unfallflucht begangen haben. Die neue Waffe im Arsenal der Beamten heißt „Spurfix“ und ist eine Klebefolie, mit der sich Lackspuren sichern lassen, die für das Auge unsichtbar sind.

Bei jedem fünften Unfall im Norden flüchten Beteiligte. Das sind fast 23 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Darauf hat die Polizei reagiert – mit einem „Spurfix“-Pilotprojekt in Kiel. Dietmar Luckau, Leiter des Verkehrsunfalldienstes: „Mit der Folie können wir Verursacher zuordnen, Verdächtige ausschließen und vorgetäuschte Taten erkennen.“ Das war zwar schon vorher möglich – mit an der Beule abgekratztem Material, doch die herkömmliche kriminaltechnische Untersuchung dauerte bis zu sechs Monate. „Jetzt können wir sofort agieren.“

Und so funktioniert „Spurfix“: Unfallsachbearbeiter Stefan Maring malträtiert einen blauen Kotflügel mit einem Stein. Er klebt die Folie auf und zieht sie wieder ab. Dann legt er sie unter ein USB-Mikroskop (75 Euro) und schaut sich die Partikel mit 220-facher Vergrößerung am Laptop an. „Ich kann leicht erkennen, dass hier kein anderes Auto beteiligt war, sondern ein Stein“, sagt er. Warum das wichtig ist? Manchmal wird eine Fahrerflucht gemeldet, um von eigenem Verschulden abzulenken, etwa wenn das Auto dem Arbeitgeber gehört.

Zwei blaue Lackspuren unter dem Mikroskop: Sie sind farblich unterschiedlich, ein Verdächtiger wäre in diesem Fall entlastet.
Foto: Gehm
Zwei blaue Lackspuren unter dem Mikroskop: Sie sind farblich unterschiedlich, ein Verdächtiger wäre in diesem Fall entlastet.
 

In Kiel war während der Pilotphase ein Mann auf dem Ikea-Parkplatz mit seinem Wagen gegen einen Poller gerumst. Später meldete er der Polizei eine Unfallflucht. „Doch wir brauchten dank ,Spurfix‘ nicht nach einem Verursacher zu fahnden“, erklärt Maring. „Die betreffende Person war baff.“ Ebenso wie ein DHL-Fahrer, der ein anderes Auto touchiert hatte und geflüchtet war. Maring: „Ich erkannte unter dem Mikroskop, dass die Lackfarbe postgelb war.“ Die Beamten ließen prüfen, welcher Wagen des Unternehmens zur Unfallzeit in der Gegend unterwegs war und klebten eine verdächtige Stelle mit „Spurfix“ ab. „Beim Geschädigten und beim Verdächtigen hatten wir eine Deckungsgleichheit der Lackpartikel“, so Maring.

Lässt sich von den Pigmenten auch auf die Automarke schließen? „Nein, sagt Dietmar Luckau, „aber selbst wenn der Abrieb mikroskopisch klein ist, wissen wir jetzt sofort, nach welcher Farbe wir suchen müssen.“ Diese werde an Streifenpolizisten und an die Geschädigten übermittelt, die dann gezielter Ausschau halten könnten. Luckau betont: „Zeugenaussagen zum Autotyp und zum Kennzeichen bleiben weiter wichtig.“

Ein weiterer Vorteil der Folie: Selbst bei starkem Wind, bei Regen und in der Dunkelheit lassen sich Spuren sichern, was beim herkömmlichen Abkratzen oft schwierig ist. Und selbst Monate nach einem Unfall können Spuren mit der Folie abgezogen werden, die Waschanlage soll nicht helfen. Bei 180 Unfallfluchten kam „Spurfix“ in Kiel zum Einsatz. In 48 Prozent der Fälle konnte der Täter ermittelt, bei 35 Prozent ein mutmaßlicher Verursacher ausgeschlossen werden (wie etwa die gerne beschuldigten Busfahrer). Und bei sechs Prozent wiesen die Ermittler vorgetäuschte Taten nach. Nur bei elf Prozent der Fälle lieferte die Folie keine verwertbaren Spuren.

Torge Stelck, Sprecher des Landespolizeiamts: „In den kommenden Wochen wollen wir ,Spurfix‘ landesweit einführen. Denn die Methode hilft nicht nur bei den strafrechtlichen Ermittlungen, sondern sorgt auch dafür, dass den Opfern der Schaden bezahlt wird.“

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