G20-Gipfel, Einbrüche, Terrorschutz : Polizei in SH häuft gigantischen Überstundenberg an

Polizisten sichern die Eröffnungsfeier der Kieler Woche – wegen der hohen Terrorgefahr müssen viel mehr Leute im Einsatz sein als früher.
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Polizisten sichern die Eröffnungsfeier der Kieler Woche – wegen der hohen Terrorgefahr müssen viel mehr Leute im Einsatz sein als früher.

Die Mehrarbeit steigt in Schleswig-Holstein auf mehr als 450.000 Stunden – das entspricht 270 zusätzlichen Polizisten.

shz.de von
05. Januar 2018, 06:52 Uhr

Kiel | G20-Einsatz, verstärkter Kampf gegen Einbrecherbanden und Raser – die Beamten der Landespolizei haben 2017 so viele Überstunden geschoben, wie lange nicht. Mit Stichtag 30. November stieg die Zahl auf 450.232. Das ist gegenüber 2016 ein Anstieg um 25 Prozent.

Bundesweit häuften die Beamten in Bund und Ländern nach Angaben der Gewerkschaft der Polizei (GdP) mehr als 22 Millionen Überstunden an. „Ich gehe davon aus, dass es auch noch mehr waren“, sagte der Vorsitzende der GdP, Oliver Malchow, unserer Redaktion. Damit bleibt die Zahl auf Rekordniveau, 2016 waren es ebenfalls 22 Millionen Überstunden gewesen, 2015 rund 20 Millionen.

„Allein beim Einsatz zum G-20-Gipfel in Hamburg sind Zigtausende Überstunden angefallen“, sagte Malchow. Und: „Wegen der hohen Terrorgefahr müssen viel mehr Leute im Einsatz sein als früher, sei es auf Weihnachtsmärkten oder für den Objektschutz.“ Der Gewerkschafter warnt: „Die Überlastung der Polizei ist ein Sicherheitsproblem.“

In Schleswig-Holstein entspricht die Zahl der Überstunden 270 zusätzlichen Polizisten – berücksichtigt man die Zeiten für Lehrgänge, Qualifikationsnachweise und Urlaub. Dennoch betont Innenstaatssekretär Torsten Geerdts: „Unsere Landespolizei ist in den vergangenen Monaten sehr erfolgreich gegen den Wohnungseinbruchsdiebstahl vorgegangen und dabei absolut auf dem richtigen Weg. Die Verkehrsüberwachung ist wieder auf dem Niveau von vor 2015.“

Durch die Flüchtlingskrise in den Jahren 2015 und 2016 hatte die Polizei in Schleswig-Holstein deutlich weniger Verkehrskontrollen durchgeführt und auch die Prävention eingeschränkt. Zudem hätten die Beamten einen Schwerpunkt auf die Bekämpfung von Wohnungseinbrüchen gelegt. Hier sank die Zahl von 6000 Fällen 2016 auf 4700 im vergangenem Jahr (Stichtag jeweils November). „In den kommenden Jahren werden wir 500 zusätzliche Polizisten einstellen. Wie nötig diese Stellen sind, zeigt der deutliche Anstieg an Überstunden, die unsere Polizeikräfte erneut geleistet haben“, sagte Geerdts.

Der lange Schatten der Vergangenheit

Ein Kommentar von Dieter Schulz

Jahrelang teilte die Landespolizei in Schleswig-Holstein das Schicksal der Bundeswehr – die Uniformträger galten als die Sparschweine der Regierungen in Kiel und Berlin. In Schleswig-Holstein wurde zuletzt die Wasserschutzpolizei regelrecht versenkt und selbst der überaus populäre Verkehrskasper musste einen regelrechten Überlebenskampf gegen Innenminister von CDU und SPD führen.

Die Folgen sind bekannt: Das Sicherheitsgefühl der Bürger im Land ist so schlecht wie nie und zugleich sind die Polizisten in Schleswig-Holstein überlastet wie lange nicht. Die Zahl der Überstunden ist im vergangenen Jahr regelrecht explodiert.

Zwar hat die Politik inzwischen reagiert und bei der Landespolizei zusätzliche Stellen geschaffen. Mehr Polizisten sind damit aber noch nicht auf der Straße im Einsatz, die neuen Beamten müssen erst gewonnen und ausgebildet werden. Hamburg testet jetzt eine verkürzte Ausbildung für ehemalige Bundeswehrsoldaten, Mecklenburg-Vorpommern wirbt gezielt um ehemalige Feldjäger. Der Wettlauf um gute und vor allem schnell einsetzbare Leute für die Polizei hat längst begonnen.

Schleswig-Holstein muss aufpassen, hier nicht abgehängt zu werden. Neue Überstundenberge bei der Polizei wären dann das geringste Problem.

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